#Comic
#Anthologie

SPROSS # 2. Blau sein

Janne Marie Dauer (Redaktion)

// Rezension von Marina Rauchenbacher

37-mal Blau. Das zweite Heft des österreichischen Magazins SPROSS, redaktionell betreut von Janne Marie Dauer und herausgegeben von Nicolas Dostal und erschienen 2024 in der Wiener Edition Dostal, erzählt unter dem Titel Blau Sein mit und von der Farbe Blau.

Wie schon das erste SPROSS-Heft von 2022 ist auch #2 monochrom gehalten: 37 junge Künstler:innen – vorwiegend aus Österreich, aber auch aus Deutschland, Island, Serbien, Südkorea und Ungarn, spielen zumeist anhand des Mediums Comic mit der Titelfarbe, die sowohl Element der Gestaltung als auch Thema ist: vom Wasser zum Stein, von der blauen Blume zur Politik, vom Betrunken- zum Traurig-Sein, von der motivischen Verknüpfung zur blauen Fläche, von überbordender Farbe zu deren gänzlicher Absenz. In Österreich können die 37 Beiträge auch als Arbeit an der Wiederaneignung der Farbe Blau gelesen werden, befreien sie ein Stück weit aus ihrer Vereinnahmung durch die politische Rechte und öffnen sie für das kreative Spiel. Sie funktionieren als Polyphonie im besten Sinn – Zusammenklang bei gleichzeitiger Eigenständigkeit in Idee und Ästhetik.

Klang spielt dabei mehrfach eine Rolle, so vor allem in Das Blaue Band (Wiegenlied) von Janne Marie Dauer, die zuletzt die viel beachtete Comic-Adaption von Bov Bjergs Roman Auerhaus (2023, Blumenbar) veröffentlichte. Das Blau entfaltet sich auf mehreren Ebenen, verbindet die gezeichneten Noten mit den Notenbezeichnungen, mit der Visualisierung des titelgebenden blauen Bandes, mit den Figuren und Motiven. Folgt man dem beigegebenen Link zur Interpretation des Liedes durch Dauers Vater, Peter Dauer/Henry Duree, wird die Lektüre zum Lese-Klang-Erlebnis.

Aus The Cures Friday I’m in Love zitiert Elena Jäger: „I don’t care if Monday’s blue…“ und greift damit die englischsprachige metaphorische Bedeutung des „being blue“ auf, die in dem Heft immer wieder vorkommt. Das Erzählen über das Traurig-Sein, über „having the Blues“ wird in unterschiedlichen Facetten entwickelt. So erzählt Carli Fridolin Biller in I Was Born Into Sadness auf vier Doppelseiten in flächigen Zeichnungen und mit feinen blau-schwarz Schattierungen wortlos darüber. Auch Lisa Braid, Victor von Boltenstein und Sarah Maria Schmidt thematisieren Traurigkeit, Melancholie und Depression. Julia Kleinbeck denkt ausgehend von Maggie Nelsons Roman Bluets (2009) nicht nur über den Schmerz (angesichts einer verlorenen Liebe) nach, sondern auch über die im Roman thematisierte quasi-kompensatorische Liebe zur Farbe Blau. Kleinbeck arbeitet dabei subtil mit dem Farbkontrast zwischen blau und grau sowie der Verbindung der in blau wiedergegebenen Roman-Zitate und der blauen Elemente, durch die die Farbe selbst zum Motiv wird.

Diesem Spiel mit dem Blauen als Material und Motiv – in wörtlicher und metaphorischer Bedeutung – widmet sich auch Lenz Mosbacher: Nur auf drei von sieben Seiten ist blaue Farbe zu sehen, erzählt wird von ihr durchgehend. Das Blau der ersten Seite, dort nur verwendet für den Titel, Farbe, wird erst auf den letzten beiden Seiten wieder aufgegriffen. Das sprichwörtliche Blau-Sein, das dabei vorkommt, wird etwa auch von Michael Bischofer aufgegriffen.

Ein wiederkehrendes Motiv ist Blau als Farbe des Wassers – so etwa bei Sarah Braid, Sigmund Hutter, Benedikt P. Müller und Jolanda Obleser. Jesaja Aljoscha Trummer und Vinz Schwarzbauer greifen auf ganz unterschiedliche Art die Rede von der „blauen Donau“ auf. Während Trummer sich humorvoll dem Donauwalzer widmet, entwirft Schwarzbauer, dessen Debüt Mäander (2023, Edition Moderne) zuletzt breit rezipiert wurde, in detaillierten, textlos bleibenden Zeichnungen ein witzig-unheimliches Szenario.

Die, alle 37 Beiträge auszeichnende, pointierte Auseinandersetzung mit Farbe wird auch in den Arbeiten von Stefan Hahn, Matthias Molzer, Ahn SangYoung und Jakub Vrba nachvollziehbar. Molzer erzählt über Lapislazuli, der als Pigment eine zentrale Bedeutung in westlicher Kunst hat und tut dies entlang eines Wechselspiels von flächigem und punktuellem Farbeinsatz. Hahn entwickelt eine subtile Verbindung einzelner Motive durch die Farbe Blau und bei SangYoung korrespondieren Einsatz der Farbe und Bedeutungszuschreibung. Die schon dort verwendeten blauen Blumen sind zentrales Thema in Anja Korherrs Blue Bell. Korherr, eine zentrale Beiträgerin des Grazer Tonto-Kollektivs, entwirft ein zeichnerisch detailliert ausgearbeitetes apokalyptisches Szenario. Ist die blaue Blume der Romantik – ausgehend von Novalis’ Heinrich von Ofterdingen – ein Symbol für die unerfüllbare Sehnsucht, so ist sie in Korherrs Comic zur epidemischen Bedrohung mutiert, deren Blau dementsprechend mit den ansonsten grau-schwarzen Zeichnungen kontrastiert wird.

Das dabei erzählte Verbinden und Verschmelzen von Figuren und ihrer Umgebung denkt Jasmin Rehrmbacher weiter, die mit ihrem posthumanen Comic Kreuz I – mittlerweile ist auch Kreuz II (2023, Edition Dostal) erschienen – 2019 einen Preis für das Schönste Buch Österreichs gewann. In alles ist / seltsam hier entwirft sie ein Wechselspiel zwischen Gegenständlichem und Abstraktem und – wie in Kreuz I und II – ein Spiel mit dem menschlichen Körper. Auch Kristian Ujhelji arbeitet in The Ultra Real mit Abstraktion und Grenzüberschreitung, bei der die Einheit des menschlichen Körpers permanent infrage gestellt wird. Leitmotivisch sind das Labyrinth und die blaue Farbe zu verstehen, die sowohl motivisch verknüpft werden, als auch eindeutige Zuschreibungen hintergehen.

Wiederholt explizit oder implizit verhandelt wird in den Beiträgen des Bandes die Frage nach der Rolle des Blauen bzw. überhaupt der Einsatz von Farbe beim grafischen Erzählen – so etwa bei Stanislaus Medan und Simon Goritschnig. Bei Medan hebt das Blau des Hintergrunds die weißen, blau konturierten Figuren hervor, über deren Körperlichkeit und identitätspolitische Rolle der Comic reflektiert. Goritschnig erzählt – in Blau gezeichnet – autobiografisch über die Suche nach einem „blauen Motiv“ und das eigene Zeichnen. Marc Tuckenbrodt, Fidelia Schlegl und Marcus Wagner hingegen sparen Blau als Material gänzlich aus und arbeiten mit Farb-Assoziationen einzelner Motive.

Bjargey Ólafsdóttir, Jovana Ćubovi und Leo Hasslinger spielen mit Absenz und Präsenz von Farbe und Lina Bamberg, Luzie Bommert, Hannah Skultéty, Leonie Roithner und Nikolija Stanojević erzählen in Blau. Besonders intensiv eingesetzt ist Farbe in Monika Ernsts Oben. Schon in dem gemeinsam mit Raoul Eisele gestalteten Immer wenn es ein wenig den Himmel entlang grollt, Maman (2023, Schiler & Mücke) arbeitete sie nur mit „Pariser Blau“. In Oben erzählt sie von der Fiktion einer himmlischen Idylle, die am Ende mit der Realität konfrontiert wird.

Und schließlich ist es doch die österreichische Politik, die (auch) thematisiert werden muss, wenn es um Blau geht. In Felix Schwentners vier polit-satirischen Comicstrips, Little Nemo in Unnormal Land, bewegt sich die Titelfigur vom „Volkskanzler“, über Auswüchse der Impfphobie und die rechtsradikale Rede von der „Festung Österreich“ hin zum Bundespräsidenten. Das surreal-groteske Erleben entfaltet sich auch durch den Bezug auf Winsor McCays Comic-Klassiker Little Nemo in Slumberland (1905–1911).

Strukturiert wird der Band durch Miniatur-Abbildungen der Knetfiguren von Sophie Nicklas, die jeweils ein Leitmotiv aus den Beiträgen aufgreifen und damit den kreativen und vielfältigen Ansatz des Heftes weiterdenken. Im polyphonen Spiel ist SPROSS 2 ein eindrückliches Zeugnis einer jungen künstlerischen, comicaffinen und grafisch narrativen Szene, die in Österreich ansonsten immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

 

Marina Rauchenbacher ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin sowie Kulturvermittlerin. Sie arbeitet am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der Universität für Musik und darstellende Kunst (mdw) im Projekt Visualitäten von Geschlecht in deutschsprachigen Comics sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Editionsprojekt zu Arthur Schnitzlers Frühwerk. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Comics (OeGeC) sowie Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kulturanalyse (aka). Für das Sigmund Freud Museum Wien kuratierte sie unter Mitarbeit von Daniela Finzi die Ausstellung Gewalt erzählen. Eine Comic-Ausstellung (20. Oktober 2023 bis 8. April 2024).

 

SPROSS Magazin #2: Blau Sein
Redaktion & Layout: Janne Marie Dauer
Cover & Knetfiguren: Sophie Nicklas.
Hg. v. Nicolas Dostal.
Wien: Edition Dostal 2024.

Spross # 2 Blau sein, © Janne Marie Dauer

SPROSS # 2. Blau sein

Das blaue Band (Wiegenlied), Bilder: Janne Marie Dauer / Text, Musik: Peter Dauer, Seiten 208-209
Spross # 2 Blau sein, © Carli Fridolin Biller

SPROSS # 2. Blau sein

Carli Fridolin Biller I WAS BORN INTO SADNESS, Seiten 34-35
Spross # 2 Blau sein, © Julia Kleinbeck

SPROSS # 2. Blau sein

Julia Kleinbeck 2. And so I fell in love with a colour ..., Seiten 42-43
Spross # 2 Blau sein, © Lenz Mosbacher

SPROSS # 2. Blau sein

Lenz Mosbacher Farbe, Seiten 27-28
Spross # 2 Blau sein, © Felix Schwentner

SPROSS # 2. Blau sein

Felix Schwentner Little Nemo in Unnormal Land, Seiten 681-69
Spross # 2 Blau sein, © Vinz Schwarzbauer

SPROSS # 2. Blau sein

Vinz Schwarzbauer Blaue Donau ... , Seiten 100-101
Spross # 2 Blau sein, © Anja Korherr

SPROSS # 2. Blau sein

Anja Korherr Bluebell, Seiten 140-141
Spross # 2 Blau sein, © Jasmin Rehrmbacher

SPROSS # 2. Blau sein

Jasmin Rehrmbacher alles ist / seltsam hier ... , Seiten 78-79
Spross # 2 Blau sein, © Kristian Ujhelji

SPROSS # 2. Blau sein

Kristian Ujhelji THE ULTRA REAL, Seiten 122-123
Spross # 2 Blau sein, © Stanislaus Medan

SPROSS # 2. Blau sein

Stanislaus Medan Die Geschichte beginnt in dem Moment, in dem man ..., Seiten 49-50
Spross # 2 Blau sein, © Simon Goritschnig

SPROSS # 2. Blau sein

Simon Goritschnig Blau ..., Seiten 194-195
Spross # 2 Blau sein, © Monika Ernst

SPROSS # 2. Blau sein

Ernst Monika Oben, Seiten 150-151
Spross # 2 Blau sein, © Stefan Hahn

SPROSS # 2. Blau sein

Stefan Hahn Der gestörte (Schlaf), Seiten 56-57
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Rezension vom 06.04.2024

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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