#Lyrik

Tschechow

Stephan Eibel (Erzberg)

// Rezension von Karin Cerny

77 mal 7 Zeilen und ein Gedicht.

Was passiert: Einer wartet, schaukelt und monologisiert dabei. Soviel ist sicher. Sonst aber handelt es sich bei Stephan Eibel Erzbergs Tschechow um ein Werk, dem man sich auf vielen verschiedenen Wegen nähern kann.

Man kann zum Beispiel fragen, was hat es mit dem Titel auf sich. Und findet womöglich gleich zwei Antworten. Einerseits spielt Erzberg mit einem typischen Tschechowschen Warteplot, seine Hauptfigur bewegt sich physisch auf der Stelle, doch seine Gedanken schweifen unentwegt in die Ferne. Und dann ist da noch Erzbergs mitunter sehr bissiger Witz, eine Komik, die Tschechow, der bis heute ein wenig verkannte große Unterhalter, an Drastik gerne überbietet. Mitten drin finden wir ein böses Dialektgedicht über Tiere als bessere Menschen – („fia an hund brauchst ka kleidung / mit eam host ka scheidung / […] mit an hund brauchst nua schrein / schon fangt ea sich an zu gfrein“ (S. 28).

Trotz allen Witzes dominiert doch die ernsthaft suchende Haltung, das Sich-klar-werden-wollen der männlichen Hauptfigur – „um die 40 mit Sonnenbrille“. Nach und nach erschließt sich sogar so etwas wie eine Geschichte. Eine gedankliche Annäherung an das vergangene Leben der Großeltern. Am Ende des Buches könnte eventuell ein Anfang stehen – ein Gespräch mit der Großmutter, die am Bahnhof ankommt, und die wohl Geburtstag hat. Dazwischen aber geht es vor allem um eine Denkbewegung, ein vor und zurück in der Zeit, ein kurzes Abtauchen in Erinnerungen – an den toten Großvater, ein Hin- und Herpendeln zwischen dem allzeit bedrohlichen und grausamen „Außenda“ und dem zu schützenden, zu erforschenden „Innendrin“. Aggression wird ebenso spürbar wie Angst und Unsicherheit der Welt gegenüber. Die Angst, daß das Außenda das Innendrin verschlingt – „die Angst des Innendrin“ und „den Applaus fürs Außenda“ (S. 37). Der Tod lauert im Hintergrund, mal eher bedrohlich, dann wieder fast als Freund.

Tschechow ist „streng“ gebaut, 77 mal 7 Zeilen und ein Gedicht in der Mitte als Angelpunkt und Drehachse. Tschechow ist außerdem sehr reduziert, das immer wiederkehrende Geräusch der Schaukel, Satzfetzen, Wortgruppen, die wie frisch aus dem Kopf fallen. Trotz dieses oder vielleicht auch aufgrund dieses Minimalismus bekommt der Text etwas sehr Anschauliches und Plastisches. Man kann ihn sich gut als Hörspiel, fast als Bühnenstück denken, „die Langeweile die nie / fad wird“ (S. 44).

Stephan Eibel (Erzberg) Tschechow
Gedicht.
Wien: Edition Splitter, 1998.
44 S.; brosch.
ISBN 3-901190-52-X.

Rezension vom 15.08.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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