#Roman

Strandbadrevolution

Kurt Palm

// Rezension von Alexander Kluy

Sommer 1972. Irgendwo in einer Kleinstadt in Österreich. Mick hängt mit seiner Clique ab. Sie sind alle siebzehn Jahre alt. Und revolutionsbewegt. Schließlich ist der Vietnamkrieg auf dem Höhepunkt, die Proteste in den USA und in Europa sind es ebenfalls.

Die Freunde gehen alle aufs Gymnasium. Bei Mick, der eigentlich Ernst heißt, steht nach den Ferien eine Nachprüfung in Französisch an. Doch statt zu lernen schwingt sich der Arbeitersohn – der Vater ist Schweißer in Schichtdienst, die Mutter Hausfrau, im Haushalt leben noch Micks älterer Bruder und ältere Schwester, gleich ein Häuschen weiter die Großeltern, die aus Kroatien stammen – lieber aufs Rad, unternimmt etwas mit den Freunden. Sie führen hochpolitische Disputationen, stehlen ab und an auch ein Taschenbuch aus der Ortsbuchhandlung, zumeist Adorno-Bände. Die Köpfe rauchen. Die Herzen stehen aber auch in Flammen. Denn natürlich geht es in die Disko, um Mädchen kennen zu lernen. Vor allem Mick, der am liebsten ausgemusterte Leiberl des Großvaters trägt, auf denen er als Popmusikkenner eigenhändig „Mick“ draufschreibt, Mick Jagger zu Ehren, will sich endlich verlieben und Sex haben.

Doch das erweist sich als holpriger als gedacht. Kurt Palm lässt ihn sich nämlich in seinem Roman Strandbadrevolution– ein mehr als nur sacht ironischer Titel – sympathisch ungeschickt anstellen. Auch wenn mehr als nur ein Mädchen sich willig zeigt angesichts des Schlackses mit den langen Haaren, geraten doch Tête-à-Têtes zu erotischen Fiaskos. Die Freunde versuchen sich auch an direktem politischen Protest, verteilen Flugblätter auf dem Hauptplatz, müssen dafür eine Ordnungsstrafe zahlen. Und dann fahren alle nacheinander mit ihren Familien in den Urlaub, ob ins italienische Lignano oder wie Micks Familie zum Campingurlaub nach Jugoslawien. Dort lernt Mick eine junge Holländerin kennen, wird von ihr entjungfert, ist natürlich im Handumdrehen verliebt, doch sie reist völlig überraschend ab. Dann ist auch sein Urlaub vorbei. Nach der Rückkehr erfährt er, dass einer der Freunde, Candy mit Spitznamen und in der Schule der beste von ihnen, die Schaufenster der Bank eingeworfen hat, als Manifest des politischen Widerstands gegen das „System“. Er wurde überführt, umgehend der Schule verwiesen und von seinen Eltern auf einen Almbauernhof geschickt. Zukunft ungewiss. Der Kontakt zu ihm bricht fast ab. Dann kommt die erschreckende Nachricht, dass Candy sich erhängt hat. Mick bekommt eine Kurzmitteilung der Holländerin, dass sie schwanger sei, hört dann aber nie mehr etwas von ihr. Dann beginnt das nächste Schuljahr.

Es ist das Ende der Kindheit und der Beginn von etwas, das sehr unscharf Leben heißt, wovon Kurt Palm erzählt. In kunstvoll eingebauten Exkursen wird enthüllt, dass das nächste Jahrzehnt Micks Familie vor allem Tod bringt, den Verkehrstod des Bruders, den Unfalltod der Mutter, die bei einer Überschwemmung im Keller bei den geliebten Tiefkühltruhen ertrinkt, den Exitus des Großvaters, der nach jahrzehntelangem Streit mit dem Nachbarn um einen Grundstücksgrenzverlauf von diesem erschossen wird.
Eros und Thanatos, Liebe und Tod, der Anfang von vielem, das Ende von etwas. Es ist ein mit leichter, aber nie unkonzentrierter Hand geschriebener, unter der Oberfläche raffinierter Roman. Palm erweist sich als begnadeter Dialogautor. Leicht und stimmig der Realität abgelauscht sind die Gespräche.

1972 war Palm, der gebürtige Vöcklabrucker, wie es der biografische Zufall will, selbst siebzehn Jahre alt. Man mag also so manches autobiografische Ferment in diesem Roman finden, daneben auch eingestreute augenzwinkernde Querverweise auf eigene frühere Bücher. Zugleich ist dies wie gar nicht wenige deutschsprachige Texte der Gegenwart, von Bov Bjergs „Auerhaus“ über fast alles von André Kubiczek bis zu Ingo Schulzes „Neue Leben“, ein reminiszierender Roman, eine Beschwörung einer sozial sicher verfugten Vergangenheit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Es sind dies Bücher, die vor dem Einzug des digitalen Zeitalters, der Allgegenwart des Furors der Medien – in „Strandbadrevolution“ ist das Ergattern einer gedruckten ausländischen Zeitung ein Triumph! – und vor bestimmten Zeitenwenden spielen. Angesiedelt sind sie in einem Jahrzehnt, in dem Utopien noch etwas galten, hochgehalten und kultisch verehrt wurden, in dem alles möglich war.

Kurt Palm ist ein literarisch-theatralisch-filmisches Multitalent. Man muss es erst einmal schaffen, nacheinander Bücher über Stifter (und Essen) und über Joyce (und das Gesamtwerk in Alphabetform) zu schreiben, über Fußball (die Hitzeschlacht von Lausanne anno 1954) und Bertolt Brecht (und dessen Boykott wie Anerkennung hierzulande), dann einen Horrorroman und einen literarischen Spaghetti-Western mit Gioachino Rossini, dazwischen Regie zu führen bei einer Vielzahl von Projekten, darunter auch ein Kinofilm nach Franz Kafka.
Strandbadrevolution ist kein tristes Buch, ja, es ist trotz Verlusten und Schicksalsschlägen nicht einmal melancholisch. Im Gegenteil, es ist oft lustig und durchgehend gelungen.

Kurt Palm Strandbadrevolution
Roman.
Wien: Deuticke, 2017.
256 S.; geb.
ISBN 978-3-552-06337-2.

Rezension vom 20.02.2017

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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