#Roman

Spuk

Florian Dietmaier

// Rezension von Marcus Neuert

Erinnerung ist ein schwarze Katze

Tucson/Arizona 1952, Zephyrhills/Florida 1944, Los Angeles/Kalifornien 1932 und Eisenerz/Steiermark im und nach dem Ersten Weltkrieg – das sind die alptraumhaften Schauplätze des zwielichtigen Privatdetektivs Frank, der mit vielen Tricks und noch mehr Bourbon versucht, seine Vergangenheit und ihre Implikationen vor sich selbst zu verbergen. In Florian Dietmeiers zweitem Roman Spuk verflechten sich Zeiten, Orte und Handlungen in einer ausgefuchst angelegten Erzählstruktur zu einer psychologisch wie mystisch aufgeladenen Genrekombination, die Neo-Noir, Fantastik und Historie zu einem aufregenden und tiefsinnigen Lesecocktail zusammenmixt.

Florian Dietmaier, der 2024 mit seinem ersten Roman Die Kompromisse die Jury des Peter-Rosegger-Preises für das beste Debüt überzeugen konnte, hat mit Spuk kaum zwei Jahre später das in Autorenkreisen gefürchtete “zweite Buch” vorgelegt. Gefürchtet vor allem, wenn dem ersten schon soviel Ehrung zuteil wurde. Kann man das wieder erreichen? Oder gar toppen? Der Grazer Schriftsteller, gerade vierzig Jahre alt, studierter Germanist, Rezensent und Autor literarischer Texte hat seine erhoffte Karriere ja schließlich noch vor sich.

Da ist es gut, sich auf bereits Erprobtes verlassen zu können. Schon Dietmaiers Debüthandlung um ein Diplomatenleben durch die Jahrzehnte zwischen 1960 und 2020 spielte sich vor einem realen geschichtlichen Hintergrund ab. Auch der Roman Spuk verhandelt vor der Kulisse echter Weltgeschehnisse den Lebensweg einer Einzelfigur, des Privatdetektivs Frank, der im Arizona des Jahres 1952 für seine Auftraggeber die sich gerade konstituierende Gewerkschaftsbewegung vor Ort auskundschaften soll.

Franks private Situation ist die des klassischen Noir-Ermittlers: er ist ohne familiäre Bindungen, dem Alkohol verfallen und finanziell auf dem absteigenden Ast. Frank versucht beharrlich, sich nicht an die dunklen Stationen seines Lebens zu erinnern. Eine schwarze Katze, die er ständig in seiner Nähe zu sehen glaubt und die für ihn auf den Namen “Melani” hört, in welchem er ein Anagramm zu “einmal” (im Sinne von “es war einmal”) zu erkennen meint, fungiert als halb fantastische, halb psychologische Aufforderung, sich zu seinen vergangenen Sünden zu bekennen und für sich und die Geschehnisse endlich Verantwortung zu übernehmen.

Als Frank zufällig vom Tod Carl Tanzers erfährt, dem er im Auftrag seines ehemaligen Chefs, des korrupten Polizisten Fred 1944 in Zephyrhills / Florida massiv zu Leibe gerückt war – eine verworrene Erpressungs- und äußerst abgedrehte Liebesgeschichte garniert mit mysteriösen Todesfällen – beginnt Melani, ihn mit seinen Erinnerungen zu quälen. Wie in das Labyrinth seiner persönlichen Hölle muss Frank immer tiefer zu weiteren unaufgearbeiteten Stationen seines Lebens hinabsteigen:nach Los Angeles, wo er 1932 unter Fred als Polizist tätig war und beide in dunkle Prohibitionsgeschäfte verwickelt waren, sie Menschen ruinierten und zu Tode kommen ließen und schließlich noch weiter zurück in die Steiermark der frühen 1920er Jahre, von wo Frank eigentlich stammt.

Im steirischen Eisenerz stand er politisch einst auf der anderen Seite, war selbst zunächst Bergmann und Gewerkschafter und auch später als Gendarm noch Spitzel für kommunistische Kader in der noch jungen österreichischen Republik. Als er aufzufliegen und ihm obendrein eine Mordanklage für einen Todesfall drohte, der eigentlich ein Unfall war, schlug er sich als blinder Passagier nach Amerika durch, erfand sich neu wie so viele in Europa und anderswo auf der Welt Gescheiterte. Und wie so viele scheiterte er auch hier immer wieder. Im Rückblick erscheint sein Leben als eine Verkettung von schuldhaftem Verhalten, unglücklichen Zufällen und daraus resultierenden Fluchten und Abhängigkeiten von Auftraggebern, von Alkoholabhängigkeit und Wahnvorstellungen von der Katze Melani, jener Inkarnation eines Hexenwesens seiner alten steirischen Heimat, die keine Ruhe geben will.

All das erzählt Florian Dietmaier in knapper Diktion, die kaum je eine wirkliche Nähe zu den Figuren aufkommen lässt, auch weil der Roman bis auf eine einzige Stelle, in der Frank eine Ich-Position einnimmt (und wodurch erst klar wird, wie wenig man “von außen” bisher über ihn erfahren hat), komplett in der dritten Person erzählt wird. Die Perspektive changiert zwischen Frank und Melani, was insofern bemerkenswert ist, als der Protagonist dadurch beinahe schizophren erscheint, da sich Melani ja eigentlich in ihm befindet und in der Realität ein Trugbild zu sein scheint.

Man erlebt die Handlung fast wie einen Film mit zahlreichen Rückblenden. Der Autor wechselt unvermittelt, gerade so wie bei Frank die Erinnerungen einsetzen, zwischen den Zeit- und Ortsebenen hin und her. Doch die Leserschaft kann dem gut folgen, denn das Geschehen in Tucson 1952 wird im Präsens beschrieben, die anderen Ebenen werden im Präteritum erzählt. So schafft Dietmaier, eine Distanz zu seiner gleichermaßen zwielichtigen wie tragischen Figur Frank aufzubauen und dennoch einen Sog zu erzeugen, dem man sich nicht leicht entziehen kann. Klassische schwarze Detektivgeschichte, True Crime und Erfundenes, verbürgte Historie und ein Schuss Mythisch-Sagenhaftes gehen in Spuk eine aparte Mischung ein, die bis zum Schluss zu fesseln versteht.

Nun könnte man fragen, warum der Autor seinen Romanstoff so weit in die Vergangenheit verlegt hat. Ist das Erinnern beziehungsweise das Verweigern von Erinnerung eine Angelegenheit, die in der Jetztzeit nicht verhandelt werden kann? Dabei wird doch seit gefühlt Jahrzehnten bereits immer wieder gerade jene Erinnerungskultur beschworen, der sich neben der Gesellschaft als Gesamtheit auch gerade das Individuum zuzuwenden habe. Ist ein rechercheunterstütztes Erinnern im Jahr 2026 wegen der Vernetztheit der Welt gar zu leicht geworden? Oder gerade im Gegenteil zu schwierig, weil es zu viel gegenläufiges Material zu ein und demselben Sachverhalt gibt? Die eine wie die andere Einschätzung dieser Frage mag für das gesamtgesellschaftliche Erinnern von Belang sein, nicht jedoch für das individuelle, das psychologisierte In-Sich-Hineinblicken, das einem ja auch keine von Instagram oder Facebook unterstützte Klitterung der eigenen Vergangenheit ersetzen kann.

Es scheint fast, als sei Dietmaier das zeitlich Abgerückte aus einem anderen Grund wichtig gewesen: aus dem gleichen Grund, weshalb er das (Haupt-)Geschehen auch über den Atlantik verlegt hat. Es geht um die Spiegelungen des individuellen Schicksals an der realen Welt-Geschichte. Je weiter weg Ort und Zeit, desto abgeschlossener erscheint uns die Perspektive auf die Handlung. Das mag einerseits dem tiefsitzenden und uneingestandenen Wunsch geschuldet sein, sich nicht mit sich selbst und der als unentwirrbar empfundenen Jetztzeit befassen zu müssen. Aber der Vorteil ist eben auch der klare Blick zurück auf prägende und in ihrer Wirkung massenhaft kommentierte historische Ereignisse wie die beiden Weltkriege, den Beginn der Gewerkschaftsbewegungen in Europa und in Übersee, die sozialen Gegensätze der jungen österreichischen Republik, der Phase der Prohibition oder der abstrusen Kommunistenhatz der McCarthy-Ära in den USA. Vor dieser Kulisse lassen sich die individuellen Lebenswege des Protagonisten Frank eindrucksvoll in Szene setzen.

 

Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.

Florian Dietmaier Spuk
Roman.
Graz: Literaturverlag Droschl, 2026.
256 Seiten, gebunden.
ISBN: 978-3-99059-201-4

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 22.03.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.