#Roman

Winters Garten

Valerie Fritsch

// Rezension von Beatrice Simonsen

„Eine Welt, die aus den Fugen gerät. Und zwei Menschen, die sich unsterblich ineinander verlieben, als die Gegenwart nichts mehr verspricht“ – so umreißt das Buchcover den Inhalt des Romans von Valerie Fritsch. Man sollte sich jedoch nicht in die Irre führen lassen, denn stärker als die Liebe ist in diesem Fall der Tod. Die Welt gerät aus den Fugen – aber nicht aus Liebe sondern weil der Weltuntergang bevorsteht.

Ein düsteres Szenario, das vorerst ausgeblendet wird, wenn im ersten Kapitel von Winters Garten erzählt wird. Anton Winter wächst in einem großen Garten auf, der mit seiner üppigen und sonnendurchfluteten Atmosphäre südlich anmutet. Sanfte Menschen leben hier harmonisch im Einklang mit der Natur: die Alten und die Kinder erfreuen sich in liebevoller Symbiose am Leben während die Erwachsenen ihrer Arbeit in der „Stadt am Meer“ nachgehen. Anton erscheint dabei als ein melancholisches Kind, das ein ungewöhnliches Interesse für den Tod zeigt. Reizvolle Bilder führen tief in den Garten einer „heiligen Kinderzeit“ (S.33) erfüllt von der Wärme und Geborgenheit der Großfamilie.

Danach begegnen wir Anton Winter als erwachsenem Mann im Alter von 42 Jahren wieder. Inzwischen lebt er in der Stadt am Meer im obersten Stock eines Hochhauses. Er ist Vogelzüchter und auf seiner Terasse mit dem mächtigen Blick über die ganze Stadt kreischen die eingesperrten Vögel in Vorahnung des nahenden Weltendes. Die Menschheit bereitet sich auf alle mögliche Arten darauf vor, sei es durch Massenhochzeiten oder durch Massenselbstmorde. Anton verlässt seine Dachterasse selten, alle Freunde, Weggefährten sind bereits tot. Er lebt einsam und ohne Frau an seiner Seite: „Immer noch war das Leben ein Warten.“ (S.47) Als er eines Tages doch wieder durch die Straßen und zum Hafen streunt, wo die Verwesenden im Wasser treiben, begegnet er Frederike.
Vom ersten Augenblick an stürzen sich die beiden in eine rettungslose Liebe. In Antons Wohnung, hoch über Stadt, so nahe den Wolken, erleben sie diese Zeit ohne Zukunft, die so ganz anders abläuft als bei Liebenden, die voll Hoffnung und Erwartung sind. Kein Glück erfüllt die Gemeinsamkeit. Erst langsam wachsen Dialoge aus dieser stummen und hoffnungslosen Beziehung. Die spröde Schönheit Frederike, die einst als Offizierin zur See fuhr, liebt den stillen Mann, der in so großer Abgeschiedenheit lebt. Als sie erkennt, wie sehr er unter ihren Ausflüchten in die Stadt leidet, nimmt sie ihn mit in das Gebärhaus, wo sie für die noch Lebenden kämpft. Dort trifft Anton seinen verschollenen Bruder Leander wieder, dessen Frau Marta ein Kind gebärt. Zusammen fliehen die vier mit dem Säugling in den verlassenen Kindheitsgarten und sehen in dem inzwischen verwahrlosten Paradies ihren letzten Tagen entgegen.

„… Some are born to sweet delight; Some are born to endless night;“ – Valerie Fritsch lässt ihre LeserInnen nicht lange im Zweifel, dass sie sich in ihrem zweiten Roman ausschließlich der von William Blake zitierten „endless night“ verschreibt. Zu keiner Zeit entsteht auch nur ein Schimmer von Hoffnung, dass die Katastrophe abwendbar sein könnte und so verfällt man bald der Trostlosigkeit der Verhältnisse, auf die auch die Liebe der beiden kein Licht zu werfen vermag. Frederike oder besser die Autorin ist „Fasziniert von dem, was die Erde auseinanderreißt, und dem, was sie zusammenhält: dem Lieben und dem Grauen.“ (S.48) Diese Faszination zeigt Valerie Fritsch sehr konsequent und in allen möglichen Varianten. Sprachsicher findet sie dabei zu eindrucksvollen Bildern wie dem des jungen Anton, der voller Unschuld durch den Kindheitsgarten streift, in dem doch der Tod seine Spuren hinterlässt, oder wie dem des Paares, das abgehoben in seinem Liebesnest über der großen Stadt haust, dem Himmel so nahe. Die Besuche, die die beiden der Erde abstatten, um die langsame Verwesung zu beobachten, veranschaulichen die Ablösung vom Leben an sich, und das Gebärhaus, in dem die eben geborenen Kinder die einzige Antwort auf den nahenden Tod sind, ist nur ein temporärer Trost. Die Wiederkehr in das Kindheitsparadies wird die Erwachsenen nicht vor ihrem Ende bewahren.

Valerie Fritschs Weltuntergang ist ein lyrischer. Prosaische Fragen nach Seuchen, Nahrungsmitteln, Trinkwasser- und Stromversorgung werden nicht gestellt. Der Zusammenbruch der gesellschaftlichen Strukturen bringt keine bedrohliche Anarchie, vielmehr schießen die Menschen – sofern sie das überhaupt tun – einander direkt ins Herz.
Seit 2011 veröffentlicht die 1989 in Graz geborene Autorin Prosa und Lyrik. Auch hat sie ein Studium für Fotografie absolviert und reist als Fotografin durch die ärmsten Länder der Welt. Erfahrungen aus einer elementaren Lebensnot, wo die Liebe nicht über elende Verhältnisse hinwegzutäuschen vermag, fließen in den Roman ein. Es zeugt von vielseitigem Talent, die äußeren Bilder in innere zu verwandeln – dies ist Valerie Fritsch in ihrem wohl durchdachten Roman absolut gelungen und man darf auf ihren nächsten Wurf gespannt sein.

Valerie Fritsch Winters Garten
Roman.
Berlin: Suhrkamp, 2015.
154 S.; geb.
ISBN 978-3-518-42471-1.

Rezension vom 08.04.2015

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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