Doch halt: man verwechsle nicht „schmal” mit „inhaltsleer”. Woodstocks Enten ist eines jener Bücher, die man – zumindest in Teilen – mehrmals lesen sollte, um ihnen wirklich nahezukommen. Das fällt angesichts des Umfangs von kaum mehr als 80 Seiten, gegliedert in fünf Kapitel und darin wiederum in kleine Szenen, die selten auch nur eine volle Seite lang sind, nicht schwer, zumal der Schreibstil der Autorin ganz und gar karg daherkommt: das gesamte Buch besteht zu gefühlt 90 Prozent aus schmucklosen Hauptsätzen, als hätte hier jemand versucht, unter allen Umständen eine barrierefreie Lektüre für Nichtleser zu schreiben. So etwas muss man in einem ambitionierten literarischen Debüt erst einmal durchhalten können.
Als Vertreterin des Jahrgangs 1979 ist Verena Roelants natürlich keine „klassische” Jungautorin, sondern eine Frau, die längst fest im Leben steht. Die in Klagenfurt Geborene mit niederländisch-österreichischen Wurzeln ist promovierte Juristin – aber eben auch Schriftstellerin, wenngleich Woodstocks Enten ihr erstes eigenes Buch ist. Doch auch das Schreiben betreibt sie eigentlich schon länger: so wurde sie etwa bereits 2023 beim Kärntner Lyrikpreis ausgezeichnet, Texte von ihr erschienen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Auch für ihren monographischen Erstling konnte sie schon einen Achtungserfolg verbuchen: das Grazer Onlinemagazin Haubentaucher führte das Buch als „Literatur des Monats” im März dieses Jahres.
Woodstocks Enten inszeniert das Leben einer Frau, die über das Ende einer Liebesbeziehung nicht hinwegzukommen scheint. Diese Frau, die ein Ich ohne Namen bleibt, vermisst C (Christian? Carsten? Clemens? Wir erfahren auch das nicht), über dessen Wesen und Aussehen man nur sehr zwischen den Zeilen etwas mitbekommt. Die Protagonistin vergleicht ihn zwar immer wieder mit männlichen Personen, die ihr begegnen, doch die Beobachtungen bleiben stets an der Oberfläche der Wahrnehmung:
Dann sehe ich den Mann, der C ähnelt. Der Mann, der C ähnelt, trinkt Kaffee. Konturloses Gesicht, ich reibe über meine Augenlider. […] Ich gestalte C. Zwei Frauen streben zu m Platz, an dem der Mann, der C ähnelt, sitzt. […] Ich will den Ort, an dem der Mann sitzt, der C ähnelt, nicht verlassen. (S. 14)
Wir erkennen also, dass die Frau eher C in die gesehene Person hineinliest, indem sie deren Konturlosigkeit gestaltet. Doch auch so erfahren wir weder etwas Substanzielles über C’s Äußeres noch über seinen Charakter. Auch über die weibliche Ich-Figur können wir beim ersten Lesen nur Bruchstückhaftes in Erfahrung bringen. Nach und nach setzt sich das Bild einer schwer gestörten Persönlichkeit zusammen, die kaum Selbstvertrauen hat und ihr Verhalten, ja sogar ihre Empfindungswelt weitgehend im Zusammenhang mit der von ihr zum Lebensvorbild erkorenen Influencerin Nelly entwickelt, deren Dasein sie eine Zeitlang fast ununterbrochen über einen Social-Media-Kanal verfolgt, Dinge kauft, die Nelly ihren abhängigen Jüngerinnen empfiehlt, nur um sich anschließend noch verlorener zu fühlen. Nelly selbst (bezeichnenderweise neben Celebrities wie z. B. Angelina Jolie die einzige Figur im ganzen Buch, die einen Namen hat) scheint eine zumindest nach außen hin kreative Person zu sein, sie zeichnet und schreibt, auch wenn man im Einzelnen auch hier nur wenig Genaues erzählt bekommt.
Alle Menschen, mit denen das Ich tatsächlich interagiert, sind Funktionsträger einer auf Konsum und Reizbefriedigung ausgerichteten Gesellschaft, Verkäuferinnen, ein Friseur, eine Bäckerin, ein Postbeamter (das Ich kauft tatsächlich zweimal eine größere Menge an Briefmarken, schreibt jedoch niemandem auch nur eine einzige Zeile). Die beobachteten Menschen um sie herum spricht sie selbst nicht an noch wird sie von ihnen angesprochen. Davon gibt es zwei Ausnahmen, und die haben – natürlich – in Funktion und an der entsprechenden Textstelle etwas zu bedeuten. Gleich zu Beginn die Straßenzeichnerin, die das Ich auf die Bedeutung der eigenen fünf Sinne hinweist. Und der Straßenkehrer kurz vor Schluss, der von sich aus das Ich anspricht und ein paar Belanglosigkeiten aus seinem Leben erzählt – banal genug, tatsächlich aber ein Anfang für die Frau, sich endlich wieder in der menschlichen Gesellschaft zurecht zu finden, ohne Vermittlung durch das Medium Internet.
In den fünf Kapiteln werden denn auch die fünf Sinne aufgerufen, mit denen das Ich einen stummen und stumpfen Kampf um die Wiedererlangung seiner Persönlichkeit führt. Jeder der kleinen Skizzen ist ein kursiv gedruckter Ein- oder Zweizeiler vorangestellt, der sich meist auf Produkte des täglichen Lebens bezieht: Schokolade, Hundefutter, Alufolie, Waschmittel, aber auch im Kapitel über das Olfaktorische verschiedene Parfums und ihre Zusammensetzungen, in jenem über das Hören die verschiedenen Laute des Sprechens, oft gespiegelt an C’s imaginierter Stimme aus der Vergangenheit. Hierin offenbart sich recht deutlich ein Sinn der Autorin für bewusstes formales Gestalten und gleichzeitig die dann doch allmählich durchscheinende Entwicklung ihrer Protagonistin: während die Trennschärfe zwischen den Sinnen anfangs noch etwas vage erscheint, ist sie bereits ab dem zweiten Kapitel immer deutlicher wahrzunehmen.
Die erwähnte Kargheit des Schreibstils korrespondiert natürlich in Wahrheit ganz wunderbar mit der schwer beeinträchtigten Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit der Ich-Figur. Verena Roelants Debüt Woodstocks Enten ist ein thematisches und sprachlich-stilistisch durchaus gelungenes Experiment, das gerade bei einem Verlag wie Ritter gut aufgehoben ist. Man darf gespannt auf die weitere Entwicklung der Autorin sein.
Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.
