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Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Anna Maschik

// Rezension von Judith Leister

Mit ihrem Debüt Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten hat Anna Maschik gleich einen Coup gelandet. Ihr deutsch-österreichischer Generationenroman überrascht und zieht in den Bann.

Nichts geht über ein schönes Steak, das einen sauber eingeschweißt und rosarot schimmernd aus den Tiefen der Supermarkt-Kühlung anlacht. Doch die Tatsache, dass zuvor ein Lebewesen getötet und in seine blutigen, knöchernen und felligen Einzelteile zerlegt wurde, verdrängen auch Karnivoren lieber. Der Mensch der Industriegesellschaften hat ein fast aseptisches Verhältnis zu dem Fleisch, das er isst. Die anrüchig gewordene Arbeit des Tötens, ein Knochenjob, wird deshalb gern an ausländische Vertragsarbeiter delegiert und der Sichtbarkeit entzogen.

Anna Maschiks Debütroman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten führt zurück in die Zeit, als die Bauern noch selbst schlachteten und das Tier vom Horn bis zum Huf verwerteten. Eine der Hauptfiguren ist die norddeutsche Bäuerin Henrike, die im Zweiten Weltkrieg heimlich ein Schaf schlachtet – damals zählten die Behörden, wer wie viele Nutztiere besaß. Gnadenlos genau wird beschrieben, wie die Frau das Blut und den Darm zu Würsten verarbeitet, das Fleisch räuchert, die Knochen auskocht und mit den „gesäuberten und gesalzenen Ohren und Füßen“ einer Erbsensuppe die letzte Würze verleiht. Wegen der Kälte taucht Henrike immer wieder ihre Hände in das warme But des Tieres und wird bald von Fliegenschwärmen umsurrt.

Fast ebenso ausführlich und eindrücklich wie diese Schlachtung werden bei Maschik Entbindungen beschrieben, das Auf-die-Welt-Kommen des eigenen „Fleischs und Bluts“. In der großen Tasche der Dorf-Hebamme befinden sich furchteinflößende Werkzeuge wie „Vulvaspreizer“ und „Plazenta-Kürette“. Liegt das Kind quer, dann kommen gar „Dekapitationsschere“ und „Kranioklaste“ zum Einsatz. Ist eine Frau ungewollt schwanger, dann führt die omnipräsente Hebamme auch Abtreibungen durch, ganz simpel mithilfe einer erhitzten Stricknadel.

Die geradezu aufreizenden Schockmomente dienen offenbar dazu, Leben und Tod, Werden und Vergehen so komplex ineinander zu verschlingen wie Gedärme – oder die Nabelschnur, die einem der Babys mehrfach um den Hals gewickelt ist. Durch die Entgrenzung und Durchdringung werden Kategorien in Frage gestellt, zum Beispiel die zwischen Mensch und Tier, Lebenden und Toten, Organischem und Anorganischem.

Den Handlungsrahmen setzt eine deutsch-österreichische Familiengeschichte, die in der Kaiserzeit beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Zentraler Schauplatz ist ein nicht näher benanntes Dorf in der Nähe der Nordsee. Um 1900 kommt dort die Bauerntochter Henrike zur Welt. Als typisches Dorfkind hilft sie sommers in der Landwirtschaft – und darf nur im Winter in die Schule gehen. In dieser Welt sind Mensch und Tier sich nah, räumlich und existenziell. Maschik, die offenbar Recherchen zur historischen Landwirtschaft angestellt hat, beschreibt das Dorfleben wohltuend frei von Nostalgie und Sentimentalität.

Bald lernt Henrike den schweigsamen Georg kennen, heiratet ihn und gebärt ihr erstes Kind, einen Jungen, der ein wenig an Oskar Matzerath aus Die Blechtrommel von Günter Grass erinnert:

Es spricht sich schnell herum, dass Henrike ein verwunschenes Kind geboren hat, das nicht erwachen will. Es vergehen Stunden, dann Tage, Wochen und schließlich Jahre, ohne dass der Junge, den sie Benedikt nennen, die Augen öffnet.“ (S. 32)

Es gibt viele weitere Wunder und Mirakel, wie die Zitronenbäume, die ausgerechnet neben dem Haus der „Leichenfrau“, also der Leichenwäscherin, das ganze Jahr über leuchtende Früchte tragen. Oder das Gemüse im Garten, das blass und weiß wird, wenn jemand aus der Familie, und sei es in der Ferne, stirbt. Oder den Onkel, der sich in einen Wolf verwandelt. Oder den anderen Onkel, der zum Möbelstück wird …

In den folgenden Jahrzehnten werden noch mehr Kinder und Kindeskinder geboren. Der Roman folgt meistens den Verästelungen der weiblichen Linie. Die Mädchen und Frauen werden im Lauf der Zeit freier und selbstbewusster. Die Jungen und Männer treten tendenziell in den Hintergrund; manche von ihnen zeigen einen Hang zum Totalitären – besonders in der Zeit des Nationalsozialismus. Über allem wachen wie die Nornen, die nordischen Schicksalsgöttinnen, die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora. Als wären sie unsterblich, begleiten sie über endlose Jahrzehnte die Geburten und Tode in dem norddeutschen Dorf. Sie scheinen keine Moral und keinen Standpunkt zu haben, sondern sind ausschließlich für das Werden und Vergehen zuständig. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagert sich die Handlung durch ein uneheliches Kriegskind und die nachfolgende Hochzeit von der norddeutschen Provinz nach Österreich.

Die Form macht die besondere Stärke dieses Buchs aus. Maschiks außergewöhnlicher Generationenroman arbeitet sein Thema nicht chronologisch ab. Stattdessen springt er mit 1- bis 2-seitigen Textpassagen virtuos zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her.

Auch die Erzählhaltung hat etwas Experimentelles. Die meisten Abschnitte sind aus personaler Sicht erzählt; doch bereits auf Seite 8 bringt sich die Ich-Erzählerin Alma ins Spiel. Alma ist das vorerst letzte Glied der Familiengenealogie in der Gegenwart.

Ich möchte mich vorstellen, ich bin Alma, und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau: Leber, Lunge, Herz und Magen werden auf ihre Beschaffenheit untersucht.“ (S. 8)

Durch die leichtfüßigen Perspektivwechsel zwischen Familienmitgliedern gelingt es Maschik, unterschiedliche Erinnerungen der Charaktere an bestimmte Ereignisse darzustellen – und abweichende Gefühlslagen. So erinnern sich Henrike und Georg fast wortgleich an ihre erste Begegnung am Kaisergeburtstag. Nur in der Schlusssequenz unterscheiden sich ihre Worte.

Henrike hat Georg längst gesehen, und als er ihren Blick endlich erwidert, fordert sie ihn beinahe grob zum Tanz auf.“

Georg hat Henrike längst gesehen, und als sie seinen Blick endlich erwidert, fordert er sie mit leiser Stimme zum Tanz auf.“ (S. 22/23)

Diese Nuancenverschiebungen sind literarisch erstaunlich fruchtbar. Sie machen differierende Erwartungen sichtbar, Missverständnisse oder auch Eifersüchteleien zwischen Geschwistern. Sie decken Wiederholungsmuster auf, die zunächst unerklärlich scheinen, und legen den Schmerz frei, der sich in Familien über Generationen hinweg ansammelt – wobei auch Versöhnungen und spätes Glück ausdrücklich möglich sind.

Anna Maschiks grandioser für den Österreichischen Buchpreis 2025 in der Sparte Debüt Roman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten rekonstruiert Familiengeschichte auf unaufdringliche Art und Weise, ist formal erfinderisch und lässt Lücken für die Imagination. Das Buch vollzieht auch einen unmerklichen Übergang vom Fleischlichen zum Vegetabilen, von einer männerdominierten Gesellschaft zu einer weiblich geprägten Welt. Das entspricht der inneren Logik des Buchs. Alles in allem ein Roman, der sich seiner Mittel sehr bewusst ist.

 

Judith Leister lebt in München. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften in München und Berlin ist sie heute als freie Journalistin vor allem für die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk tätig.

Anna Maschik Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Roman.
München: Luchterhand, 2025.
240 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-630-87814-0.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Anna Maschik

Rezension vom 22.09.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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