#Roman

Teresa hört auf.

Silvia Pistotnig

// Rezension von Veronika Hofeneder

Die Protagonistin von Silvia Pistotnigs mit Spannung erwartetem neuen Roman heißt Teresa und präsentiert sich auf den ersten Seiten des Buches als misanthropische Einzelgängerin, die an ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt wenig Interesse hat und dies auch offen zur Schau trägt. Ihre Geringschätzung bekommen alle unterschiedslos zu spüren, angefangen von hilfsbereiten Verkäufer/inne/n oder besorgten Nachbar/inne/n bis zu ihren Arbeitskolleg/inn/en oder Eltern. Teresas Verachtung ist Programm: „Ich mag es, wenn die Leute sich über mich ärgern, das sorgt für schlechtes Karma, und das schlechte Karma, das bin ich.“ (6) Sie arbeitet in einer Maturareisen-Agentur, mit deren Chef sie eine kurze Affäre verbindet, die Teresa weder körperlich noch emotional als berührend erlebt. Ihre Tätigkeit dort interessiert sie wenig, trotzdem begegnet sie sämtlichen Herausforderungen mittels ihrer „eisigen Coolness“ (15) tough und effizient. Später wird sie ihren Beruf gerade wegen seiner Sinnlosigkeit als perfekt zu ihrer Persönlichkeit passend beschreiben.

Teresa mutet aber nicht nur ihren Mitmenschen einiges zu, auch ihren Körper setzt sie in regelmäßigen Abständen selbstauferlegten „Projekten“ aus, die sie detailliert dokumentiert und analysiert. Nach einem über mehrere Monate andauernden Schlafentzug, dem völligen Verzicht auf Körperpflege oder der größtmöglichen Reduktion sämtlicher Bewegungsabläufe (Stichwort Oblomow) ist das aktuelle Projekt Fress-/Brechsucht: „Bulimie passt wie ein perfektes Outfit zu mir, es ist eines meiner Lieblingsprojekte. Ich bin immer hungrig und finde mich zum Kotzen, ist das nicht lustig?“ (33) Bei einem ihrer Großeinkäufe lernt Teresa Nicole kennen, die ihre Leidenschaft für das Essen teilt, allerdings nicht den Zwang verspürt, es nachher wieder von sich geben zu müssen, was sich in ihrer körperlichen Erscheinung niederschlägt: „Sie ist ein Ballon, ja, ein Ballon! Von ihrem runden Kopf führt ein dicker Hals zu einem aufgeblasenen Körper, aus dem fleischige Arme ragen […].“ (22) Von nun veranstalten die beiden ihre Fressgelage gemeinsam und Nicole wird für Teresa zur wichtigsten – und einzigen – Bezugsperson. Sie stellt keine Fragen und hat keine Erwartungen, sondern akzeptiert Teresa so wie sie ist, mit all ihren Eigenheiten und Dispositionen. Damit ist sie auch die Einzige, die Teresa Verständnis entgegenbringt und versucht, deren Nöten auf den Grund zu gehen. Denn Teresa ist psychotisch, sie leidet unter einer gestörten Selbstwahrnehmung. Ihren eigenen Körper kann sie im Spiegel nur stückweise und nicht als Ganzes erkennen, weswegen sie detaillierte Zeichnungen jedes einzelnen Körperausschnitts anfertigt, die sie in ihrem Kasten sammelt. „Ihr Körper ist wie eine Hülle. Sie wollen keine Vergangenheit und keine Zukunft. Kein Pläne. Keine Wünsche. Ich habe mich getäuscht und doch wieder nicht. Sie erstellen Konzepte, Sie machen Projekte, um ihre Leere zu füllen. Sie machen das, und es ist hart und brutal. Ich glaube, Sie tun das nur, damit Sie spüren, dass Sie da sind.“ (161) Damit gelingt Nicole eine Diagnose, die Teresas Mutter – von Profession ausgebildete Psychotherapeutin – verwehrt bleibt, diese kann mit der psychischen Erkrankung ihrer Tochter nicht umgehen und hat jegliche Interventionsversuche aufgegeben.

Pistotnigs Talent, Situationen und Charaktere zugespitzt und ohne Scheu vor Übertreibung darzustellen, sorgt auch in diesem Roman für viele komische Momente; auf die staubtrockenen Kommentare der Erzählinstanz, die bei der Lektüre ihres letzten Romans Tschulie an der Grenze zur political correctness für Lachsalven sorgten, muss man auch in Teresa hört auf trotz des vergleichsweise ernsteren Stoffes nicht verzichten. So amüsant wie bitterböse ist z. B. der aktuelle Pandemie-Bezug bei der Schilderung von Teresas Abscheu vor körperlicher Nähe: „er ist der Bussi-Bussi-Typ, eine der schlimmsten Angewohnheiten der Wiener Gesellschaft, wenn doch irgendeine Krankheit sie zunichte mache könnte.“ (180) Oder der Sarkasmus gegenüber der intellektuellen Unbedarftheit eines früheren Liebhabers, der Teresa einen feurigen Brief voller Rechtschreibfehler schickt: „Auch wenn dieses fehlerhafte Schreiben entzückend war, interessierte es sie nicht.“ (29)

Pistotnigs Roman brilliert auf sprachlicher Ebene durch Klarheit und Präzision; der engmaschige Zaun, mit dem sich Teresa von der Außenwelt abschottet, wird auch syntaktisch spürbar: „Ich muss die Zähne zusammenbeißen. Ich muss mich aufraffen. Ich muss weitermachen. Ich muss gar nichts. Mein Handy ist ausgeschaltet. Die Fenster sind geschlossen. Nichts von draußen dringt in mein Reich. Ich bin allein.“ (90) Und auch auf erzähltechnischer Ebene gelingt Pistotnig durch die Verschränkung von Ich-Perspektive und auktorialer Erzählhaltung eine plausible Darstellung von Teresas Ich-Störung und den Schwierigkeiten ihres Umfeldes, diese zu akzeptieren. Teresa hört auf ist ein einfühlsames und eindringliches Psychogramm einer jungen Frau, das unsere Vorstellungen von Wahrnehmung und Normalität nachdrücklich auf die Probe stellt, wie sich letztendlich auch Teresas Mutter eingestehen muss: „Normal. Ein Wort, das sie selbst nicht ausstehen konnte, weil es ausgrenzte, festlegte, klar definierte, was nicht definierbar war“. (228)

Roman.
Wien: Milena Verlag, 2021.
240 S.; geb.
ISBN 978-3-903184-68-8.

Rezension vom 28.04.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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