Man kennt sich, man beobachtet sich. Mia und Konstantin haben den gleichen Job beim jeweiligen politischen Hauptkonkurrenten: die rote Puck und der blaue Prantl sind Pressesprecher, beide gutaussehend, beide ambitioniert und entschlossen, die Karriereleiter nach oben zu klettern. Doch während Konstantin seine Arbeitsbelastung scheinbar gut im Griff hat, muss Mia noch etliche Aufgaben ihres arbeitsscheuen Kommunikationschefs miterledigen, der kurz vor der Pension steht. Auch privat steht sie unter Druck, ihr Partner hat sich wegen ihres stets fordernden und die gemeinsame Zeit beschneidenden Jobs aus der Beziehung zurückgezogen. Nur Alma, ihre Mitbewohnerin und Freundin seit Kindertagen und Günter, ein Kollege aus dem Parteitross und alter Verehrer Mias, geben ihrem aufreibenden Alltag Halt.
Als ein roter Landeshauptmann über einen klassischen Fall von „Freunderlwirtschaft” zu stolpern droht, fürchtet Linda, Parteiobfrau und Mias oberste Chefin um ihre Stellung und die Gefolgschaft der Partei – die Umfragewerte für die Roten sind ohnehin seit Monaten im Keller. Für Mia, die für Linda auch Statements und Reden vorbereiten muss, erhöht sich der mörderische Druck noch mehr.
In einem schwachen Augenblick lässt sie sich auf sexuelle Handlungen mit dem attraktiven Konstantin ein, der sie allerdings zunächst respektvoller behandelt als von ihr erwartet. Manche Vorurteile über die Blauen muss sie in der Folge revidieren, und so verknallt sie sich handfest in den charmanten politischen Gegner – was für ihre Karriere freilich unschöne Folgen haben könnte, flöge die Sache auf.
Nicht einmal Alma erzählt sie von ihrem Geheimnis. Als diese zufällig von einer abgebrochenen Wochenendreise mit ihrem Freund früher als geplant in die gemeinsame Wohnung mit Mia zurückkehrt, überrascht sie die beiden und ist bitter enttäuscht von ihrer Freundin. Auch ein Hauptstadtjournalist hat Wind von der Beziehung bekommen und setzt Mia unter Druck. Für sein Schweigen will er exklusive Informationen aus einem brisanten Untersuchungsausschuss des Parlaments. Die ohnehin schon brandheiße Situation eskaliert, als klar wird, dass durch ein Komplott zwischen den Blauen und der Presse die veröffentlichten Umfragewerte seit einiger Zeit zu Ungunsten der Roten manipuliert werden. Mia steht vor dem Abgrund und muss zu unorthodoxen Methoden greifen, um sich aus ihrer unbequemen Situation zu befreien – mit ungeahnten existenziellen Folgen.
Mehr soll über den Plot an dieser Stelle nicht verraten werden: ob sie sich am Ende kriegen oder nicht, ob die Freundschaft mit Alma die Krise überlebt und Mia den begehrten Job des scheidenden Kommunikationschefs für sich erobern kann – man wird es zu lesen bekommen, wenn man sich auf dieses durchaus spannend geschriebene Politspektakel einlassen will.
Die Autorin Shejla Batić, wie die Antagonistin Alma aus ihrem Debütroman mit bosnischen Wurzeln und wie Mia und Alma in Kärnten geboren und aufgewachsen, kann eine direkte Perspektive aus ihrem Berufsleben beisteuern: sie ist im österreichischen Bundestag als Expertin für digitale Kommunikation beschäftigt und kennt natürlich parlamentsinterne Strukturen und Abläufe aus eigener Anschauung.
Der reichliche Gebrauch von Gendersternchen in einem literarischen Text mag den einen oder die andere aus dem Lesepublikum zwar irritieren. Doch es gelingt der Autorin, dem Text einige feministische Duftmarken zu verpassen und immer noch geltende Doppelstandards zu thematisieren wie Warum muss sich eine junge Frau über ihr politisches Fortkommen wegen einer Affäre mit einem Exponenten des politischen Mitbewerbers eigentlich bange Gedanken machen, ihr männliches Pendant jedoch eher nicht?
Wenn die wüssten, dass sie dem rechtesten Typen, den sie gefunden hatte, einen geblasen hatte, dann würden sie sie zumindest nicht mehr als »Feministin mit Stock im Arsch« betiteln, sondern sie als heuchlerische Hure und ihn als King, der die Linke ins Bett bekommen hatte. (S. 146).
Auch Günter, ihr Kollege, hat ein Verhältnis, das nicht so ganz statthaft erscheint. Doch wenigstens kopuliert er „nur” mit der bürgerlichen Mitte:
»Wie kannst du’s mit einer Neoliberalen treiben?«
»Sie hat liberale Hüften.«
»Du bist schlimm.«
Günter grinste. (S. 25).
Jedenfalls scheint ihm bei einem Bekanntwerden keine Sanktionierung zu drohen.
Der mitunter etwas flapsige Duktus von Shejla Baltić hat einen bohrenden Unterton; sie zeigt auf, dass Geschlechtszugehörigkeit und gesellschaftliche Herkunft auch im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts nach wie vor eine große Rolle für Aufstiegsmöglichkeiten und Anerkennung spielen ‒ und das auch mitten in einer sich als fortschrittlich verstehenden politischen Partei.
Was Baltić über das tägliche Leben ihrer Protagonistin mitteilt, schildert uns Mia als Gefangene im Hamsterrad, als zwanghaft leistungsorientiert und gleichzeitig von psychischen Problemen geplagt, die sich in schierer Selbstüberwindung und einem süchtig machenden Flow hinterherjagend immer wieder an die Fleischtöpfen der Macht begibt:
Aber heute war sie in ihrem Modus. Sie hatte keine Zeit, sich irgendwas vorzustellen, keine Zeit, etwas zu fühlen, und vor allem hatte sie keine Zeit zum Grübeln. Das war das High, das in der Politik süchtig machte, bei dem man nichts mehr spürte, nur machte wie eine Maschine. Immer weiter. Immer mehr. Danach der Abfall, schlimmer als jeder Kater, wo einen die Depression wieder einholte, die Selbstzweifel und die Monster, die man sonst unterm Bett versteckt hielt, bis der nächste Rausch kam. (S. 215)
Wenig erfährt man hingegen über die Beweggründe für Mias Engagement in der Politik. Die ursprünglichen Ziele positiver gesellschaftlicher Veränderung, die einmal vorhanden gewesen sein mögen, sind ihr über der worthülsenreichen Parteiarbeit offenbar aus dem Blick geraten. Es wird bis zum Schuss nicht klar, ob dies für die Autorin selbst nicht wichtig zu sein scheint oder ob sie Mias weitgehend systemkonformes Alltagsverhalten mit seiner Orientierung an amerikanischen Seifenopern, naturfernen Joggingrunden mit Knopf im Ohr und hippen Schnellmenüs auf Kimchi-Basis eher kritisch sieht. Ihre Sprache ist hier nicht eindeutig, vielleicht ist das sogar gewollt. Denn am Ende ist das Buch nicht wirklich zu Ende, die letzten Wendungen haben eher die Funktion eines Cliffhangers. Auf eine Fortsetzung werden viele aus der Lesegemeinde der Shejla Baltić jedenfalls gespannt sein.
Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.
