#Prosa

Text fur Aliens

Ann Cotten

// Rezension von Karin S. Wozonig

2023/24 hatte Ann Cotten die Poetikdozentur des Literaturhauses Hannover und der Leibniz Universität Hannover inne. Ihre Vorlesungen, unter anderem zu den Themen Regellosigkeit, Fremdheit und Machtmissbrauch in seinen vielen Facetten, sind in dem Band Text fur Aliens gemeinsam mit einem Interview und einer Würdigung ihres Werks abgedruckt: eine Einladung zum Abtauchen in den intellektuellen und artistischen Cotten-Kosmos.

Wer Ann Cotten zu einer Poetikvorlesung einlädt, kann sich auf etwas gefasst machen – und auf vieles. Ohne Luhmann, Durkheim und japanische Denkschule ist ein solcher Beitrag nicht zu haben, aber auch (mehr oder weniger sicher platzierte) Kalendersprüche gehören zum Repertoire der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin der Zeitschrift Triëdere

Unter dem Titel Text fur Aliens hat der Verbrecher Verlag Cottens Vorlesung im kompakten Format mit anderen Texten zusammengefasst. Neben dem eigentlichen Vorlesungstext enthält das Buch eine im besten Sinn launige topographische Ausführung der Leiterin des Literaturhauses Hannover, Kathrin Dittmer, und eine Erklärung zur Ein- und Ausrichtung der Poetikdozentur, aus der die Vorlesung hervorgegangen ist, verfasst von der Literaturwissenschaftlerin Laura Beck. Beck begründet in ihrem Text auch, warum Ann Cotten 2023/24 die ideale Besetzung für diese Dozentur war; und ein informatives Interview, das sie mit der Autorin führte, ist hier ebenfalls nachzulesen.

Im Zentrum von Cottens Vorlesung steht der Begriff der Anomie, das Fehlen regulierender Ordnungsstrukturen. Er wird philosophisch hergeleitet und quer über die Disziplinen durchdekliniert. Neben diesen, in Kapitel unterteilten und streckenweise dozierenden Ausführungen stehen selbstständige kürzere Abschnitte, die Begriffsklärungen enthalten, jenseits klassischer Definitionen und über sie hinausgreifend. In diesen Passagen, die durch andersfarbiges Papier hübsch abgehoben sind, dominiert die Kolumnenhaftigkeit, ein assoziatives Durchschreiten, Durchgehen oder Durchlaufen von Begriffsfeldern.

Man muss diese Vorlesung nicht sozusagen mit dem Lexikon der Philosophie in der Hand lesen, man könnte aber. Und dabei würde sich die Känguruartigkeit der Textbewegung auch punktuell –quasi an den Landepunkten – festmachen lassen, eine Känguruartigkeit, die über die Fortbewegung hinausgeht, denn in diesem Text verbirgt sich auch so mancher linke Haken. So hüpft der Gedanke zum Beispiel von Alexander Kluge über die Furchtlosigkeit als Grundlage nomadischen Lebens („Wenn Antilopen ängstlich wären, würden sie Häuser bauen!“, S. 65) zu Care-Arbeit in ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Bedingtheit. Etwas krude geraten die Ausflüge in die politische Wirklichkeit Deutschlands, denen man Cottens Verstörung über den latenten Alltagsfaschismus und den politischen Erfolg rechtspopulistischer und rechtsradikaler Parteien deutlich anmerkt.

Zu den nicht so spektakulären und doch bedenkenswerten Erkenntnissen der Vorlesung und ihres Beiwerks gehört zum Beispiel, dass Schafe nicht per se gut sind, eine Beobachtung, die sich über das Zuchttierproblem hinaus entwickeln und weiterdenken ließe. Dass das Abendland von Doppelmoral durch- und zersetzt ist, stellt Cotten aber gleich in den größeren Kontext, wie überhaupt diesen zu finden, zu benennen und abzuschreiten eine Spezialität der Autorin ist, aus der sich bei der Lektüre dieser Vorlesungen großer Gewinn ziehen lässt. Einer der Befunde Cottens lautet, dass nach der neolithischen Revolution einiges schiefgelaufen ist, angefangen vom Eingottglauben bis zu den Müttern mit Kleinkindern in SUVs. Hier zeigt sich, dass Cotten von den ganz großen Bögen bis zu den Yuppie-Misslichkeiten der Großstadt zu denken und vor allem: kritisch zu mustern versteht.

Sollte man es bei der Lektüre der Vorlesung auf das Verstehen anlegen, wogegen prinzipiell nichts einzuwenden ist, hilft dabei vielleicht ein Satz aus dem Abschnitt 5 („Das Gute und das Böse und das Schöne“): „Wir machen alles zu kompliziert, wir zeigen, anstatt zu sagen, wir meinen, das Gewicht der Welt auf den Schultern zu tragen und machen in Wirklichkeit nur einen Handstand.“ (S. 55) Es könnte auch ein Kopfstand sein. Von derlei selbstkritischen und -ironischen Aussagen gibt es viele in Cottens Poetikvorlesung, sie haben oft mit Philosophie, häufiger noch mit der Gesellschaft im allgemeinen zu tun und sind von der privilegierten Intellektuellenwarte aus formuliert. Das macht Text fur Aliens zu einem Buch für alle, die Fremdwörter mögen, außerdem für jene, denen ein weltanschauliches Haus allein zu wenig ist und schließlich für masochistische Polohemdenträger, die Bücher und Kunst kaufen und sich permanent gemeint fühlen können.

Genau genommen ist, was Cotten macht, über weite Strecken keine Poetikvorlesung. Eine solche ist aber auch nicht zu erwarten, wenn die Anforderung für die ausgelobte Poetikdozentur ungefähr und ungefährlich lautet: kommunikative Pluralisierungskompetenz und Erfahrung im Aufdecken von machtförmigen Homogenisierungsstrategien. Cotten besitzt erstere in hohem Maß und letztere so spezifisch, dass sie stellenweise vom schlichten Aufdecken zum bravourösen Aufblatteln weiterschreitet. Was dieses Buch auf jeden Fall ist: zeitgemäß.

Eine der Denkbewegungen der Vorlesung findet, wenn auch nicht explizit, vor der Folie des Psalmworts „Ich bin nur Gast auf Erden“ statt und verläuft wie ein Paul-Gerhardt-Kirchenlied konsequent barock, gelegentlich apodiktisch, auch litaneiartig oder tiradenhaft rhythmisch. Cotten klagt mit Verve über den Kapitalismus, die Ausbeutung von Mensch und Natur und über die massenmediale Verblödung, auch die KI darf als kleiner Themenblock nicht fehlen.

Cottens Zielsubjekte sind der freudlos wohlhabende Mittelstand, Politikerinnen und Politiker, Konzernbosse (wahrscheinlich mindestens beiderlei Geschlechts, wenngleich das realitätsfern sein dürfte), bequem mitlaufende Intellektuelle und kollaborierende Künstlerinnen und Künstler. Um pubertäre Rumpelstilzchenhaftigkeit ist es der 1982 geborenen Autorin dabei nicht zu tun, laut darf es trotzdem werden: Da kracht der Leserin so manches Wort aufs Haupt, und das ist nicht schlecht. Wer sich fragt, wie viel Freiheit zum Verlassen schädlicher oder giftiger Verhältnisse ihm sein Leben und Lebenswandel lässt, wer die eigene Existenz auf die Umsetzbarkeit von „love it or leave it“ abklopft, muss nicht unbedingt egoistisch sein, sondern kann von diesem Punkt aus, so zeigt Text fur Aliens, auch auf das große Ganze zu schauen versuchen.

Augenscheinlich ist Cotten in philosophische Gebäude verliebt und bringt an ihnen ihre eigenen Schnörkel an. Und so ist ihre Vorlesung unter anderem auch eine ganz persönlich-subjektive Bestandsaufnahme aus der Position eines Menschen, der zwei oder drei Ländern ‚angehört‘ und sich weitere sprachlich und kulturell erschließt. Mit US-amerikanischen Wurzeln und österreichischer und deutscher Bildungsbiographie bis zum akademischen Abschluss (Masterarbeit über Konkrete Poesie bei Wendelin Schmidt-Dengler, zur Zeit Dissertationsprojekt über eine materialistische Poetik an der FU Berlin) ist Cotten nicht gerade die Durchschnittsmigrantin, aber sie ist mit vielen, dem Wechsel des Landes und der Kultur geschuldeten Verunsicherungserfahrungen vertraut. Das wird in ihren Ausführungen zu Zwei- und Mehrsprachigkeit und zum Fremdsprachenerwerb deutlich, ein Thema, das naturgemäß einer Autorin besonders am Herzen liegt und dem Cotten neben der persönlichen auch eine gesellschaftliche Komponente abgewinnt.

Es spricht einiges dafür, dieses Buch vom Ende her zu lesen, sich mit dem Text Die ‚löchrige Wirklichkeit‘ von Laura Beck und dem Gespräch, das die Literaturwissenschaftlerin mit der Autorin geführt hat, auf die Vorlesung vorzubereiten. Interessant sind unter anderem auch Cottens Ausführungen zum eigenen Sprachspiel. Es wäre schade, wenn die Autorin jetzt, mit erweitertem politischem Bewusstsein und bei Privilegierung der Mittel der Intervention durch Literatur, l’art pour l’art abwerten würde. So ist es aber vielleicht gar nicht gemeint, und es passt auch nicht so recht zu Cottens neuem Gedichtband Poller. Idyllen. Suhrkamp 2026), lyrikskeptisch kann gerade eine Dichterin allemal sein. Text fur Aliens ist ein pluriform anregendes Buch von einem der originellsten Köpfe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Ein Postskriptum zu einer – zum Glück nicht systematisch durchgehaltenen – Eigentümlichkeit von Cottens Schreibweise, dem „polnischen Gendering“, bei dem alle für die Gendermarkierung nötigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende gesetzt werden: Man gewöhnt sich daran, irgendwann geht es wahrnehmungstechnisch von selbst vorüber, zumal die politische Positionierung der Autorin feministisch ist und bei ihren Ausführungen zu ausgebeuteten, ausgegrenzten und entmachteten Gruppen ganz selbstverständlich „Frauen“ genannt werden und in diesen Fällen wohl nicht „weiblich gelesene“ Menschen gemeint sein können, zu deutlich ist hier zumeist der Zusammenhang mit Reproduktion (vulgo Kinderkriegen).

 

Karin S. Wozonig, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Germanistik an der Universität Wien und UCLA (USA). Publikationen zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und zur Chaostheorie. Zuletzt veröffentlichte Karin S. Wozonig in der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz Ratten. Ein Porträt (2024) und im Residenz Verlag die Biografie Betty Paoli – Dichterin und Journalistin (2024) sowie unter dem Titel Ich bin nicht von der Zeitlichkeit eine Auswahl an Texten von Betty Paoli. www.karin-schreibt.org

Ann Cotten Text fur Aliens
Berlin: Verbrecher Verlag, 2026.
176 Seiten, Hardcover.
ISBN: 9783957326270.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 07.08.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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