#Lyrik

Unter einem Zuckerhimmel.

Christoph Ransmayr

// Rezension von Astrid Nischkauer

Also gut,
sagt ein erschöpfter Arzt
unter Vorbehalten
(dieser endlose Nachtdienst!):
Also gut, kehren Sie heim.

Der Witz dieser ersten Strophe des ersten Gedichts aus Unter einem Zuckerhimmel liegt im Titel desselben verborgen, der aus keinem geringeren Namen als dem des Odysseus besteht. Damit wird der Mythos in die profane Gegenwart geholt, der Mythos wird alltäglich oder der Alltag mythologisiert, je nachdem, wie man es sehen möchte. Nicht nach jahrelanger Irrfahrt gilt es heimzukehren, sondern aus dem Krankenhaus. Dass dieses Gedicht von Christoph Ransmayr am Beginn von Unter einem Zuckerhimmel steht, legt noch eine weitere Lesart der Heimkehr des Ichs nahe: Und zwar die Heimkehr des Autors Christoph Ransmayr zur Form der Gedichte und Balladen, die er mit seiner Kindheit verbindet, und an den Anfang der Faszination, die Geschichten auf ihn ausüben. So schließt er seine Einleitung damit, dass er diesen Band mit Balladen und Gedichten „in dankbarer Erinnerung daran [geschrieben habe], daß die ersten und mit ihnen einige der eindrucksvollsten Geschichten meines Lebens Lieder waren, Gesänge, an die ich mich erinnern werde, bis mein eigenes Gedächtnis erlischt.“ Es gälte seine Lieder daher eigentlich zu singen und zu vertonen statt sie, wie ich das getan habe, schlicht und einfach zu lesen. Doch auch beim stillen Lesen können die Gedichte und Balladen innerlich zu klingen beginnen und damit „gehört“ werden, so wie man als Musiker beim Lesen von Partituren die Musik innerlich hören kann.

Der Band enthält dreizehn Gedichte, acht davon vertont Anselm Kiefer nicht in Musik, sondern in Farbtöne, -nuancen und -schattierungen. Dabei gelingt ihm eine Synopsis der einzelnen Gedichte, die er zum einen vergrößert, indem er aus je einem Gedicht jeweils ein mehrseitiges Unikat-Künstlerbuch macht. Zum anderen komprimiert er es aber auch auf seine Essenz, da er nie das gesamte Gedicht wiedergibt, sondern immer nur einige wenige Zitate für das Gedicht sprechen lässt. Diese Zitate sind mit Bleistift in lesbarer Handschrift in die Aquarelle hineingeschrieben und damit Teil des Bildes. Man kann dabei von einer Übersetzung sprechen, von einer Anverwandlung und Einverleibung, in deren Prozess Anselm Kiefer die Gedichte Ransmayrs nicht einfach zitiert, sondern verinnerlicht und ihr Wesen in seiner Sprache, die der Farben und Formen, zutage treten lässt. Als Übersetzung lässt sich dieser Vorgang auch insofern beschreiben, als eine Übersetzung eines Gedichts ja immer eine von unzähligen weiteren Varianten und Versionen des Originalgedichts ist. Blickt man als Übersetzer:in auf die Welt, nimmt man alles wie durch Facettenaugen wahr und sieht neben dem, was ist, auch die nahezu unbegrenzten möglichen Variationen davon.

Als Übersetzerin bin ich naturgemäß hellhörig auf textliche Unterschiede, die sich im Vergleich von Gedicht und Bild beobachten lassen. Zu Verschiebungen kann es in der Wortreihenfolge kommen, die bei Gedichten eine ganz zentrale Rolle spielt:

Noch glotzt mich/ Polyphems Auge an, (Gedicht)
noch glotzt mich an Polyphems Auge (Bild)

Und nicht nur die Reihenfolge der Worte verändert Anselm Kiefer in seinen Aquarellen, stellt er doch gerne die von ihm ausgewählten Zitate aus dem Gedicht in einer neuen, anderen Reihenfolge zusammen. Damit schafft er einen neuen Handlungsverlauf, erzählt mit den Worten Ransmayrs seine eigene Geschichte, widerspricht ihm mitunter auch (beispielsweise beim Gedicht „Am Rand“, worauf ich später noch zu sprechen komme).

Aber nicht alleine die Reihenfolge der Worte und Zitate kann in den Aquarellen mitunter anders als in den Gedichten sein, sondern teilweise auch die Worte selbst. So wird aus dem Gedichttitel „Trost des Steinschleifers“ bei Anselm Kiefer „Trost des Juweliers“. Und spätestens bei einer derartig tiefgreifenden Veränderung ist anzunehmen, dass die textlichen Abweichungen und Varianten einzelner Gedichtzeilen und Worte in den Bildern nicht auf Anselm Kiefer, sondern auf Christoph Ransmayr zurück zu führen sind, der wohl seine Gedichte noch, nachdem er sie Anselm Kiefer bereits zu lesen gegeben hatte, weiter überarbeitet hat. Damit sind in den Aquarellen Anselm Kiefers Vorstufen oder Varianten der Gedichte Christoph Ransmayrs erhalten geblieben, was unglaublich spannend ist und wofür es alleine schon lohnt, „Unter einem Zuckerhimmel“ aufmerksam zu lesen.

Etwas von dieser Arbeit/ wird überdauern. (Gedicht)
etwas von deiner Arbeit wird überdauern. (Bild)

Gegenständlich werden die Aquarelle nur in Ausnahmefällen, besonders klar treten dabei Gebirgszüge in Erscheinung, dem Figuralen versperren sie sich aber konsequent, während in den Gedichten schon auch immer wieder Menschen und Figuren aus der antiken Mythologie auftreten.

Das letzte Bild zum Gedicht „Der Einzige“ zeigt sehr expressiv das Abstürzen in die Depression. Oben am Blattrand steht das Zitat aus dem Gedicht: „aber ich weiß: die Erinnerung trügt“. Weiter unten wird dann noch zweimal der Versuch unternommen, sich mit Sprache zu artikulieren und gegen das Dunkel aufzubegehren. Beidemale sind davon jedoch einzig die kaum mehr lesbaren „aber“ und „Aber“ zu sehen, der Rest erstickt, ertrinkt in Emotion, wird von Farbe übermalt und überdeckt. Allein durch diese Bildbeschreibung sollte eine Qualität der Aquarelle Anselm Kiefers bereits deutlich geworden sein: Er ist überaus hellhörig für die Stimmungen der Gedichte und macht diese durch seine ausdrucksstarke Farbgebung und die fast greifbare Struktur seiner Aquarelle sichtbar. Durch die körnige Haptik einiger seiner Aquarelle scheinen diese uns beinahe entgegen zu kommen.

Im Gedicht „Am Rand“ finden wir uns in großer Höhe am Rand stehend wieder und blicken in die Tiefe auf die Wolken unter uns nieder.

Zu stehen und zu stehen
und daran zu denken,
was wohl geschähe mit uns,
unserem Körper,
wenn wir die Arme ausbreiteten
und uns von diesem Rand lösten,
wie ein Vogel sich von einem Zweig,
einem Sims, einer Antenne löst,
um dann aber nicht zu fliegen,
sondern zu fallen,
zu trudeln, zu stürzen,
in diese Tiefe hinab

Die Dramatik des imaginierten Sturzes wird im weiteren Verlauf derart auf die Spitze getrieben, dass kaum noch eine Steigerung denkbar scheint. Und tatsächlich kippt das Gedicht am Ende in sein Gegenteil und wir haben von einem Moment auf den anderen wieder festen Boden unter den Füßen und stehen statt am Rand eines Abgrundes am Rand einer Pfütze. Damit wird die eben durchlebte Existenzbedrohung als reine Gedankenfantasterei enttarnt. Der beschriebene Sturz spielt sich jedoch auf anderer Ebene tatsächlich im Gedicht ab, das Selbst stürzt von kaum zu überbietendem Pathos in weit über den Wolken angesiedelten Sphären hinunter auf den knirschenden Boden der Realität am Rande einer lehmigen Pfütze. Damit ist dieses Gedicht ebenso selbstironisch wie selbstentlarvend, da Ransmayr sich darin gewissermaßen den Spiegel vorhält, seine Neigung zu pathetischer Erhabenheit kritisch in den Blick nimmt und sie in einem Lachen aufgehen lässt.

Anselm Kiefer vollzieht diesen erlösenden Kippmoment in seiner bildlichen Umsetzung nicht im vollen Umfang mit. Auf der textlichen Ebene mit den handschriftlichen Zitaten aus dem Gedicht schon, bildlich geht er jedoch sogar noch weiter als Christoph Ransmayr und zeigt uns, was jener nur als offene Frage unserer Fantasie überlässt.

Was wäre von uns/ noch zu finden? (Gedicht)
was wäre von uns wohl noch zu finden? (Bild)

Diese Frage stellt Anselm Kiefer ganz an den Schluss. Damit spiegelt er das Gedicht ins Fatalistische, macht aus der harmlosen Pfütze eine Blutlache und hält damit wiederum Christoph Ransmayr den Spiegel vor, indem er ihm durch die Verwendung rötlicher Töne und dadurch, dass er mit dieser Frage endet, zeigt, dass er artikulierte Selbstmordgedanken und -fantasien nicht als Spaß abzutun gewillt ist. So gesehen lässt sich „Unter einem Zuckerhimmel“ als vielschichtiger Text-Bild-Dialog zweier Künstlerpersönlichkeiten lesen. Wie ernst sie einander nehmen, sieht man gerade daran, dass sie nicht immer einer Meinung sind.

Er hat die Grenze erreicht,
den Gipfel.

Von hier, endlich,
führt kein Weg mehr in die Höhe,
sondern jeder Weg in den Abgrund,
zurück zu den Menschen.

Der in den Gedichten immer wieder eingeschlagene Weg ins Hochgebirge lässt sich auch als Metapher für den von Ransmayr gewählten hohen Stil lesen, der sich wiederum in der Themenwahl niederschlägt. So wird griechische Mythologie ganz selbstverständlich als etwas auch in der Gegenwart immer noch Relevantes behandelt und tatsächlich nach dem Grabmal eines Helden von Troja gesucht. Während im ersten Gedicht der aus dem Krankenhaus entlassene sich selbst als Odysseus sieht, steigt im letzten Gedicht Telemach wie die schaumgeborene Venus aus dem Meer, um nach dem Verbleib seines Vaters Odysseus zu fragen:

Und aus diesem Spiegel
steigt ein junger, vom Salzwasser
durchnäßter Mann,
um den herum
(nach seinem Sprung
über die Bordwand einer Pinasse)
das Meer wieder zu quecksilbriger
Reglosigkeit erstarrte.

Wer auch in diesem Gedicht auf eine erlösende Brechung wartet, wartet vergeblich, denn hier im letzten Gedicht kostet Christoph Ransmayr Pathos und ernste Erhabenheit wirklich bis zuletzt aus. Der König antwortet mit einem Achselzucken auf die Frage des Jungen nach seinem Vater und lächelt…

und hebt seine Hand
und zeigt gegen den in Dunstschleiern
verdampfenden Horizont.

„Unter einem Zuckerhimmel“ ist nicht nur ein wunderschönes, sondern ein in vielerlei Hinsichten besonderes Buch, das man mit großer Aufmerksamkeit lesen sollte. Der einsame Wanderer, dem wir in den Gedichten zu jedem Gipfel folgen, sehnt sich danach, endlich heimzukehren und wird auch erwartet, wie wir im letzten Gedicht, das Telemach in den Blick nimmt, erfahren. In den Gedichten Ransmayrs wird das Staunen über die Welt formuliert, das ihn beim Erklimmen von Gletschern ebenso überkommt wie bei der Beschreibung eines Tornados oder bei der Vertiefung in die Schönheit der Steine:

In den winzigen Kristallgärten,
deren Blüten und Fahnen,
orthorhombische Prismen,
Schleier und Heilungsrisse
im Nachmittagslicht
silbergün leuchten,
sieht er ein geheimnisvolles,
laut- und zeitloses Bild der Welt.

Es ist dies ein durchaus ansteckendes Staunen, das einen dazu bringt, mit anderen Augen auf die Welt zu blicken: staunend und getragen von einer inneren Melodie, die einen hinauf bis zu weit über den Wolken gelegenen Gipfeln begleitet, und die zurückreicht bis in die Antike.

Balladen und Gedichte.
Illustriert von Anselm Kiefer.
Frankfurt / Main: S.Fischer, 2022.
208 S.; geb.
ISBN 978-3-10-397502-4.

Rezension vom 20.12.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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