Im Gegensatz zur englischsprachigen Literaturwelt, in der sich Sci-Fi längst nicht mehr verstecken muss, sondern als Genre über klar erkennbare Marker mit Stolz auf dem Cover präsentiert werden darf, versuchen literarische Verlage im deutschsprachigen Raum, mit ihren jeweiligen Neuerscheinungen nur ja nicht in der Sci-Fi-Schublade zu landen..
Wer sich von der Kategorisierung Science Fiction abgeschreckt fühlt, versäumt grundsätzlich ganze Welten von literarischen Möglichkeiten, im besonderen Fall von Stammzellen aber auch ein faszinierendes Leseerlebnis: Hier liegt ein Roman vor, der nicht alles will, und dabei seine Sache sehr gut macht.
Die Grundidee des Romans lässt sich rasch zusammenfassen. Eine unbekannte Krankheit, die Menschen in Bäume verwandelt, ist ausgebrochen. Wer von dieser „Dendrose“ befallen ist, durchschreitet einen aufsteigenden Prozess, der bei den Zehen beginnt, den ganzen Körper hochwandert und schließlich damit endet, dass der neue ‚Baum‘, um weiter überleben zu können, eingepflanzt werden muss. Eine Pandemie, die sich weltweit ausbreitet, für die es kein Erklärung zu geben scheint und die die Menschheit mit völlig neuen Fragen konfrontiert? Selbstverständlich ist Lindermuths neues Werk auch ein Covid-Roman — einer der wenigen, wenn den Klagen über das Fehlen der literarischen Auseinandersetzung mit dem Coronavirus und seinen Folgen Glauben geschenkt werden kann.
Lindermuth bindet das Geschehen an einen auf das Allernötigste reduzierten Cast. Die Hauptfigur Ronja arbeitet — neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Ärztin — in der ehrenamtlichen Betreuung von Betroffenen. Daneben entwickelt sich eine Beziehung mit einem Linguisten, eine beste Freundin gibt es auch (deren Auftritte dem Roman jedes Mal eine ordentliche Energieinfusion verpassen, davon hätte es durchaus mehr geben können). Ich gebe zu, dass ich der Schilderung dieses so überaus alltäglichen und ‚normalen‘ Beziehungslebens mit Kennenlernen, Integration in die jeweiligen Familien und Häuserlbauen beim Lesen manchmal mit Ungeduld begegnet bin, aber ich habe mich geirrt:
Zum einen wird die Krankheit in einer bewundernswerten und fesselnden Breite ausgemalt. Die Besuche von Ronja als Ehrenamtliche ermöglichen einen Blick auf die ihre persönliche Betroffenheit und Hilflosigkeit. Die genaue Beschreibung des fiktiven Krankheitsbildes sowie die glaubwürdigen und nachvollziehbaren Reaktionen der Kranken und ihren Angehörigen sind herausfordernd und teils schockierend. Zudem werden die gesellschaftlichen und politischen Implikationen einer kaum fassbaren Krankheit thematisiert. Die Dendrose wird von den üblichen Verdächtigen aus der Politik für den eigenen Vorteil ausgenützt, faktenwidrig, unverantwortlich und zynisch. Auf der anderen Seite illustriert eine herzzerreißende Szene mit Ronjas Vater, wie jemand die Krankheit nützen möchte, um dem eigenen Tod zu entgehen – obwohl die Krankheit kaum erforscht ist, strebt er die Verwandlung in einen Baum an.
Zum anderen liegt der Fokus der Erzählung doch sehr stark auf der Protagonistin. Und die ist – trotz ihres für die Romanhandlung idealen Berufes etwas konventionell geraten. Ihre Liebesgeschichte gerät etwas umständlich, eine Sexszene ist misslungen – doch der Clou des Romans wischt schließlich die Bedenken beiseite: Wäre Ronja nicht so ein Irgendwer wie wir alle, dem wir nur mit halben Ohr zuhören, dann wäre das, was im dritten Teil des Romans geschieht, nicht von der gleichen Wucht. Das im Roman sorgfältig aufgebaute Angstpotenzial entfaltet sich im letzten Drittel gnadenlos. Ab da widmet sich der Roman in großer Ernsthaftigkeit dem Thema Trauer.
Holger Englerth, Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Universität Wien, Ausbildung zum Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger. Diplomarbeit über Asketische Praktiken von Frauen vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projekte Literaturzeitschriften in Österreich 1945–1990, Literature on the Move, Tagebücher Andreas Okopenko und zur Österreichischen Gesellschaft für Literatur.
