#Prosa

Wir lassen uns gehen.

David Schalko

// Rezension von Roland Steiner

25. April 2008, Porgy & Bess: Das Publikum des alljährlich im Wiener Jazzclub stattfindenden Literaturfestivals „Wortspiele“ wartet in anheimelnder Atmosphäre auf den letzten Autor des Abends. Als David Schalko mit sonorer Stimme aus seinem Debütroman Frühstück in Helsinki (2005) vorzulesen beginnt, sieht er entspannt lachende Gesichter. Man kennt den für ORF-Sendungen wie „Dorfers Donnerstalk“ oder „Sendung ohne Namen“ verantwortlich zeichnenden TV-Preisträger, der sodann eine SS-Uniform mit Onanie vereinende Satire aus seinem neuen Erzählband vorträgt.

„Wir lassen uns gehen“, heisst der Band, und die Medienleute darin tun selbiges, ohne dabei gut auszusehen. Conny Franke etwa, der Nachmittagstalkmaster, ist ein koksender Zyniker der seine Frau mit der Zeitungstycoongattin betrügt. Sein am Flohmarkt auftauchender studentischer Ausflug ins Pornofilmgeschäft kostet ihn die Ehe und ein Betrugsmitschnitt den Job. Horst Marthaler hat sich als Zukunftsdeuter auf Astrovox-TV gut eingerichtet, ehe sein Ex-Schulkollege Hornicek ihm die abzockende Pseudoprognostik streitig macht. Und der seine Familie in Jägerlatein drangsalierende Zeitungs-, Bank- und Versicherungstycoon halluziniert sich zu einem Kollaps und endet im rosa Hasenkostüm.

Kurzgeschichten dieser Art – Neunzehneinhalb enthält der Band insgesamt – zeigen die erzählerische, sprachliche und humoristische Bandbreite des 35-jährigen Autors. Schalko nimmt die abstrusen Auswüchse unserer überwachten Mediengesellschaft, personalisiert und überspitzt sie bis ins Surreale und schafft es, für die unsympathischen Charaktere gar Mitleid zu erwecken. Viele seiner Protagonisten irren als Lookalikes – von Jarvis Cocker über Falco bis zu Johnny Cash – triebgesteuert durch von ihnen dirigierte Scheinwelten, ehe sie nach all ihren Betrügereien der Masken entledigt werden. Und Gewaltigeres ersinnen.

Das via E-Mail ausgetragene Match zweier Marketingleiter eines wegen seiner Produktionspolitik in China gescholtenen Sportschuhkonzerns ist von beruflichen und privaten Rivalitäten geprägt. Will der Ranguntere zwecks Imagekorrektur eine Fairhandelspolitik und Neupositionierung als GOD mittels Sprengung des Headquarters lancieren, frischt der Marketingchef inzwischen die Gefühle zu dessen Gattin auf. Während diese sich vereinen, trifft ersterer Castro und flieht vom CIA gejagt nach Teheran. Johnny Weißmüller wird in der Geschichte „Rekordsommer“ gar von einer verliebten Sonne verfolgt, doch kaum ist der Schmorende von seinem Winterdomizil vertrieben, bricht dort eine Eiszeit an. Und Remick, der amerikanische Vertreter pervertierter Kochkunst, serviert für 5000 Dollar Tierraritäten wie Polarwolf oder Elfenbeinspecht als Weihnachtsdinner, bis sprechende Kakapo-Papageien ihn erweichen.

Deutet Schalko unter den Grotesken seines Erzählbandes ökonomisch und politisch durchaus mögliche Gesellschaftsszenarien an, spielt er in den zugespitzten Beziehungshumoresken sein filmisch pointiertes Können aus. So bissig er seine Figuren in Schräglagen setzt, zeigt er doch ironisches Mitgefühl mit den von Kindheitsträumen, Scheidungen und Sexobsessionen gebeutelten Menschenkäuzen. Das Manifest des Mannes, der nichts – weder Kamasutrastellungen noch Mordarten – zweimal unternimmt, trifft auch auf Schalkos Ideenumsetzung zu: „Keine Wiederholungen. Kein Alltag. Alles Ausprobieren.“ Schwarzer Humor vom Feinsten.

Erzählungen.
Wien: Czernin Verlag, 2007.
191 S.; geb.
ISBN 978-3-7076-0245-6.

Rezension vom 13.05.2008

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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