#Lyrik

Unter elektrischen Monden

// Rezension von Johanna Lenhart

Zerfall, Zumutungen, Zerrissenheit – die Unmöglichkeit der Zustände ist es, die Thomas Ballhausens Band Unter elektrischen Monden kartiert. Nicht jedoch, ohne auch Hoffnungen, variantenreiche Zukünfte, Möglichkeiten in ihrer Zwiespältigkeit zu formulieren: „Das Wort Hoffnung hat acht komplizierte Buchstaben“ (S. 75), wie es am Ende des Bandes heißt.

Die in sechs Zyklen zusammengefassten Gedichte und Kurztexte tasten sich in mögliche Varianten der Zukunft vor, schauen allerdings nicht nur in eine Richtung, sondern nähren sich auch aus Vergangenheiten und deren Erzählungen, den „ramponierte Mythen“ (S. 76), wie es im Nachwort von Helwig Brunner, dem Herausgeber der Reihe keiper lyrik, in der der Band erschienen ist, heißt.

Bruchstücke und Neuinterpretationen der griechischen Antike, aber besonders auch des europäischen Mittelalters und seinen medialen Bearbeitungen sind es, die dem Band Vokabular und Bilder leihen. Schlachten, Schilder, Stäbe und Schwerter verbinden sich mit Momenten vage zerfallender Science-Fiction Welten jenseits des Planeten Erde – zwei Sphären, die scheinbar aus entgegengesetzten zeitlichen Richtungen zu stammen scheinen, sich aber hier oft geradezu spielerisch verknüpfen und Autor und Lesende produktiv auf neue Wege führen:

 

erst nach Waffengängen/ erneut vergeblich/ einem letzten Kreuzzug/ zwischen fremden Sternen/ habe ich mich hierher ziehen lassen/ vielleicht auch locken (S. 60).

 

Viele dieser Ideen, Bilder, Momente stammen – wie oft in Ballhausens Texten – aus dem artenreichen Fang eines weitgespannten Netzes aus Lektüren, Hör- und Seherfahrungen. Fragmente aus Werken von Anne Carson, Joy Division, China Miéville, boygenius, Susan Sontag, Achille Mbembe und zahlreichen anderen werden verwoben in die „Gespenstersprache“ (S. 44) des zweifelnden „Radio Saint Thomas“, wie einer der Abschnitte betitelt ist. Das Wispern und Raunen all der Stimmen spinnt sich in den Texten weiter, verzweigt sich, schlägt Haken und motiviert zur Suche nach „künftige[n] Konstellationen zwischen Stäben und Schwertern“ (S. 55).

Treffend illustriert dies ein Gedicht aus dem ersten Zyklus mit dem vielsagenden Titel Rubikon: Im Gedicht Boltzmann Brain stoßen wir auf die englischen Kasperlfiguren Punch und Judy, die sich in „Platons Höhle“ zu einer „Sondervorstellung, gut besucht“ (S. 6) eingefunden haben. Die Frage, die anhand der den Schatten zuschauenden Puppenfiguren hier (und nicht nur hier) in Anlehnung an Platon gestellt wird, ist, was wahrnehmbar ist und was im Verborgenen bleiben muss oder soll. Es ist die Frage ob eine „wortwörtliche Enttäuschung“ (S. 6), eine Ent-Täuschung, ein Durchdringen zu den unverstellten Tatsachen möglich (oder gewollt) ist oder nicht und ob diese Frage in der medialen Vermitteltheit der Welt wie wir sie kennen, überhaupt noch von Bedeutung ist.

Das Enthüllen von Verdecktem, das Suchen und Finden, Täuschen und Ermitteln sind die treibenden Motoren, die in den Texten immer wieder auftauchen und sich mit der Frage der Wahrnehmung und ihrer Verbindung zur Wirklichkeit auseinandersetzen: „Es ist ein kartierender Blick, der Dich erfassen und festlegen lässt. Du nimmst Spuren auf, unter Deinen Eindrücken gestaltet sich die Wirklichkeit neu. Du sammelst, stellst Zusammenhänge her, Du ermittelst. Das ist, was Du kannst.“ (S. 68) Wie die Wirklichkeit aussieht, hängt davon ab, wer hinschaut. Mit dem häufig angesprochenen ‚Du?, das zwischen gescheitertem Dialog mit einem Gegenüber und Selbstgespräch changiert, und dem lyrischen Ich unternehmen die Lesenden hier tatsächlich einen Gang über den Rubikon, denn ist einmal der Schritt getan und die Frage, ob es so etwas wie ‚Wirklichkeit? überhaupt gibt, gestellt, ist ein Umkehren nur noch schwer möglich.

Unter elektrischen Monden, wo es sich wohl gut von elektrischen Schafen träumen lässt, ist ein Band, der zum Spurenlesen, zum Enträtseln auffordert und dabei die Einsamkeit des Zuschauens und Beobachtens illustriert. Er umkreist in fein komponierten – mitunter (aber-)witzigen – Bildern und so dicht gewobenen wie überraschenden Querverweisen die Erkenntnis, dass Wahrnehmung nie vollständig vermittelt werden kann und zu guter Letzt stets nur die Wahrheit eines einzelnen Subjekts bleibt. Der Band zeigt aber auch, dass sich die Bahnen einer Figur oder auch eines Ortes in unzähligen möglichen Varianten denken lassen, die alle gleichzeitig existieren und auch nicht – ersponnene Welten der Zukunft und Vergangenheit und von allem, was dazwischen liegt. Welten der Möglichkeiten und der Hoffnungen:

begehen wir die gestrige Zukunft mithilfe von Dämonen
alles was hätte sein können: zeigt sich (S. 20)

Thomas Ballhausen: Unter elektrischen Monden
Gedichte. (keiper lyrik, Nr. 29, hrsg. von Helwig Brunner)
Graz: edition keiper, 2023.
80 S.; brosch.
ISBN 978-3-903575-05-9

 

Rezension vom 18.10.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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