#Roman
#Prosa

Und wieder vergisst der Tag dann die Nacht

Ilse Kilic, Fritz Widhalm

// Rezension von Armin Baumgartner

„kein lercherlschas“: Nun liegt schon der neunte Teil dieses verwickelten, die Leserschaft gründlich einwickelnden Verwicklungsromans vor, an dem Ilse Kilic und Fritz Widhalm nunmehr schon seit 1999 stricken, in dem sie sich verwickeln, den sie schreiben und in ihm auch leben. Denn das ist ja auch der Kern dieses Langzeitprojekts: Kilic und Widhalm haben sich in den Roman eingeschrieben. Es ist nicht einfach ein Nieder- oder Abschreiben des eigenen Lebens, vielmehr gelingt es diesem Schriftstellerpaar nach all den Jahren des Weiterverwickelns und mit den dadurch möglich gewordenen Verweisen auf die mittlerweile schon erschienenen Teile, die Grenze zwischen dem realen Leben und der Erzählung langsam, aber sicher vollkommen verschwimmen zu lassen. Es ist wohl ohne Zweifel eines der spannendsten literarischen Projekte, die im vergangenen Jahrzehnt der österreichischen zeitgenössischen literarischen Landschaft entsprungen sind.

„des öfteren stellt sich die frage, ob es möglich ist, sich in einem verwicklungsroman zurechtzufinden“, hebt dieser Text auf Seite 5 mit einer Art Gebrauchsanleitung der Lektüre an, die da lautet: Das Wesen eines Verwicklungsromans – was mittlerweile durchaus schon als eigene Gattung angesehen werden kann – sei es, dass er eben nicht linear voranschreite, sondern sich spiralig durch Raum und Zeit bewege und sich dabei immer wieder einen neuen Anfang erfinde. Damit wird das programmatische Ziel des Autorenpaares deutlich, das dergestalt die vollmundige Ansage von Peter Truschner (während der Lesung im Kulturverein Alte Schmiede im Jahre 2013), wahre Literatur bestünde ausschließlich aus reiner Fiktion, sein eigenes Leben abschreiben könne ja jeder, entschieden widerlegt. – Schon Thomas Bernhard befand 1979 in einem TV-Interview mit Krista Fleischmann, dass es nichts Erfundenes gebe.

Mehr noch: Auf Seite 9 beginnt Kapitel 533 mit der Frage: Braucht ein Roman Spannung? – Eine durchaus charmante Frage, die manch einer schon in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften als beantwortet erachten könnte. Und wenn ja, fragen sich die Autoren, wo soll denn diese in einem solchen Entwicklungsroman, der sich anschickt, von der Gegenwart in die Vergangenheit und manchmal auch in die Zukunft zu hüpfen, in dem durch den dauernden Perspektivenwechsel der Erzählebenen und durch das Rollenspiel, das die Autoren mit ihren Hauptfiguren treiben, aber auch umgekehrt, jegliche diesbezügliche Erwartungshaltung von vornherein nicht gegeben ist, überhaupt herkommen? – Aber die Spannung kommt, sie entsteht subtil, bebt in den kleinen Erzählungen vom gemeinsamen Urlaub, von den Anfängen der Beziehung des Schriftstellerpaares Ilse Kilic und Fritz Widhalm, im Verwicklungsroman stets als Jana und Naz in Erscheinung tretend, und schwindet plötzlich wieder, um danach wieder an Fahrt aufzunehmen. Das Leben, so könnte man sagen, bietet an sich nämlich genügend Spannung – vor allem wenn einer der Protagonisten an Krebs erkrankt ist und dies auch zum Thema macht. „aber sollten wir die frage nicht eher so stellen: brauchen der naz und die jana spannung? – nein!, sagt der naz. nein?, fragt die jana. – nein!, sagt der naz, ich bin mir selbst spannung genug.“ (S.12)

Immer wieder finden sich in dem Text zudem Weisheiten oder Aphorismen, die sich immer und überall zitieren lassen und den Lesenden ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern, etwa auf Seite 16: „ja, heute weiß der abend schon, was der morgen bringt, die gegenwart wird zur vergangenheit und macht der zukunft platz. – gute nacht.“ Durch die Dekonstruktion von Erzählung wird das Spiel mit dem Empfinden von Zeit zur immanenten Thematik: „Erinnerung ist Neuerschaffung, keine Wiederholung“, wird etwa Asterios Polyp zitiert, der Protagonist in einem Comic von David Mazzucchelli.

Freilich sollte man ja nicht denken, dieses Buch oder der Verwicklungsroman hätte keine politische Ebene: „natürlich sind die reichen die wahren sozialschmarotzer“, ist das Kapitel 542 übertitelt, in dem wir Genaueres über die Wohnsituation des naz in den frühen 1980er-Jahren erfahren, der damals bei seinem Freund Karl Taube Mitbewohner war, Spross eines Arztes und Immobilienbesitzers, der laut der Erzählung schlicht die Aufgabe hatte, in den Wohnungen seines Vaters als Hauptmieter aufzutreten, um ihm zu steuerlichen Vorteilen zu verhelfen. Die gemeinsame Wohnung lag relativ nahe am damals berühmt-berüchtigten Kulturzentrum Gassergasse, in dem auch der Naz des Öfteren verkehrte und das am 27. Juni 1983 gewaltsam geräumt wurde – an das zu erinnern ebenso einen politischen Aspekt in sich birgt wie das Erinnern an den Autor Bernhard Kathan, der sich anschickte, die durchschnittliche Lebenserwartung der Mitglieder der Grazer Autorinnen Autorenversammlung zu errechnen: 63,69 Jahre. Auch kein Lercherlschas.

So tummeln sich in diesem Band wie schon so oft zahlreiche Autorenkollegen wie etwa Wolfgang Helmhart, Julya Rabinowich, Rolf Schwendter, Christine Huber, Hansjörg Zauner, Rainer Götz oder Ruth Aspöck (nur um auch der Rezension ein wenig Spannung zu verleihen) und skurrile Figuren wie Nazens Mitbewohner Karl Taube, Christine Dampfmaschine oder Miss Toni, die Punkfrau mit dem Messerholster am Unterschenkel – denen allesamt dergestalt ein literarisches Denkmal gesetzt wurde.

In diesem Sammelsurium von Anekdoten und Erzählungen und theoretischen Abhandlungen über das Schreiben an sich sowie interessanten und lehrreichen Erkenntnissen darf freilich auch der Humor nicht zu kurz kommen. Charmant obendrein, wenn gerade der Humor das Wesen des Verwickelns erläutert:

„wir haben brav unsere psychopillen cipralex genommen und sind ausnahmslos guter laune, antworten der naz und der fritz wie aus einem munde. – ist nur ein mund, sagt der fritz nachdenklich. – schon, aber nicht wirklich, erwidert der naz. – nicht wirklich, aber schon, sagt der fritz nachdenklich. – einer für alle, erwidert der fritz.“ (S. 36)

So spricht flugs die Figur namens Naz mit ihrem Alias, dem Autor Fritz Widhalm, die beide von Ilse Kilic und Fritz Widhalm erfunden und in die Welt geschrieben wurden. Da möchte man sich gern mit den beiden ebenso gemütlich in den Roman einwickeln.

Und wieder vergisst der Tag dann die Nacht. Des Verwicklungsromans neunter Teil.
Wien: edition ch, 2015.
104 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-901015-60-1.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor*in

Rezension vom 10.08.2015

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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