#Roman

Und alle so still

Mareike Fallwickl

// Rezension von Sabine Schuster

„Stellt euch vor, die Frauen gehen nicht zur Arbeit, kochen nicht, putzen nicht, lenken keinen Bus, sitzen nicht an der Supermarktkassa und unterrichten keine Klasse, sie erzwingen einen umfassenden Stillstand.“ Dieser Satz, den Mareike Fallwickl in ihrem Bestseller Die Wut, die bleibt (2021) der jugendlichen Heldin Lola in den Mund legte, enthält bereits die Idee für den aktuellen Band Und alle so still.

Die Kraft der Verweigerung, Solidarität und Schwesternschaft, Care-Arbeit und die Überlastung von Frauen durch die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Der Satz „Ohne Sorgearbeit bricht das System zusammen“, den wir seit der Pandemie wie ein Mantra verinnerlicht haben, ohne diese Sorgearbeit jemals real aufzuwerten, bildet den Ausgangspunkt einer Versuchsanordnung, die unsere biblisch-patriarchale Erzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen auf den Kopf stellt: An einem Freitag setzt die Geschichte ein, am Sonntag beginnt die Revolte, am Freitag darauf steht das System still, die Pistole ist abgefeuert und die Zukunft offen.

Die Stimme der Pistole eröffnet als Prolepse den Roman: Sie liegt im Schlafzimmer in der Kommode zwischen den Socken und weist voraus auf die Gewalttaten, die der friedlichen Rebellion unausweichlich folgen werden. Abwechselnd mit der Gebärmutter („Sie sind von mir besessen, und das liegt daran, dass ihre Schwänze zu kurz sind. Let me explain.“) und der Berichterstattung („In der gesamten Geschichtsschreibung habt ihr nichts jemals so erzählt, wie es gewesen ist.“) erklärt sie in kurzen Einschüben das Weltgeschehen, während die drei Hauptfiguren Elin, Nuri und Ruth als personale Erzähler:innen ihr Innenleben offenlegen.

Die Influencerin Elin lebt im Wellness-Hotel ihrer Mutter Alma und versucht, die Hassreden, die ihr aus dem Netz entgegenschlagen, am frühen Morgen im Thermalwasser schwebend wegzuatmen. Über eine Online-Plattform kontaktiert sie Männer für anonymen Sex, bis einer von ihnen heimlich sein Kondom abstreift und sie befürchten muss, schwanger zu sein. In dieser labilen Gemütslage folgt sie dem Anruf ihrer Großmutter Iris, die sich mit anderen Frauen vor dem Eingang des Krankenhauses, in dem Elins Tante Ruth als Pflegerin arbeitet, stumm auf den Boden gelegt hat.

Die Frauen heben den Kopf, eine nach der anderen oder alle zugleich. Sie heben den Kopf und öffnen den Mund, kein Laut kommt aus ihren Kehlen, kein Geräusch dringt in die Luft, so viele Frauen, die Gesichter zum Himmel gereckt, die Augen geschlossen, und alle so still.
«Wo bist du, Elin», flüstert ihre Mutter, «was passiert gerade?»
«Es gibt dafür keine Worte», erwidert Elin ebenso leise, «die müssen wir erst erfinden.» (S. 205)

Immer mehr Frauen folgen dem Beispiel und legen ihre Arbeit in Familie und Beruf nieder. Liegend protestieren sie gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse und werden täglich von einer ratlosen, zunehmend überforderten Polizei weggetragen und inhaftiert, während das öffentliche und private Leben ins Stocken gerät und schließlich ganz zusammenbricht. Die verlassenen Männer reagieren mit gekränktem Stolz und aggressiver Hilflosigkeit. Das Ausmaß ihrer Wut ist an den Verletzungen ablesbar, mit denen immer mehr Frauen vor dem hoffnungslos unterbesetzten Krankenhaus auf Rettung warten. Ruth ist eine der letzten Fachkräfte, die noch arbeiten. Ohne Pausen, ohne Schlaf und ohne Mahlzeiten kümmert sie sich um ihre Patient:innen, bis sie entkräftet zusammenbricht.

Eine Hausbesetzung und spontan organisierte Wohngemeinschaften bieten den Frauen nur kurzfristig Schutz und selbst die schlagkräftige Mädchentruppe rund um Lola, die am Ende des Vorgängerromans die Stadt verlassen musste und nun ihren Geschlechtsgenossinnen zu Hilfe eilt, kann die Übergriffe nicht abwehren. Nur der junge Nuri, der rund um die Uhr in mehreren prekären Jobs arbeitet und ebenso unter der Ungerechtigkeit des Systems leidet wie die streikenden Frauen, erkennt das Chaos als persönliche Chance. Er befreundet sich mit Elin, solidarisiert sich mit ihrer Gruppe und schafft es mit ihrer Hilfe sogar, seine Mutter aus ihrer trostlosen Ehe zu befreien.

Mareike Fallwickl ist seit ihrem Romandebüt Dunkelgrün fast schwarz, das 2018 für den Österreichischen Buchpreis nominiert war, bekannt für ihre einfühlsame und zugleich kraftvolle Erzählweise, die gesellschaftlich relevante Themen aufgreift und tiefgehende emotionale Resonanz erzeugt. Fallwickls Frauenrevolution bezieht ihre Kraft aus einer verstörenden Stille, aus einer schweigenden Übereinkunft über verschiedene Generationen und Lebensentwürfe hinweg, aus der Gravitation, die alle Erschöpften in einer gespenstisch anmutenden Choreografie zu Boden sinken lässt. Dabei gelingt es der Autorin – wie schon im letzten Roman – mit großer Sicherheit, den Sog einer kollektiven Bewegung so in Sprache zu übersetzen, dass man als Leser:in förmlich glaubt, ihn am eigenen Körper zu spüren.

Fallwickls neuer Roman ist packend, spannend und visionär, doch: Allzu romantisch erscheint die ausnahmslose Solidarität aller Frauen, allzu pathetisch der finale Aufbruch in die offene Zukunft, allzu plakativ so manches politische Manifest, mit dem die Stimmen der Hauptfiguren bepackt wurden. Hier könnte die Autorin – auch wenn ich jetzt anderswo Gelesenes wiederhole – tatsächlich mehr auf ihre erzählerischen Qualitäten vertrauen. Und auf ihre Leser:innen, die in großer Zahl im selben Boot sitzen und auch subtilere Botschaften sehr gut verstehen würden.


Sabine Schuster
, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien, Abschluss 1992, ab 1993 im Team des Literaturhaus Wien, von 2001 bis 2023 Redakteurin des Online-Buchmagazins.

Mareike Fallwickl Und alle so still
Roman.
Hamburg: Rowohlt, 2024.
370 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-498-00298-5.

Verlagsseite mit Informationen zum Buch und einer Leseprobe

Homepage von Mareike Fallwickl

Rezension vom 06.06.2024

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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