#Roman

Tage im Mai.

Marlene Streeruwitz

// Rezension von Kirstin Breitenfellner

„Wir sollten uns alle zusammensetzen
und weinen“

Den ersten Satz spricht Konstanze, die Mutter: „Ich sterbe.“ Den letzten Satz hat Veronica, die Tochter: „Ich will leben. (…) Einfach nur so leben. Irgendwie. Und mit Zukunft. Weißt du?“ Der Untertitel „Roman dialogué“ ist aber eher metaphorisch zu verstehen, denn Mutter und Tochter führen in Marlene Streeruwitz‘ Roman Tage im Mai nur zwei echte Dialoge. Den Rest der Erzählzeit sind sie weitgehend in ihrem Kopf gefangen, in einem Bewusstseinsstrom, in dem sie sich – zwischen Erinnerungen an die quälende Zeit der Lockdowns und Sorge über den Krieg in der Ukraine sowie teilweise zermürbend banalen Alltagsgedanken – allerdings immer wieder aufeinander beziehen. Vor allem die Mutter hat mit der erkalteten Beziehung zur Tochter, die mit zwanzig Jahren nicht mehr zu Hause wohnt, zu kämpfen. Sie sehnt sich nach einem echten Austausch, der dann im letzten Dialog, zwischen Kofferauspacken und Ablenkung am Handy auch beinahe stattfindet.

Aber von vorne. Wir schreiben das Jahr 2022, dessen Weltthemen uns Zeitgenossen so unangenehm auf den Leib rückten. Nach zwei Jahren Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie hatte Russland die Ukraine überfallen. Droht nun ein Welt- oder gar Atomkrieg, fragen sich viele auch noch ein Jahr später, zum Erscheinungsdatum des Romans. Marlene Streeruwitz hat in ihrem literarischen Schaffen immer schon Bezug auf die Politik und deren Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen genommen. Sie flankiert ihr künstlerisches Werk aber auch mit Essays und Zeitungsartikeln.
In der Covid-19-Pandemie gehörte sie zu den wenigen Autorinnen und Autoren, die sich kritisch über die Bevormundung der Politik äußerten, und ließ dem damaligen Kanzler Sebastian Kurz via Interview in der Tageszeitung „Der Standard“ ausrichten, sie wolle sich von ihm nicht wie ein kleines Mädchen behandeln lassen. Bereits im Mai 2022 legte sie mit einem „Handbuch gegen den Krieg“ (bahoe books) Betrachtungen nicht über Russlands Krieg in der Ukraine, sondern über den Krieg als solchen vor. Diesen sieht sie als das Gegenteil von Zivilisation, Ethos und des Demokratischen an sich, denn er beruhe auf Gewalt und Angst.

Von dieser Angst, die aus den unmittelbaren Kriegsgebieten auch in die benachbarten Länder schwappt, handelt ihr neuer Roman, der zunächst Konstanze und Veronica abwechselnde kurze Kapitel widmet. Beide weinen bei ihrem ersten Auftritt. Konstanze über den Krieg, aber auch über das „Leben insgesamt“. „Der Krieg gerade. Der verstärkte das. Verschärfte die Konturen. Zerschnitt mit den Erinnerungen das Erhoffte. Kreuzte die Wünsche gegen die Wirklichkeiten. War das Altern? War das Alt-Werden? Aber sie war nicht alt. Sie war 56 und wollte leben. Sie hatte leben gewollt. Schon in der Pandemie. Es war klar geworden. Die Wünsche galten nichts. Galten nichts mehr.“
Marlene Streeruwitz‘ Stärke besteht in ihrem erbarmungslosen Hinschauen, in der Benennung von Missständen und der Beschreibung des Unangenehmen, des Ungeheuerlichen, in diesem Fall der Alltagsrealität zweier Frauen in den Jahren 2020 bis 2022. Dazu benutzt sie auch hier ihren bekannten, stakkatohaften Stil aus Ellipsen und Einwortsätzen. Romantische, poetische oder magische Momente und, ja, auch den der Literatur oft zugeschriebenen Trost sucht man in ihrem Werk vergeblich. Aber ihr brutales, mitleidloses Ausleuchten der unbehaglichen und bedrohlichen Aspekte des Daseins vermag eine kathartische Wirkung zu erzielen. Denn was ausgesprochen bzw. niedergeschrieben wurde, verliert dadurch auch an Macht. „Sie musste in die Schrecken hineingehen. Sie musste sich zugeben“, heißt es gegen Ende über Konstanze.

Konstanze arbeitet als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen für das Burgtheater und diverse Verlage, ihre Tochter Veronica, genannt Nizzi, geboren 2002, ein uneheliches Kind in der dritten Generation, stammt aus einer Liaison mit einem Italiener. Sie hat in der Zeit der Lockdowns begonnen zu studieren – und ist daran gescheitert. Nun hält sie sich mit einem Job an der Rezeption einer Briefkastenfirma am Wiener Kohlmarkt über Wasser, lebt in einem katholischen Mädchenheim, ernährt sich vegan und macht bei der Kunstaktion eines Freundes gegen den Klimawandel mit. Die Maske trägt sie wie ihre Mutter immer noch gerne, weil sie Sauberkeit vermittelt und das Schweigen verständlich macht, trotzdem scheint sie um einiges ängstlicher als diese – und illustriert damit die Tatsache, dass die Generation der Twentysomethings in der Einhaltung der Regierungsmaßnahmen zu Eindämmung der Pandemie oft strenger agierte als ihre „vulnerablen“ Eltern.
Veronicas Sorge scheint allerdings nicht unbegründet, ist doch ihre italienische Großmutter an Covid gestorben, so wie auch ein Verleger ihrer Mutter, die seitdem von ihrem Sparbuch lebt. Konstanze– sozialisiert in der Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 – sieht die Maßnahmen durchaus kritisch. Und spricht sich, zwar selbst geimpft, etwa dezidiert gegen die Impfpflicht aus. „In einem Staat, in dem es bis vor kurzem nur um Geimpfte und Ungeimpfte gegangen war. Und nicht um Bürgerinnen und Bürger. Es war vorstellbar gemacht worden, dass Ungeimpfte nicht zur Wahl gehen durften. Einfach mit einem Betretungsverbot für Ungeimpfte das Wahlrecht ausgesetzt. Schleichendes Unrecht war das.“

Veronica hingegen scheint alle Widerstandskraft abhanden gekommen zu sein. Ihre einzige Intervention zum Gegebenen besteht neben dem Veganismus und der Teilnahme an der absurden Kunstaktion „Regen für Wien“ darin, sich an der Rezeption minutenweise tot zu stellen, um die Überwachungskameras auszutricksen und das Video von ihrer „Erstarrung“ auf TikTok zu teilen – mit dem „Erfolg“ von Likes im einstelligen Bereich. Konstanzes folgenlose Begegnung mit einem ehemaligen Liebhaber, Veronicas Hadern mit dem Frausein, eine Telenovela, die über 25 Seiten unkommentiert nacherzählt wird (und deren unrealistische Dramen die Fallhöhe zum banalen und vergleichsweise ereignislosen Leben von Konstanze und Veronica spiegeln), ein anlassiger Kaplan im Mädchenheim sowie Konstanzes Besuch bei einem alternden Verlegerpaar in Zürich geben den Hintergrund zu einem erratischen und für Konstanze so schmerzhaften wie unbefriedigenden intergenerationellen „Dialog“ ab.
Die beiden tatsächlichen Gespräche zwischen Mutter und Tochter sind jeweils wie in einem Theaterstück notiert. Das erste ist dominiert von unterschwelligen Vorhaltungen. „Du bist immer so vorwurfsvoll. Und deshalb mag ich nichts erzählen. Ich werfe niemandem etwas vor“, sagt Veronica. Und man ist sich nicht sicher, was bedrückender ist: das offenbare Unglücklichsein und die Wut der Mutter oder die Taubheit und Antriebslosigkeit der Tochter, einer Personifikation der abschätzig „Generation Schneeflocke“ genannten Altersklasse, die in der Pandemie zum ersten Mal mit einer echten Bedrohung konfrontiert wurde und wenig Resilienz zu zeigen schien.

In dem Dialog am Ende des Romans erweist sich allerdings Veronica als die Stärkere. Sie fordert ihre Mutter auf, endlich ihre eigene Mutter zu fragen, wer ihr Vater ist, was die Leserinnen und Leser inzwischen wissen – inklusive der direkten Verbindung, die diese Tatsache zwischen dem Zweiten Weltkrieg, dem Krieg in der Ukraine und dem „kleinen Leben“ von Konstanze aufzeigt. Ein überraschender, gekonnter erzählerischer Schachzug der Autorin. Dass die Tochter weniger unter der eigenen Abnabelung leidet als die Mutter, scheint auf den ersten Blick naturgegeben. Aber Streeruwitz wäre nicht Streeruwitz, würde sich nicht auch hier eine politische Dimension auftun. „Das war so. So schwierig. So schwer. Sich das abzugewöhnen. Das Schützen. Das Behüten. Und alle diese Leute, Diese Putins. Diese Bidens. Trumps. Musks. Und wer auch immer. Die das kaputt machten. Die allen Schutz zunichte“, denkt Konstanze. Auch in ihrem 2021 erschienenen Essayband „Geschlecht. Zahl. Fall“ (S. Fischer) hält Streeruwitz der Gewalt männlicher „Herrschaften“ den weiblichen „Kosmos der Pflege“ entgegen – und beklagt dessen Geringschätzung.
Wie immer lässt die Autorin zum Schluss viel zu denken übrig. Tage im Mai kommt der Verdienst zu, die sozialpolitischen und psychischen Folgen der Vereinzelung durch die Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 sowie das Bedrohungsgefühl nach Putins Einmarsch in die Ukraine in der hiesigen Bevölkerung begreiflich zu machen. Eine angenehme Lektüre ist das naturgemäß nicht. „Wir sollten uns alle zusammensetzen und weinen“, sagt Konstanze zu ihrer Züricher Verlegerin. „Es ist keine gute Zeit“, sagt diese vor sich hin. Ein Dialog ist in diesem „Roman dialogué“ nur bedingt möglich.

Roman dialogué.
Frankfurt: S. Fischer, 2023.
384 S.; geb.
ISBN 978-3-10-397350-1.

Rezension vom 27.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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