#Lyrik

Wurzelfieber.

Hans Aschenwald

// Rezension von Helmuth Schönauer

Manchmal gehen lyrische Schlüsselwörter unbemerkt in den Alltagsgebrauch über und tauchen dann unerwartet zu verschiedensten Anlässen auf. Hans Aschenwalds wundersames, giftgrünes Buch vom „Wurzelfieber“ taucht mittlerweile an allen lyrischen und unlyrischen Leseorten auf, und alle staunen über die seltsame Bedeutung, die sich hinter dem Wurzelfieber verbergen könnte.

Das titelstiftende Gedicht „Wurzelfieber“ ist zudem eines der kürzesten und eindringlichsten der lyrischen Weltgeschichte: „Wurzelfieber // Du / Hüpfst in mein Teil // Ich / Halte still“ (17) In diesen paar Silben ist die verzückende Welt Hans Aschenwalds verborgen. Erotik, Geradlinigkeit, Kürze, Hitze und Untergrund. Mit jedem mal Lesen wird alles klarer, und je klarer alles wird, um so öfter liest man es und spricht es als Beschwörung nach.

Die Gedichtsammlung ist in fünf Pechsiedepfannen aufbereitet: „Dieser Wald“, „Atemguthaben“, „Dazumal“, „Siebenschneidenweg“ und „Fieber“.

Die Gedichte spielen in einer schnellen Welt voller Bilanzen und Saisonen permanenter Wertschöpfung. Die Natur schaut diesem Treiben in ewiger Unversehrtheit zu, und mit überdimensionierten Erinnerungsstücken versucht das lyrische Ich, sich durch diesen Wald voller Beziehungsstrünke zu schlagen. Die Bilder sind noch wie damals im Märchen, aber die Größe hat sich verändert, wohl auch die Unschärfe, und der Geruch ist neu. Aber so ergeben die Bilder, frisch gemischt, gute Karten für die Gegenwart.

Hans Aschenwalds Ton justiert sich während eines Gedichtes immer selbst nach, wenn es ein zu großes Echo gibt, läßt er nach, wenn etwas zu verräuspert beginnt, wird es zwischendurch schneidiger. Zwischen der Erhabenheit, mit der im politischen Gemeinwesen verschiedene Dinge beschrieben werden, und dem Kopfschütteln des lyrischen Ichs gibt es so manchen Schrepfer, wie man das Anwandeln eines Bobs in einem Eiskanal nennt.

Manchmal lugt Lokalkolorit kurz hervor und testet, ob das wohl in einem großen Gedicht geht, und es geht.

Vor allem die Ironie gibt dem Leser ordentlich Auftrieb. Wenn etwa in einem alten Erinnerungsbild eine Kellnerin jenen Gast in den Keller nimmt, der zu diesem Zweck das größte erotische Gerät hat, so ist man an Übertreibungen erinnert, wie sie Kinder oft aussprechen, wenn sie etwas vergleichen, oder auch von elegant Betrunkenen, wenn sie den Größten und Wildesten haben – gemeint ist natürlich der Suff in der Krone.

Hans Aschenwald schreibt verschmitzt und fröhlich. Wenn große Gedanken kommen, zerkleinert er sie bei Bedarf mit seiner Wortaxt, damit sie gut in den Ofen passen, der uns die Stube wärmt, während wir im Wurzelfieber liegen.

Gedichte.
Berlin: Wagenbach, 2003.
74 S.; geb; m. Abb.
ISBN 3-8031-3181-2.

Rezension vom 24.11.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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