#Roman

Wiener Blei.

Leo Lukas

// Rezension von Karin Cerny

Wir schreiben das Jahr 2058. Wien ist, wie es immer war. Zwar haben zwei Geistliche, der dürre Troeger, wegen Kindesmißbrauch angeklagt, aber nie verurteilt, und der kugelrunde und erzkonservative Boppo, einen eigenen Kirchen-Terror-Staat in Mariazell gegründet. Zwar wird die MediaSim vom Pressemogul Hans Dechant mit starker konservativer Hand geführt. Zwar tobt ein heißer Kampf um die neueste Erfindung der ÖMV, das sogenannte Wiener Blei. Zwar wimmelt es von Orken, Elfen und Cyberwesen. Trotzdem blühen im Prater wieder die Bäume, läuft der Wiener Schmäh wie eh und je, und letztendlich geht doch nichts über ordentliche Wiener Mehlspeisen.

Der Kabarettist Leo Lukas ist mit Wiener Blei in ein bestehendes Projekt eingestiegen. Über bisher erschienene SHADOWRUN-Romane – eine krude und hybride Mischung aus Sci-Fi, Fantasy, Cyberpunk und Groschenroman – kann man sich im Internet informieren. Lukas, ein profunder Kenner der Wiener Welt und Wiener Klischees, bereichert diese deutsche Buchreihe nun mit jeder Menge österreichischem Lokalkolorit.

Es tobt die Schlacht um Wien. Dem jungen Ork, Plesch-Pepi, ist es gelungen, aus den trostlosen und gefängnisartigen „Vereinigten Wohnparks“ auszubrechen. Er begegnet einem alten, dem Alkohol nicht abgeneigten Magier namens Donner, der im Streit mit Superfritz, einem dumm-brutalen Muskelcybertyp, in der Donau landet und daraufhin Rache schwört.
Währenddessen braut sich auch auf höherer Ebene einiges zusammen. In der Eden-Bar tagt der „Club 65“, bestehend aus allen lokalen Größen aus Politik, Industrie und Medien – seltsamerweise ist sogar der Burgtheaterdirektor anwesend. Man beschließt, das „Wiener Blei“ zum Wohle der Menschheit einzusetzen. In der ÖMV wird diese Substanz indes gerade von Schattenläufern gestohlen. Und am Hochschwab, dem wichtigsten Wasserlieferanten Österreichs, bahnen sich Kämpfe mit der Hochschwab-Guerilla an. Es sieht ganz so aus, als ob es am Berg zum großen Showdown käme.

Wie paßt das alles zusammen? Natürlich auf den ersten Blick gar nicht, doch am Schluß bestens. Das Unglück, so viel darf hier bereits verraten werden – es handelt sich um eine „typisch“ österreichische Niedertracht -, kann gerade noch verhindert werden. Pepi überlebt und ebenso Zizibee, eine Shadowrunnerin, die auch die chirurgische Umwandlung in eine Eden-Edel-Nutte nicht scheute. Vielleicht wird für die beiden ja doch noch alles leiwand.
Wiener Blei, das ist Literatur wie Schokolade oder Snacks: für den schnellen Genuß, für die Pause zwischendurch.

Shadowrun Roman.
Erkrath: Fantasy Productions, 1999.
360 S.; brosch.
ISBN 3-89064-555-0.

Rezension vom 06.04.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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