#Roman

Trockenschwimmer

Florian Gantner

// Rezension von Simon Leitner

Der Protagonist in Florian Gantners Roman Trockenschwimmer begegnet dem Leser in seinem Zuhause, wo er am Schreibtisch sitzt, seine Gedanken zu ordnen und einen Plan über seine weiteren Schritte zu skizzieren versucht. Kurz zuvor hat er Skier aus jener Firma entwendet, für die er lange Zeit tätig war, doch anstatt zu fliehen, wie er es seinen eigenen Aussagen nach zu schließen vorhat, beginnt er zu schreiben, schreibt seine Geschichte und die anderer nieder – und scheint damit gar nicht mehr aufhören zu können, denn es türmen sich allerlei Anekdoten, Mythen aus der Antike und Seemansgarn aufeinander und vermischen sich mit Erinnerungen des Protagonisten an seine Kindheit, seine Jugend und sein Leben als (junger) Erwachsener mit Ilse, seiner nunmehrigen Ex-Freundin.

Wie schwer der Diebstahl tatsächlich wiegt, bleibt unklar – letztendlich sind es aber nur ein paar Skier, und man ist geneigt anzunehmen, für die Firma sei das in materieller Hinsicht kein allzu großer Verlust und daher, ganz unabhängig von Versicherungskonditionen, finanziell verschmerzbar. Doch die Auswirkungen auf und für den Protagonisten sind enorm: Zum ersten Mal, so scheint es, hat er es gewagt sich aufzulehnen, gegen seine Umwelt und sich selbst, zum ersten Mal hat er nicht einfach den Kopf eingezogen und sich herumschubsen lassen, zum ersten Mal war er selbst aktiv und nicht nur Spielball seiner Umgebung – die von ihm begangene Straftat kommt fast einer Befreiung gleich: „Er hatte es geschafft. Er hatte getan, was niemand von ihm erwartet hatte.“

Es ist bezeichnend, dass dieser Akt der Rebellion sich in einer kriminellen Handlung vollzieht, tut letztendlich aber nichts zur Sache; denn es stellt sich die Frage, ob der Protagonist tatsächlich vor etwaigen strafrechtlichen Konsequenzen flieht – oder vielmehr vor Ilse, deren Spuren ihm immer noch auflauern und ihn hinterrücks überfallen: „Ich saß fest im Packeis aus Erinnerungen an Ilse. Die Erinnerungen ließen nicht von mir ab, immer wieder drifteten neue Details aus unserer gemeinsamen Vergangenheit auf mich zu, schoben sich neue Erinnerungsbrocken vor mich.“ Ilse ist, wenn man so will, das geheime, das eigentliche Zentrum des Romans, der Strudel, der letztlich alles mit sich fortreißt und in sich hineinzieht, das Delikt nur eine mehr oder weniger logische Konsequenz der Trennung von ihr und das (Auf-)Schreiben seiner und fremder Geschichten und Schicksale eine Form, um damit fertig zu werden.

Doch Gantners Roman ist nicht nur das, ist nicht nur die Geschichte einer Trennung, sondern auch über das Erwachsen-Werden: Man erfährt einiges über Kindheit und Adoleszenz des Protagonisten, die relativ unaufgeregt – das heißt ohne gröbere Abweichungen von der Norm in Form von fast schon obligatorischen Italienurlauben, Pausenhofquerelen und ersten Erfahrungen mit Sexualität – verliefen und vielen Lesern bekannt vorkommen dürften, wohl weil sie unvermeidlich sind und einfach zum Heranwachsen dazugehören (es ist bezeichnend, dass sich der Protagonist sogar selbst fragt, ob die von ihm aufgeschriebenen Erinnerungen überhaupt seine oder vielmehr jene eines „allgemeinen Gedächtnisses“ sind). Und nicht zuletzt ist „Trockenschwimmer“ auch eine Geschichte über Geschichten: von historischen, mythischen und fiktionalen Gestalten und allem, was es so dazwischen gibt. Gantners Protagonist streut diese Geschichten immer wieder ein, kommentiert sie, setzt sie mal mehr, mal weniger explizit in Verbindung zu seinem eigenen Schicksal und reflektiert darüber genauso wie über sich, seine Taten und Motive.

Man könnte Gantner durchaus einiges vorwerfen, eine etwas konstruiert anmutende Erzählsituation etwa, daneben tritt bisweilen das Gefühl auf, er hätte sich zu viel vorgenommen bzw. nicht ganz entscheiden können, wohin oder was genau er eigentlich will: Anekdotensammlung, Coming-of-Age-Roman, Liebesgeschichte oder Krimi. Man kann das Ganze aber auch positiv sehen und sich einfach darüber freuen, dass Elemente aller genannten Sparten vorhanden und leichtfüßig miteinander verwoben sind und Gantner mit dem Roman ein auch auf sprachlicher Ebene ansprechendes und kurzweiliges Lesevergnügen gelungen ist – nicht mehr, aber auch keinesfalls weniger.

Florian Gantner Trockenschwimmer
Roman.
Innsbruck: edition laurin, 2015.
192 S.; geb.
ISBN 978-3-902866-26-4.

Rezension vom 08.06.2015

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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