#Lyrik

Und lassen stehen das Meer

Peter Clar

// Rezension von Monika Vasik

Mit Und lassen stehen das Meer legt der Dichter und Literaturwissenschaftler Peter Clar seinen zweiten Lyrikband vor, in dem er die Vergänglichkeit in den Blick nimmt.

Im Gedicht Es schneit des österreichischen Lyrikers Gerald Bisinger (1936-1999) gibt es die Verse: „… ich sitz hier ich schreibe schau / gelegentlich raus in die scheinbar bläu- / liche Dämmerung ich merks ich werd älter“ (in: Am frühen Lebensabend. Gedichte, Droschl 1987). Er weiß, noch schreibt er, doch er spürt bereits, „das Altern zum // Tode es schneit“.
Das Gedicht ist datiert: „Wien, den 1. Januar 1985“. Er war damals 48 Jahre alt, knapp älter als Peter Clar heute, der nun mit Und lassen stehen das Meer seinen zweiten Lyrikband nach Die Worte, sagst Du … (Sisyphus, 2018) vorlegt. Er enthält einen Zyklus aus 17 Gedichten, die im Klappentext als „Langgedichte“ bezeichnet werden, was ein wenig in die Irre führt. Denn gesetzt in großer Schrift reichen Clar eine oder zwei Seiten für seine Texte.

Wie oft auch bei Bisinger steht das aufmerkende Schauen, stehen Wahrnehmungen im Mittelpunkt, die ein Innehalten nach sich ziehen, die Auseinandersetzung mit dem unaufhaltsamen Verstreichen der Zeit und mit der eigenen Endlichkeit sowie mit der Frage nach dem, was bleiben und über den Tod hinaus Bestand haben wird. Anders als Bisinger im obigen Gedicht sitzt Clar nicht in einem Zimmer, sondern ist unterwegs.
Ausgangspunkt ist eine Reise nach Südengland, die zum Referenzraum für den Assoziationsfluss seiner Gedanken wird. Die einzelnen Gedichte sind mit den Stationen der Tour betitelt, die eine Fortbewegung vom Südosten des Landes Richtung Südwesten widerspiegelt. Es sind einerseits malerische kleine Orte, Naturdenkmäler, etwa die Kreidefelsen Seven Sisters, und der historische Raum hinter den geschauten Landschaften sowie Touristenattraktionen wie Stonehenge oder Lacock Abbey, die mäandernde Such- und Gedankenbewegungen auslösen. Auch Großstädte wie Plymouth oder der Endpunkt Bath markieren Stationen des Aufenthalts. Ergänzt werden die Titel durch kursiv gesetzte Untertitel, bei denen es sich um Bruchstücke von Zitaten handelt, die Clar in seine Texte verwoben hat.

Sprecher ist ein männliches lyrisches Ich in der Mitte des Lebens, das innehält und, wie aus mehreren Andeutungen erkennbar ist, zumindest partiell mit dem Dichter Peter Clar ident ist, der aus seinen Urlaubs- und Erfahrungszusammenhängen schöpft. Die Reise durch Grafschaften Südenglands unternimmt er nicht allein, sondern in Begleitung eines vertrauten und geliebten Du, was schon die Pluralform des Verbs im Titel nahelegt.

Die Reise scheint zunächst an Orte der Beständigkeit zu führen, wenn des Dichters Auge Landschaften, das Meer oder Siedlungen und Sehenswürdigkeiten wahrnimmt. Doch es zeigt sich schnell, dass das einzig Beständige die Veränderung ist, weil die Natur sich wandelt, das Meer nie still steht, Gebäude verfallen und Orte sich entwickeln. Diese äußere Reise setzt eine innere Reise in Gang, hin zu Fragen, die den Mittvierziger umtreiben und als wiederkehrende Motive die Gedichte miteinander verbinden.

Schon im Eröffnungstext Von Lewes nach Seven Sisters wird im zweiten Vers der Tod eingeführt, wenn es heißt: „Ein toter Fuchs / Und einer am nächsten / Und einer am nächsten Tag“ (S. 7). Die drei Verse werden einige Zeilen später erneut aufgegriffen, wobei durch eine kleine Variation deutlich wird, dass mittlerweile ein Tag vergangen ist. Die toten Füchse tauchen noch in einem späteren Text auf, in dem weitere Opfer des Straßenverkehrs erwähnt werden, etwa ein Fasan oder ein „Reh mit grotesk verdrehtem Hals“ (S. 16). Der zweite Tod in diesem Gedicht ist jener von Virginia Woolf, die sich 1941 nahe Lewes umgebracht hat. Clar webt kursiv gesetzte Originalzitate aus Woolfs Abschiedsbrief an ihren Mann Leonard ein. Und er thematisiert Lebenserwartungen, wenn er überlegt: „Wie alt Elstern eigentlich werden / Wie alt die Felsen / … / Wie alt die Bäume“. (S. 8)

Die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit, dem Verfall und dem Tod ist in fast allen 17 Gedichten präsent, ohne je in Gefühligkeit oder in sentimentales Pathos abzugleiten. So thematisiert Clar etwa die Banalität der Gleichzeitigkeit, wenn in der Ukraine Kinder sterben oder Menschen bei Attentaten umkommen, während das „Wir“ seine Ferien genießt, Eindrücke sammelt und Momente erlebt, wo bloß die Wahl des richtigen Weins im Restaurant wichtig wird.

Häufig wendet sich der Dichter während der gemeinsamen Reise der Vergangenheit zu. Er ruft Erinnerungen wach an Menschen, die einmal gelebt, an Dinge, die einmal existiert haben, indem er sich detektivisch auf Spurensuche nach den Hinterlassenschaften macht. „And what is Time but shadows that were cast“ (S. 28) heißt es in einem Zitat des britischen Dichters Siegfried Sassoon (1886-1967). Wie relativ ist Zeit und ihr Vergehen?, fragt Clar (sich) angesichts der Ruinen von Old Sarum, eine der ersten Siedlungen Englands, oder des berühmten Steinkreises in Stonehenge. Und was wird vom Ich bleiben, „6000 Jahre nach meinem Tod“ (S. 27). Wird es Schatten geworfen haben, die überdauerten, Spuren hinterlassen haben „[u]nd/oder ein Zeichen“ (S. 28)?

Der Dichter ersehnt ein Aufgehobensein im Wort und in der Sprache. „Ich schreibe und schreibe / Um mich morgen zu erinnern“ (S. 55). So wird das Erinnern, Lesen und Schreiben zum geradezu manischen Akt des Bewahrens und Überdauerns mit dem Wunsch nach Unendlichkeit. Die Ich-Figur hat oft ein Buch und beim Flanieren stets einen Block, ein Stück Papier in der Hand, um Geschautes, Gelesenes und Gedanken notieren und dadurch festschreiben zu können.

„Als könnte Geschriebenes nicht / Umgeschrieben, nicht ausgelöscht werden / Wenn es einmal gelesen“ (S. 42), was hoffnungsfroh klingt, weil es das Ziehen und das Verewigen einer Lebensspur und ein Fortdauern in einem Text und seinen Leser:innen bedeuten würde. Wie ein Refrain zieht sich das Wort „schreiben“ als rhythmisierendes Element durch die Gedichte, oft als wiederkehrende Phrase „schreibe über/für“, sowohl im Sinn einer Widmung als auch in der Bedeutung „anstelle“. Denn die meisten der Genannten sind längst oder jüngst (Barbara Frischmuth) verstorben, können sich nicht mehr äußern und werfen nicht zuletzt durch deren Aufrufung ihre Schatten ins Gedicht. Unter den Genannten sind zahlreiche Schriftsteller:innen, mit deren Zitaten Clar interagiert und damit seine Gedichte dialogisch bereichert.
Auch Vertreter:innen anderer Professionen wie Maler, Forscher, Musiker und Herrscher:innen werden erinnert, die alle dankenswerterweise genauso im Nachwort aufgelistet werden wie die Quellen der Zitate. Ergebnis ist ein assoziativer Fluss, der fast ohne Interpunktion auskommt, durch Brüche und Diskontinuitäten gekennzeichnet ist, und das innere Fließen von Ideen und Gedanken überzeugend nachbildet, das in der Wirklichkeit nie wohlgeordnet und selten abgeschlossen ist.

Der Dichter vertraut der Poesie als Mittel der Erkenntnis, wenn er sich seines Daseins und seiner Bedenken vergewissert. Nachdenkend und schreibend schwelgt er nicht in seinen Texten, protzt nicht mit seinem lyrischen Kosmos, sondern bleibt kritisch, auch sich selbst gegenüber. Er thematisiert die Schwierigkeit, richtige Worte zu wählen. Welche sind schon treffsicher genug, da Worte „immer für alles zu groß / Wie Worte immer und für alles zu klein / Wie Worte immer und alles verfehlen“ (S. 12) und „immer sich entziehen“ (S. 20). Der Dichter offenbart Zweifel an seinem Tun, wenn er seine Zeilen als banal denunziert, die Wirkmacht von Worten hinterfragt oder meint, dass das Aufschreiben in Wahrheit ein Auslöschen sei, „Weil nichts gelesen, wie im Schreiben gemeint / Auch nicht von jenen, die es geschrieben“ (S. 42).
Ein kaum lösbares Dilemma, wenn auf einmal das Fortdauern im und durch den Text infrage steht und das Überdauern als einmal geworfener, unveränderbarer Schatten. Denn, so zeigt dieses schmale Büchlein nicht zuletzt, es gibt keine Ewigkeit, außer vielleicht deren Illusion in Momenten purer Nacktheit und zugeneigter Liebe im Hier und Jetzt zu einem Du.

Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com

Peter Clar Und lassen stehen das Meer
Salzburg – Wien: Müry Salzmann, 2025.
80 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-99014-283-7

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Peter Clar

Rezension vom 19.12.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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