#Roman

Sonnenfinsternis

Arthur Koestler

// Rezension von Sabine E. Dengscherz

Moskau 1936. Die große Tschistka ist bereits im Gange. Der Genosse N. S. Rubaschow kämpft noch mit Alpträumen von seiner Verhaftung durch die Gestapo, als sein Schicksal sich mit ihm eine grausame Wiederholung erlaubt. Er landet in einer Einzelzelle; mit einer Pritsche, einem Waschbecken, einem Kübel und viel Zeit, über sein Leben nachzudenken. Zermürbende Einsamkeit, unterbrochen nur durch nicht weniger zermürbende Verhöre, spärliche Mahlzeiten und Verständigung mit den Zellennachbarn durch Klopfzeichen. Und er weiß, er ist unschuldig – zumindest an den Verbrechen, derer man ihn bezichtigt.

Ende der 30er Jahre waren die absurden Geständnisse in den Moskauer Prozessen für die westliche Welt noch ein Rätsel. Mit welchen Mitteln brachte man angesehene Kommunisten dazu, solch haarsträubende Taten zu gestehen?

Heute verfügen wir über Augenzeugenberichte, historische Dokumente und Studien, über Solschenizyns „Archipel GULAG“. Koestlers „Sonnenfinsternis“ war einer der ersten Texte, die der Psychologie der Verhöre auf den Grund zu gehen suchten. Der 1905 in Budapest geborene Arthur Koestler war selbst ab 1931 Mitglied der KP, Spanienkämpfer, trat aber 1938 aufgrund der Säuberungsprozesse Stalins aus der Partei aus. „Geächtet von der Partei der Geächteten“ schrieb er in den folgenden zwei Jahren in Frankreich an seinem Roman.

Die „Rubaschow-Theorie“ der Geständnisse löste eine internationale öffentliche Kontroverse aus. Arthur Koestler hatte äußerst eindrucksvoll die bolschewistische Dialektik zu Papier gebracht, die ohne mit der Wimper zu zucken, nicht nur ein X für ein U erklärt sondern gleich für das ganze Alphabet – und dies mit durchaus logisch nachvollziehbaren Argumenten. Schlafentzug, grelle Beleuchtung und der in polizeilichen Verhören heute noch beliebte Wechsel von „netten“ und „bösen“ Untersuchungsrichtern taten das Ihre. Physische Folter war im sowjetischen Strafgesetz verboten, und zu Beginn hat man sich noch daran gehalten. Später hat man diese Bestimmung meist mit der Begründung übergangen, Volksfeinde seien keine Menschen und folglich auch nicht als solche zu behandeln. In „Sonnenfinsternis“ benehmen sich die Untersuchungsrichter allerdings noch fast gentlemanlike. Und erreichen letztendlich doch, was sie wollen. Rubaschow gesteht. Und erweist damit als treuer Kommunist der Partei seinen letzten Dienst, nicht zuletzt in der Hoffnung auf bessere Zeiten für den Sozialismus.

Doch vor allem bekennt sich Rubaschow letztendlich schuldig vor sich selbst – schuldig im Auftrag der Partei und der „Geschichte“ (oder um den eigenen Kopf zu retten), Genossen und Freunde geopfert zu haben. In den Verhören und in Rubaschows Tagebuch stoßen die Argumente sozialistischer Ethik auf jene menschlicher Moral und scheinen sich gegenseitig zu bestätigen bis zum Todesurteil. Rubaschow hat einen Weg gefunden, der Partei Recht zu geben. Opfer und Täter sind gemeinsam gefangen in „dem starren logischen Rahmenwerk, das Angeklagten und Kläger gleichermaßen umschloss“. Gesiegt hat die unwiderstehliche bolschewistische Dialektik.

Arthur Koestler Sonnenfinsternis
Roman.
Neuausgabe.
Hamburg, Wien: Europa Verlag, 2000.
256 S.; geb.
ISBN 3-203-79150-1.

Rezension vom 27.03.2001

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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