#Roman

Stillbach oder die Sehnsucht

Sabine Gruber

// Rezension von Ulrike Tanzer

Clara ist auf dem Weg nach Rom, um den Nachlass ihrer plötzlich verstorbenen Freundin Ines zu ordnen. Beide stammen aus dem (fiktiven) Südtiroler Dorf Stillbach, beide sind auch nach der gemeinsamen Gymnasialzeit in Verbindung geblieben. Clara lebt als Arztgattin und Mutter einer beinahe 18jährigen Tochter in Wien, während Ines nach ihrem Studium für mehrere Jahre eine Lektoratsstelle in Rom angenommen hat. Sie hält sich mit Nachhilfestunden und Übersetzungen über Wasser und arbeitet an einem mehrbändigen Werk, als sie der Tod ereilt. Dies ist der Ausgangspunkt für Sabine Grubers Roman, der – neben Maja Haderlaps slowenischer Familiengeschichte Engel des Vergessens – zu den wichtigsten Neuerscheinungen zählt. Auch Gruber wählt ein historisches Thema und weiß es mit einer biographischen Erzählung zu verknüpfen.

Im Mittelpunkt von Ines‘ Recherchen steht Emma Manente, die ebenfalls aus Stillbach stammt und die es – wie viele Südtiroler Frauen und Mädchen – nach Rom verschlagen hat, um dort in einem Hotel zu arbeiten. Es ist ein Blick zurück in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Emma ist mit Johann verlobt, der sich als deutscher Soldat in der italienischen Hauptstadt aufhält, im März 1944 aber beim Attentat auf das Regiment Bozen in der Via Rasella ums Leben kommt, als eine Widerstandsgruppe einen Müllkarren in die Luft jagt. Die Deutschen antworten mit einem Massaker, indem sie 335 Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen hinrichten lassen. An dem Kriegsverbrechen maßgeblich beteiligt sind der SS-Polizeichef von Rom, Herbert Kappler, und dessen Stellvertreter Erich Priebke. Ines lernt Emma Manente 1978 kennen, als sie in deren Hotel kommt, um Geld zu verdienen.
Es ist „eine klassische Hausangestelltengeschichte … mit unerwartetem Ende.“ Als Emma vom Sohn des Hotelbesitzers schwanger wird, ist eine Rückkehr in das heimatliche Dorf unmöglich. Mit der Heirat bleibt ihr ein Leben in Schande zwar erspart – sie sitzt aber dennoch zwischen allen Stühlen, als Angehörige der deutschen Minderheit und unter Verdacht, die Braut eines Nazis gewesen zu sein. Dies ist der Roman im Roman, aus der Sicht der siebzehnjährigen Ich-Erzählerin erlebt und aus der Perspektive der erwachsenen Ines, die das Schicksal ihrer strengen Chefin ergründet und die von Antonella, ihrer römischen Arbeitskollegin und Sympathisantin der indiani metropolitani, fasziniert ist.
Kunstvoll verknüpft Sabine Gruber ihre fiktive Erzählung mit historischen Fakten. Der Roman, hervorragend recherchiert und um ein hilfreiches Glossar ergänzt, beleuchtet nicht nur das Schicksal vieler Südtiroler Frauen in der Zwischenkriegszeit, er rührt auch an der Aufarbeitung der Vergangenheit und damit an der jüngeren Geschichte Italiens. Die Rolle der Kirche wie etwa die des Bischofs Alois Hudal, Leiter des römischen Priesterkollegs Santa Maria dell‘ Anima, wird dabei ebenso kritisch hinterfragt wie die der Parteien. Kriegsverbrecher wie Erich Priebke konnten nach dem Krieg flüchten und jahrzehntelang unbehelligt in Argentinien leben. Nach dem Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler am 31. Mai 2010 war Erich Priebke, so heißt es im Abspann, als Bundespräsidentschaftskandidat der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands im Gespräch. Emma Manente starb am 7. Jänner 2011 in einem römischen Altersheim. Sie liegt neben ihrem Ehemann Remo Manente auf dem Campo Verano, Roms größtem Friedhof.

Sabine Grubers Roman ist ein Buch gegen das Verdrängen und Vergessen, differenziert, anspielungsreich, frei von jeglicher Abrechnungsrhetorik. Der Historiker Paul, Ines‘ Liebhaber für eine Nacht, ist besessen von der Vergangenheit, ein Spezialist des Italien unter Mussolini und der Nazi-Besatzung. Gemeinsam mit Clara setzt er Ines‘ Recherchen fort. Und sehr subtil führt sich die Autorin auch selbst in diese Erinnerungsarbeit ein. „Ist nicht die in Wien lebende Schriftstellerin Sabine Gruber in Lana aufgewachsen? Clara hatte erst vor kurzem ein Buch dieser Frau in der Hand gehabt, in dem Venedig eine zentrale Rolle spielt. Doch hatte Gruber darin keine realen Liebesgeschichten beschrieben, so daß Clara das Buch nicht als Recherchequelle benützen konnte. Wenn sie sich nicht irrte, war Ines mit Gruber sogar flüchtig befreundet gewesen. […] Vielleicht hatte Ines die Vorfälle in diesem Kloster lediglich exzerpiert, um irgendwann Sabine Gruber davon zu berichten?“ Clara, die an einem Buch über berühmte Liebespaare in Venedig arbeitet, ist auf der Suche nach dem wahren Ich ihrer Freundin, von der sie so wenig weiß, und nach dem gemeinsamen Sehnsuchtsort. „Es ist doch alles schon zu Ende“, heißt es resignativ. „Und unser Stillbach hat schon angefangen auszutrocknen, lange vor Ines‘ Tod.“ Letztlich ist sie aber auf der Suche nach sich selbst.

Sabine Gruber Stillbach oder die Sehnsucht
Roman.
München: C.H.Beck, 2011.
379 S.; geb.
ISBN 978-3-406-62166-6.

Rezension vom 13.10.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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