#Prosa

Suite poétologique.

Peter Simon Altmann

// Rezension von Peter Reutterer

Eine philosophisch verspielte Suite
Tanzend wie Derwische und hingegeben ans Kreisen um das Mysterium literarischer Kunst kommen die neuen Essays von Peter Simon Altmann daher. Wie vieles Tiefgründige werden sie leider nicht auf der Weltenbühne reüssieren. In einem Getriebe, das sich der Diktatur des Kapitals ergeben zu haben scheint, zählen aufhellende Gedankenspiele wenig.

Wen könnte da die Poetik eines bemerkenswerten Autors interessieren, wenn schon Belletristik ein exklusives, kaum Geld bringendes Vergnügen für wenige ist.
Das ändert aber nichts daran, dass so eine Suite an Essays, wie sie der Salzburger Peter Simon Altmann versucht, für Kulturinteressierte eine Pretiose ist. Denn zahlreiche Missverständnisse gegenüber der literarischen Produktion feiern noch immer Kirtag. Als Beispiel sei nur das Klischee des ständig berauschten Dichters genannt, das bestenfalls auf Charles Bukowski zutrifft.
Altmann berichtet beeindruckend offen von den Alltagen seines Schreibens: Am Vormittag werde geschrieben, am Nachmittag recherchiert. Damit bestätigt er, was wir u.a. von Thomas Mann oder Peter Handke wissen, der Schriftsteller schreibt zu festgesetzten Arbeitszeiten. Disziplin ist bedeutsamer für die literarische Arbeit als etwa Fantasie oder Exzess.
Ebenso offen berichtet Altmann von seinem Werdegang zum Schriftsteller: Über den Film „Tod in Venedig“ (Luchino Visconti) sei die Initialzündung erfolgt. Von da ausgehend seien Thomas Mann, Peter Handke und F. Scott Fitzgerald Idole geworden, denen der Autor recht konkret und leibhaftig nachgeeifert habe. Tatsächlich habe er Textpassagen der Bewunderten auswendig gelernt (damit Rhythmus und Form trainiert), weiters entsprechende Lebensmodelle ausgetestet. So konnte z.B. aus der genauen Kenntnis von „Der Nachmittag eines Schriftstellers“ (Peter Handke) nach einem Jahrzehnt der Einübung der „reale“ Schriftsteller Peter Simon Altmann erstehen.
Zu Beginn stehen Einzelfragen im Vordergrund. Hinsichtlich der Namensgebung fiktionaler Figuren erfährt man, dass die weitere Familie herangezogen wird (z.B. der Mädchen-Name der Urgroßmutter). Auch über Lektorat, Agenda in Verlagen wird Auskunft gegeben. Und dass Schriftsteller im Innersten oft etwas anderes, wie z.B. Schauspieler oder Musiker seien, wird erklärt.
Kernanliegen dieser zwölf Essays ist es aber, das Wesen von Literatur und ihrer Produktion auszuleuchten. Haupterkenntnis dieses Gedankenspiels in zwölf Abschnitten: Literatur geht es um Wirklichkeit, um das eigentlich Reale, und das in einer radikalen Weise. Was geschrieben wird, muss zuvor gelebt werden. Der Autor exemplifiziert das am Beispiel seines Romans „Der zweite Blick“, der sich mit der japanischen Haltung des „iki“ (Dandyismus nach Kuki Shuzo) auseinandersetzt. Das Geschriebene als Gelebtes, auch wenn es wie im genannten Roman unkonventionelle erotische Liaisonen beinhaltet.
Diese Verpflichtung der Wahrheit gegenüber beinhaltet gewaltige Risiken, da sie Geständnisse, Entblößung erfordert. Innerhalb der Gesellschaft können intime Eingeständnisse Statusverlust und Ausgrenzung nach sich ziehen. Umgekehrt stellt diese Hinwendung zur „wirklichen Wirklichkeit“ eine großartige Chance für die schreibende Person dar: In den Selbstporträts, die in den Romanfiguren enthalten sind, liegt die Chance, zum eigenen Sein vorzustoßen. Der Sinn literarischer Produktion ist Selbstentwicklung. In den Essays „Erfindung oder Schöpfung“ und „Warum ich schreibe“ gewinnt diese Tendenz eine gleichsam sakrale Dimension. Peter Simon Altmann bezieht sich dabei auf den Kulturphilosophen George Steiner: „Es gibt Sprache, es gibt Kunst, weil es „das andere“ gibt.“ Nicht nur außen, auch innerhalb des eigenen Selbst. Wir sind aus einer anderen Dimension aufgerufen zu antworten. „Wir sprechen, weil wir zum Antworten aufgerufen werden.“ Damit entpuppt sich das Geschäft des Schriftstellers als Berufung und erfordert jeweils vollen Einsatz, wie Altmann in „Der Schatten eines Stierhorns“ klarstellt: Man müsse mit „seinem eigenen Blut“ schreiben, wie Nietzsche es bereits titulierte. Literarische Textproduktion bezieht sich auf die Tiefen des Seins. Schon im ersten Essay hat Peter Simon Altmann konstatiert: Wahre Sätze leuchten auf. Oder wie Heidegger sagt: „Die Sprache spricht.“
Damit ist die Nähe zur Mystik provoziert. Schon in „Das Andere“ (der zuletzt erschienene Roman von Altmann) wird eine existenzielle Erfahrung mit einem diversen Gegenüber thematisiert. Das „Andere“ ist ebenso Ziel jeder Literatur. Mit Handke, einem der Idole Altmanns, gesprochen: „…es war wie ein ‚Urheben'“.
Im Verlauf der Lektüre kommen wir dem Autor in dieser „Suite poétologique“ als Persönlichkeit recht nahe. Er stellt sich als Mensch dar, der gern mit sich allein sei und nur ein geringes Mitteilungsbedürfnis habe. Diese Charakterzüge ermächtigen Peter Simon Altmann zur Absonderung, deren es – worauf er im Essay „Die glückselige Insel“ hinweist – zur intensiven Schriftstellerei bedarf. Nicht nur die Persönlichkeit des Autors bleibt präsent, es finden sich in diesen Essays auch größere Auszüge aus dem eigenen Werk. So erhalten die – gleichsam wie erlesene Tortenstücke – köstlichen zwölf Einzelteile des Bändchens zusätzlich exquisiten Geschmack. Denn Peter Simon Altmann ist u.a. ein kulinarisch zu lesender Autor, für dessen Prosa eine angemessene Würdigung noch aussteht.

Essays.
Edition Art Science, 2021.
120 S.; geb.
ISBN 978-3-903335-16-5.

Rezension vom 14.10.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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