#Prosa

Tagebuch der Gegenwart.

Marlene Streeruwitz

// Rezension von Helmut Sturm

„Wo alles in Ordnung ist, hat die Verzweiflung ihre beste Zeit“ – Dieser Aphorismus kommt so und in der Variante „Wenn …“ mehrmals im Journal der Wiener Schriftstellerin vor. Es handelt sich hier um eine Sammlung von Texten, die zeigen wollen, dass Ordnung eigentlich Nicht-Ordnung ist, und dass diese Einsicht befreiend wirken kann.

Gibt es die Donnerstags-Demonstrationen noch? Im Tagebuch der Gegenwart von Marlene Streeruwitz werden wir an diesen Ausdruck des Protests gegen die FPÖVP-Koalition erinnert. Sie sind ein Motiv, ein Aspekt der Wirklichkeit, der in ihrem Band eine besondere Rolle einnimmt. Die Demonstrationen werden darin zum Ideal neuer Politik, aus der der autoritäre Charakter verschwunden ist, die nicht vorgibt, eine gültige (Er-)Lösung zu kennen. Der Schriftstellerin werden die Donnerstag-Wanderungen zur Selbsthilfegruppe, „Und. In der Suche nach den richtigen Fragen und in der Suche nach dem richtigen Ausdruck ist dieses Gehen Kunst.“

Das kurze Zitat zeigt, auch diese Beiträge, die – zumeist in Zeitungen erstveröffentlicht – aus der Zeit von Februar 2000 bis Jänner 2001 stammen, halten sich an die typische Streeruwitz-Syntax, die keine Fragezeichen kennt, wo aber jeder Punkt ein Fragezeichen markiert. Das ist das Sympathische und Faszinierende an diesen Texten, das radikale Offenbleiben, das Verweigern einer Ordnung. „Eine solche Nicht-Ordnung ist schwierig.“, heißt es, und nicht zufällig sind zwei Einträge mit dem Titel „Inkongruenzen“ überschrieben.

In einem Beitrag zum Essay macht Streeruwitz klar, warum Unstimmigkeiten für sie, die vielfach „die Umklammerung durch die Metaphysik“ beklagt, notwendig sind. Unstimmigkeit und Unsicherheit sind die Folgen jener Freiheit, die die Welt nicht in eine Folge von ganzen Sätzen presst, die, wenn die Sicherheit objektivierten Denkens aufzusteigen beginnt, von neuem Fragen aufsteigen lässt. „‚Nichts festzustellen…‘ und schon gar nichts, was man feststellen muß“.

Das „Tagebuch“ ist eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte: Reflexionen, autobiographische Erinnerungen, Interviews mit Zeitungen, poetologische Notizen, kulturgeschichtliche Recherchen stehen nebeneinander. Immer wird Sprache sehr ernst genommen, auch im Sinn des Linguistic Turns, nach dem alles als Sprache gelesen werden kann. Bezeichnend hier eine Abhandlung über das Dirndl, übrigens im nicht übersetzten (streeruwitzschen) Englisch belassen. „Dirndl as a Text“ zitiert als einzige Arbeit auch einen Quellentext und fällt so etwas aus der Reihe der übrigen „Tagebucheinträge“.

Apropos Tagebuch: Marlene Streeruwitz hält es in einer Überlegung über die Short Storys Raymond Carvers für die ideale Form für Leute, die zu schreiben beginnen wollen. Sie verhindere im Gegensatz zur Short Story die Unterwerfung unter die Regeln der Vormoderne.

Moderne bedeutet hier vor allem, dass da nichts Unbedingtes ist, das Halt gibt. Keine Regeln, keine Gesetze – nichts. Interessanterweise führt diese Haltung bei Streeruwitz nicht zu einer Beliebigkeit. Die Autorin hält deutlich an bestimmten ihr wichtigen Werten wie Freiheit, Demokratie und Emanzipation fest. Ob das Dilemma dieser Inkongruenz der Gegnerin metaphysischer Verpflichtung ganz bewusst ist, wird nicht thematisiert. Jedenfalls scheinen ihre Kunsttexte, die, wie sie in „Haben. Sein. Und werden. Eine Predigt.“ postuliert, auf nichts verweisen als auf ihre eigene Wirklichkeit, doch auch recht viel Realitätsbezug zu haben. So viel, dass sie in Schullesebücher gehören.

Prosa.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag, 2002.
182 S.; geb.
ISBN 3-205-99463-9.

Rezension vom 10.09.2002

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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