#Anthologie

Über Tiere

Elias Canetti

// Rezension von Martin Reiterer

„Wann werden alle Tiere schießen lernen?“ (S. 44) Elias Canettis Positionierung scheint klar. Dennoch, die dezidierte Parteinahme des Autors für die Tiere ist überlagert von Mißtrauen wie Verzweiflung: „Es schmerzt mich, daß es nie zu einer Erhebung der Tiere kommen wird, der geduldigen Tiere, der Kühe, der Schafe, allen Viehs, das in unsre Hand gegeben ist und ihr nicht entgehen kann“ (S. 20).

„In der Geschichte ist viel zu wenig von Tieren die Rede“ (S. 13), lautet eine Eintragung aus dem Jahre 1943. Zweifellos hat niemand unter den DichterInnen und SchriftstellerInnen des 20. Jahrhunderts deutlicher und hartnäckiger gegen dieses Versäumnis angekämpft als Elias Canetti. Seit seinem frühesten Werk (Die Blendung) bis zu seinen letzten Aufzeichnungen sowie quer durch alle Genres, denen sich der Autor zwischen dem Ende der 20er und dem Anfang der 90er Jahre anverwandelt hatte, finden sich mit der Regelmäßigkeit eines Pulsschlags Anmerkungen und Aphorismen, Erinnerungen und Essays sowie (eingebettet in literarische Prosa und philosophische Abhandlungen) Mythen und Märchen, in denen Tiere zur Sprache kommen, in denen Sprache, Denken selbst „in Tieren“ vollzogen wird. „Er denkt in Tieren, wie andere in Begriffen“, lautet einer seiner phantastischen Aphorismen (P. v. Matt).

Nun liegt im Hanser Verlag eine Sammlung von Textstellen und Texten aus Canettis Gesamtwerk vor, die in komprimierter Form wie auf anschauliche Weise dieses „Denken in Tieren“ dokumentieren. Die Pole von Canettis Betrachtungsweisen ortet Brigitte Kronauer in ihrem Nachwort zwischen der „Nähe hilflosen Mitgefühls“ und der „Distanz einer kühlen Faszination durch Formen“ (S. 109). Dazwischen finden sich die unterschiedlichsten Arten von Projektionen (in den Bereichen der außereuropäischen Naturreligionen, der Physiognomie etc.), denen der Autor nachspürt.
Ausgangsort und zugleich idealer Ort für Canettis Faszination für die Tiere ist die Kindheit. Tatsächlich „aufsehenerregende Formulierungen“ (Kronauer) finden sich darüber in seinen Lebenserinnerungen: „Dank dem Vater hatten jene Erfahrungen an Tieren begonnen, ohne die eine Kindheit es nicht wert ist, gelebt zu werden.“ Der jähe Tod des Vaters deutet pointiert die Kehrseite dieser lebensnotwendigen Erfahrungen an, als der junge Canetti mehrere Jahre lang „in der tierlosen Welt der Mutter“ verbringen mußte, „ausgehungert nach Tieren“ (S. 75).

Die Kindheit als realer und imaginärer Ort und bachtinscher Chronotopos vermag die Welt der Tiere am unmittelbarsten zu absorbieren. Diese Welt und Gegenwelt ist gekennzeichnet durch ihre – nahezu – unerschöpfliche Vielfalt, durch ihren geradezu unermeßlichen Reichtum an Formen und eine erstaunliche Rätselhaftigkeit („Tiere sind schon darum merkwürdiger als wir, weil sie ebenso viel erleben, es aber nicht sagen können.“ S. 44).
Canettis „Verzauberung durch Tiere“ (S. 87) jedoch (wie andererseits seine Anwaltschaft für sie) hält nicht allein ungebrochen an bis zu seinem Tod, sein Denken in Tieren findet sich – vielleicht, weil das Reich der Kindheit unmittelbar ans Reich der Dichtung grenzt – tief verankert in seinem Schreiben selbst, eng verknüpft mit einem faszinierenden poetologischen Konzept, das zugleich ein Konzept einer offenen Identität einschließt. (In diesem Kontext erweist es sich als ein gewisser Nachteil, daß es sich bei der vorliegenden Sammlung leider um kein vollständiges Exzerpt handelt!) Die Konstituenten dieses Konzeptes verlaufen über die Begriffe „akustische Masken“ und „Charaktere“ bis hin zu dem der „Verwandlung“. Das Urbild von Canettis akustischen Masken geht zurück auf ein Erlebnis in St. Agatha (Sommer 1926), das er in Die Fackel im Ohr beschreibt: das sich wiederholende immergleiche Geschrei der Schwalben. Diesen maskenhaften Tierstimmen entsprechen seine sprachlichen Masken, aus denen er seine „Charaktere“ bzw. Figuren fertigt. Seine Fünfzig Charaktere aus Der Ohrenzeuge sah der Autor als „Skizzen zu Romanfiguren“ an (wie es in einer Anmerkung in Das Geheimherz der Uhr lautet), zugleich als „Anlässe zur Selbstbetrachtung“, und er selbst erkannte sich „staunend in zwanzig von ihnen“.
Canetti reduziert die Menschen nicht auf einen Charakter („Die Neigung, Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit zu sehen, ist eine elementare und soll genährt werden.“), vielmehr ist er sich der reichen Zusammensetzung eines jeden aus vielen solcher Charaktere bewusst: „Jeder trägt eine Anzahl von Charakteren in sich, sie machen seinen Erfahrungsschatz aus und bestimmen das für ihn resultierende Bild der Menschheit.“ Von seiner Auffassung der menschlichen Identität (bzw. Vielfältigkeit) als Prozeß ihrer ständigen Erweiterung und Erneuerung leitet sich seine wahrnehmungstheoretische Einsicht, zugleich poetologische Forderung ab, „neue Charaktere zu erfinden, die noch nicht verbraucht sind und einem die Augen für sie wieder öffnen“.

Verschränkt mit der „Schule des Hörens“ (durch die Canetti selbst bei Karl Kraus gegangen ist und ohne die das Konzept der akustischen Masken kaum zu denken wäre) ist eine Schule des Sehens, auf die Canettis Poetologie aufbaut. Von zentraler Bedeutung und einem phantastischen Realismus verwandt ist der Konnex Erfinden – Sehen, Erfinden, um zu sehen, um wahrzunehmen. „Wie viele Tiere erscheinen die Charaktere vom Aussterben bedroht. Aber in Wirklichkeit wimmelt die Welt von ihnen, man braucht sie nur zu erfinden, um sie zu sehen.“
Sehen bzw. Wahrnehmen (und in diesem Sinne Erfinden) ist eine Aktivität, die letztlich abhängig ist vom Stoff von außen. Die Einlaßstelle für die Tiere in Canettis poetologischem Konzept wird sichtbar: Diese selbst stellen für den Autor (der in Tieren statt in Begriffen denkt) die Quelle unserer Anschauungen sowie unserer Vergleichs- und Differenzierungsfähigkeit, mithin unserer Verwandlungen dar. „Alle Tiere ausgestorben. Werden die Menschen, wenn sie auf keine Tiere mehr sehen, einander immer ähnlicher werden?“ (S. 97) Und weiter: „Jede Tierart, die stirbt, macht es weniger wahrscheinlich, daß wir leben. Nur angesichts ihrer Gestalten und Stimmen können wir Menschen bleiben. Unsere Verwandlungen nützen sich ab, wenn ihr Ursprung erlischt.“ (S. 97) Damit ist der Zusammenhang zwischen Charakteren, Figuren und Tieren, zwischen Charakteren und Verwandlungen offenbar. Während Charaktere und Verwandlungen sich abnützen, sind die Tiere der zugrunde liegende Garant menschlicher Verwandlungsmöglichkeiten. Die Menschen schöpfen gleichsam aus den Tieren als dem Pool der Erneuerung ihrer Seh- und Wahrnehmungsweisen.

Warum aber gerade die Tiere? „Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig.“ (S. 10) Die Selbstbetrachtung über die Tiere verläuft nicht bruchlos, nicht ironielos. Es ist die Sonderstellung zwischen Nähe und Ferne, zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen frappanter Ähnlichkeit und markanter, undurchdringlicher Andersheit in ihrem Verhältnis zu den Menschen, welche die Tiere zu endlosen rätselhaften Spiegelungen und Entspiegelungen für diese werden läßt – unerlangbar darin „wie sie einen sehen“ (S. 99). Die Menschen können sich in ihnen sehen, (er)finden, erkennen, in immer wieder neuen Angeboten, nicht aber in Form einer eindeutigen Antwort, einer abschließenden Zuordnung.
Was sie, die sich bereits Vieles von den Tieren angeeignet haben, sich immer wieder erneut von den Tieren abschauen und durch die Tiere lernen (können), ist die Verschiedenartigkeit. Durch das Gegenbild einer dauerhaft „tierlosen Welt“, in dem sich Canettis apokalyptische Vision einer Angleichung der Menschen untereinander, einer Verkümmerung ihrer vielfältigen Identitäten und schließlich ihrer Uniformierung bis zum Tod ausdrückt, läßt sich in einiger Plastizität das Maß ihrer Bedeutung erahnen. Umgekehrt verbindet sich mit der menschlichen Fähigkeit zur Verwandlung die Fähigkeit des Menschen zur Freiheit. „Die Kraft des Träumens, meint er, sei an die Vielgestaltigkeit der Tiere gebunden.“ (S. 99)

Wenngleich nun Canettis Poetologie einerseits auf die Tiere aufbaut („Es gibt also unerschöpflich viele Arten von Dramen, solange es neue Tiere gibt. Die Schöpfung […] wird so ganz buchstäblich ins Drama verlegt.“), so stellt sie doch andererseits ein Gegenmittel gegen das „Ausgehungertsein nach Tieren“ dar. Wie Canettis Dichter „Hüter der Verwandlungen“ , so ist die Literatur insgesamt eine der zentralen menschlichen Provinzen der Verwandlungen, der Vielgestaltigkeit und Stimmenvielfalt – gleichsam Weideland für die Tiere. Gerettet als „Formen des Denkens“ (S. 85) („Statt der Tiere hält er sich an ihre Formen. Die werden nicht gemordet.“ S. 100) sind die Tiere anwesend in der Literatur und treten derart als Verwandlungsangebote auch den Lesenden gegenüber.
Pointierter noch – buchstäblicher und geheimnisvoller zugleich – findet die Verlagerung der Welt der Tiere in die Literatur einzig auf der Ebene des Materials selbst statt: „Das Vielsinnige des Lesens: die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.“ (S. 14)

Elias Canetti Über Tiere
Mit einem Nachwort von Brigitte Kronauer.
München, Wien: Hanser, 2002.
119 S.; geb.
ISBN 3-446-20127-0.

Rezension vom 25.03.2002

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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