Nimmt man Semier Insayifs aktuellen Lyrikband zur Hand, fällt auf, dass einzelne Begriffe immer wieder auftauchen. Macht man sich die Mühe, diesem ersten Eindruck nachzuforschen und die Häufigkeit einzelner Begriffe zu untersuchen, bemerkt man, dass der bei weitem häufigste das „wort“ ist. Es handelt sich um ein Nomen, das hier nicht versehentlich kleingeschrieben wurde. Denn der Dichter verwendet in seinen Texten konsequente Kleinschreibung und verzichtet zudem weitgehend auf Interpunktion. „wort“ durchzieht diesen mit 148 Seiten recht opulenten Band, erscheint erstmals auf Seite 17 und zum letzten Mal auf Seite 140. Nicht einmal halb so oft findet man das Wort „sprache“, was nahelegt, dass es Insayif nicht um die aus Worten zusammengesetzte Sprache geht, sondern in einer Art Tiefenschürfung um die lustvolle Auseinandersetzung mit einzelnen Worten und deren Bedeutungen.
Von gelungenen literarischen Texten heißt es oft, dass deren Mehrwert dadurch entsteht, dass nicht alles auserzählt ist, sondern sich beim Lesen ein Raum zwischen den Zeilen öffnet, der als Interpretationsspielraum die Phantasie von Leser:innen und damit zugleich die Lesefreude anregt. Insayif geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter. Er wendet sich dem Raum zwischen den Worten zu und geht sogar darüber hinaus, wenn er Räume in den Worten selbst öffnet. Wie mit einem scharfen Skalpell durchtrennt er zusammengesetzte Wörter in ihre Bestandteile. Dies geschieht nie willkürlich, sondern er setzt wohlüberlegte Schnitte, mit denen Sinnzusammenhänge getrennt, Wörter anders gelesen und neue Bedeutungs- und Assoziationsräume geöffnet werden, die durch Insayifs lustvolles Spiel mit zahlreichen Enjambements noch akzentuiert sind.
Die Art der Schnittführung des Dichters wird gleich beim Titel des Bands deutlich: vom auf horchen und zu fallen, der zwei wesentliche Bedingungen für die Findungen des Dichters anspricht, nämlich das Aufhorchen sowie die Bedeutung des Zufall(en)s als Quelle der eigenen Dichtung. Manchmal ist es auch umgekehrt, etwa wenn es heißt:
„jedes wort das mir zu fällt ein aufhorchen“ (S. 25).
Ein einmal von ihm gesetzter scharfer Wortschnitt bleibt stehen und wird vielleicht nie mehr anders von ihm und von uns gedacht und gelesen werden können. Oder er wächst allmählich wieder zusammen und lässt, wie Schnitte im richtigen Leben, Narben zurück, die als „nah/t/stelle zu ertasten“ sind (S. 96).
Die Gedichte legen nahe, dass eine häufige Quelle des Zufalls und des Zufallens, und damit auch der Inspiration, Sinneswahrnehmungen sind. Es sind vor allem zwei Organe, die Insayifs Dichten befeuern. Der Buchtitel deutet bereits an, dass das Ohr eine wesentliche Rolle spielt, nicht nur im Sinn eines Aufhorchens, sondern auch eines aufmerkenden Hin- und Zuhörens, aber auch eines geduldigen in sich Hineinhörens. Insayif streicht zudem die Wichtigkeit von Klang und Ton heraus, wenn er die beiden einsilbigen und daher von ihm nicht zerschnittenen Worte in seine Verse einwebt und erwähnt, dass er Klängen und Tönen nachspürt oder von der (Sehn)Sucht spricht, „den klang / tief aus zu weiden“ (S. 57), um neue Färbungen für sich und seine Gedichte zu gewinnen.
Wer schon einmal einen Vortrag des Dichters gehört hat, weiß, dass er seine Texte nicht nur durch differenziert eingesetzte Veränderungen seiner Stimme erweitert, etwa durch Variationen in Tonfall, Sprachmelodie und unterschiedlichen Klangfarben, sondern auch, indem er die oft in seinen Texten enthaltenen arabischen Verse theatral vorträgt. Auch im aktuellen Band sind einige arabische Zitate enthalten und man wünschte sich, sie im einnehmenden Singsang der Dichterstimme vorgetragen zu bekommen. Diese Einsprengsel bleiben im Buch unübersetzt, doch nach leider wenig erfolgreicher Zuhilfenahme von DeepL liegt die Vermutung nahe, dass es sich jeweils um die Übersetzung eines in den deutschsprachigen Strophen vorkommenden Verses handelt.
Ist es in Insayifs Vortrag der melodische Singsang des Arabischen, seiner Vatersprache, der als ein Unkundigen nicht zugängliches Element die Texte erweitert und durch einen seltsamen Zauber bereichert, ist es bei Betrachtung der Seiten das Aufeinandertreffen zweier Schriften, womit wir bei der zweiten, für das Zufallen offenbar wichtigeren Sinneswahrnehmung sind, nämlich der Inspiration des Dichters durch visuelle Eindrücke. „blick“ ist das zweithäufigste Nomen dieses Bandes und dient als Orientierungs- und Ordnungsmacht, etwa wenn es hoffnungsvoll heißt:
„mein blick
in die wolken
ordnet den himmel“ (S. 117).
Zählt man zu „blick“ den seltener vorkommenden Begriff „auge“ hinzu, erreicht man die Summe von „wort“ knapp (31˂32, ohne Gewähr). Dabei sind es nicht nur Blicke auf real Sichtbares, sondern es gibt auch jenes Schauen ins nicht offensichtlich Sicht- und Begreifbare auf der Suche nach dem eigentlichen Wesen von Menschen, eines Ich oder eines Du, etwas also, das sich im „blick / zum eignen / kern“ (S. 15) erschließt.
Dieser Blick hält sich nicht mit Oberflächen auf, sondern schält diese ab, will tiefer eindringen, zum „ursprung deines blickes“ (S. 82), oder, wie es in einem anderen Vers heißt: „mein ich ist ein raum der sich selbst vermisst“ (S. 33), sich darüber hinaus zudem der Mitwelt, Beziehungen und am Rande auch politischen Verhältnissen zuwendet. Zweifel am Wesen des Blicks, seines Ursprungs und seiner Zuverlässigkeit haben ebenfalls ihren Platz, etwa wenn der Dichter hinterfragt: „ist / jeder blick / ein spiegel / bild seiner selbst“ (S. 89). Und es gibt metaphorische Überschneidungen, zum Beispiel wenn er beschreibt, dass ein „blick / wie ein auf / horchen“ wirkt (S. 141).
Semier Insayifs Gedichte tragen keine Titel und kreisen um „die welt / an der ich schreibe“ (S. 83). Formal geschieht dies auf unterschiedliche Weise. Oft dichtet er in freien Versen oder legt aphoristische Einzeiler vor, aber er greift auch zur Form des Haiku, des Sonetts oder zu liedähnlichen Texten mit Refrain. Selten webt er nicht extra ausgewiesene Zitate ein, etwa wenn er mit dem Vers „ungestillt der blick“ (S. 52) den Titel seines letzten Lyrikbands ungestillte blicke (Klever, 2022) aufgreift oder mit dem Vers „geliehene landschaft“ (S. 64) Marion Poschmanns Lyrikband Geliehene Landschaften (Suhrkamp, 2016) anklingen lässt.
Einige von Insayifs Gedichten sind gewidmet, wobei die Personen nur Vornamen tragen, manchmal nicht einmal das, wenn sie durch Punkte nach dem „für“ anonymisiert sind. Herausgreifen möchte ich ein fein gearbeitetes Akrostichon (S. 115), das den Titel von Manon Bauers posthum erschienenen Lyrikband so lange wie es dauert dich auszusprechen (Literaturedition Niederösterreich, 2025) integriert, für den Semier Insayif das Nachwort beigesteuert hat. Sein Gedicht, eine Zwiesprache mit der Widmung „für manon“ (S. 115), soll hier zur Erinnerung an die 2024 37-jährig verstorbene Autorin abgedruckt werden:
so sehr frag ich mich
lange noch bevor du
wie in abwesenheit jedes wort durch
es selbst ersetzt hast und so
dauert die nacht im schatten durch
dich wahrscheinlich ewig ohne ränder
aus diesem grund weiß der mund wohl
zu schweigen und zur gleichen zeit (in uns) zu
sprechen
Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com
