#Prosa

ungeheuer.

Lena Johanna Hödl

// Rezension von Judith Leister

Ein bisschen erinnert Lena Hödl – sogar von der Kleidung her (stilvolle Kleider und Röcke, gern mit Blumen) – an Lena Dunham, die US-Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die ab 2012 mit der HBO-Serie Girls bekannt wurde. Darin versuchen vier junge Frauen, in New York Fuß zu fassen.

Im Mittelpunkt steht Hannah, gespielt von Dunham, die Schriftstellerin werden will. Weil sich Girls vor allem um Paarbeziehungen in der großen Stadt dreht, gilt die Serie in gewisser Weise als Nachfolger von Sex and the City. Doch wo Sexualität in SATC entweder romantische Erfüllung oder aber Hochleistungssport war, ist er in Girls unbedingt fleischlich und leicht komisch. Das liegt vor allem an Lena Dunham, die ihre Figur authentisch und oft auch nackt spielte – und deren Körper eben nicht dem Ideal des durchtrainierten Bodys entsprach. Noch während der Dreharbeiten verbreitete sich in der Presse, dass Dunham unter einer Zwangsstörung leidet, wegen der sie zeitweise „nicht mehr leben“ wollte. Diese Mischung aus Komik und Verzweiflung, Neurose und Social-Media-Tauglichkeit findet sich auch bei Lena Hödl.

Den Titel von Hödls Buch, ungeheuer, kann man doppelt lesen. Als Superlativ und Extrem, wie „ungeheuer schön“ oder „ungeheuer hässlich“, aber auch wie „Ungeheuer“, „Monster“ oder „Bestie“. Den Ichs im Buch ist die Welt auf alle Fälle nicht geheuer. Das Leben ist schon körperlich eine Zumutung, gegen die Denken und Empfinden unermüdlich anrebellieren. Im Vergleich zur grotesken Selbstwahrnehmung der Mittzwanzigerin in der Erzählung Kein Körper, ein Berg ist Gregor Samsas Verwandlung geradezu ein Fliegenschiss: „Wenn ich daran denke, dass ich nie wieder so gut aussehen werde wie jetzt, mit Mitte zwanzig, dann glaub ich, ich speib mich an. Nur ein Haufen Fett ohne Muskeln, überall Dehnungsstreifen, als wären schon zehn Kinder aus mir rausgefallen.“ Angesichts des medial geschönten Frauenbilds wird der Blick in den Spiegel zur Freak Show: „Wie ein Monster. Wie ein anthropomorpher Frosch in einer Wilhelm-Busch-Karikatur, bucklig, als hätte man mir den Arsch abgetrennt und hier vorne drangepickt. Mich hat mal wer gefragt, ob ich irgendeine Krankheit habe, eine Behinderung, weil das ja nicht normal ist, dass ein gesunder, junger Körper so ausschaut.“ Am Schluss stehen, wie öfters in diesem Buch, Selbstvernichtungsphantasien: „An manchen Tagen wünsche ich mir, jemand würde einen Knüppel nehmen und so lange auf mich eindreschen, bis ich aufhöre zu zappeln.“

Natürlich bekommt auch das Österreichertum sein Fett weg. Die Erzählerin in Landleben ist wie Hödl auf dem Land aufgewachsen – und kann es nicht leiden. Statt der sprichwörtlich guten Luft, den „einfachen Menschen“ etc. findet sie dort höchstens „Komasaufen“, Erinnerungen an „Nazikitschfilmstille“, „a bisserl viel um unsere gefallenen Helden im Zweiten trauern“ und „Lynchmobs“. Sie fühlt sich wie Claire Zachanassian in Dürrenmatts Besuch der alten Dame, die bekanntlich aus der Fremde ins Dorf Güllen zurückkehrt, um sich zu rächen – und von allen nur belauert wird. Zur mangelnden Landlust gesellt sich das gute alte Anti-Heimat-Gefühl: „Ich möchte Österreich nicht. Österreich hat mir nichts geschenkt – außer Iglo-Riesengermknödeln und Panikattacken, und die Germknödel waren nicht einmal besonders lecker, und lecker darf ich nicht sagen, weil sonst irgendein gschissener Boomer daherkommt und mich anschreit, ich würde die österreichische Sprache verhunzen, als wäre das das größte Problem hier, HA!“ Und der Berg selbst? Schweigt einfach, statt zu rufen. Trotzdem entgeht die junge Frau ihm nicht. Am Ende der Story kommt es zur (ästhetischen?) ‚Bergewaltigung‘: „Er hat mich doch noch gefunden, denke ich, als der Berg über mir liegt, und schließe die Augen. Vielleicht ist es dann schneller vorbei.“

In Ohne Titel, einer kleingeschriebenen Suada praktisch ohne Satzzeichen, deutlich an Streeruwitz und Jelinek geschult, lehnt sich ein Mitglied der Generation Z gegen den Bienenfleiß der „gschissenen“ Boomer-Arbeitswelt auf. These ist, dass die vor rund 150 Jahren erfundene Welt der Kindheit „die Erwachsenen“ in enge Zeitfenster sperrt und von ihrer eigenen Kindlichkeit, vom Spielen, trennt: „ich glaube das ist erwachsensein deine freund*innen haben keine zeit mehr“. Da bürokratische Unannehmlichkeiten wie die Einkommensteuererklärung auf dem persönlichen „prioritätensiegertreppchen“ selten ganz oben landen, hat die Moderne immerhin den Vorteil, dass nicht „morgen der fürst um die ecke getrampelt kommt und 50 kg kartoffeln einfordert bei deren nichtlieferung mir die linke hand abgehackt wird“. Am Schluss ist einem die von Botanikern, Biologen und natürlich Albert Einstein vielgepriesene Biene, der Inbegriff des Fleißes und der kollektiven Arbeitsmoral, jedenfalls gründlich verleidet.

Manches erinnert auch an Google Shorts, nur in Textform. Mandelmilch steht neben Weltuntergang, Hitler neben Fat Shaming. Man „wischt“ trotzdem mit Interesse durch die Texte, die extrem nah am Ich sind, regelmäßig mit Schockmomenten arbeiten und oft nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne verlangen. Ein Highlight ist die Erzählung Perseiden. Eine Liebesgeschichte scheint sich anzubahnen, eine junge Frau und ein junger Mann gehen nachts in die Weinberge, um die Perseiden zu sehen. Sie scheinen so viele Gemeinsamkeiten zu haben, von der Playlist bis zum Lieblingsbuch. Ach! Arrangiert hat das Treffen allerdings eine Dating-App. Schließlich kommt es zu einer Vergewaltigung, obwohl der junge Mann die ganze Zeit das Gegenteil beteuert hat. Es ist einer von vielen Abgründen, in die Lena Hödl ihre Leser gern blicken lässt.

Erzählungen.
Innsbruck: Haymon-Verlag, 2023.
136 S.; geb.
ISBN 978-3-7099-8193-1.

Rezension vom 09.05.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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