#Roman

Sofort verhaften!

Stephan Eibel

// Rezension von Julia Zarbach

Hysterische Einstimmung vor dem Lesen: Eine clowneske Figur streckt uns vom Gipfel des zerfurchten Erzberges die Arme entgegen – bereit, in Handschellen abgeführt zu werden. In Sofort verhaften!, dem neuen Buch des Eisenerzer Bürgerschrecks Stephan Eibel Erzberg, finden sich komische Eigenarten österreichischer Politik, absurde Vertiefungen in metafiktionales Schreiben und allerhand humoristischer Tand.

Zwischen Rom und der Steiermark bewegt sich die Geschichte der Hauptfigur Magnus Amen, der uns, wie sein Name bereits vermuten lässt, die exorbitante heimische Wahrheit mit Fausthieben präsentiert. Magnus, um die fünfzig, der nicht nur den Beruf mit seinem Erschaffer gemein hat, arbeitet in der italienischen Hauptstadt an seinem Märchen „Sofort verhaften!“ und wird auch gleich unschuldig gefangen genommen: Die römischen Carabinieri bezichtigen ihn der Anzettelung einer Massenschlägerei auf der Piazza Navona, auf der eben noch ein albernes Aufnahmeprozedere für den polizeilichen Nachwuchs stattgefunden hat. Magnus‘ Leben scheint stets von prekären Situationen begleitet, die häufig in der Groteske enden, denn „Magnus Amen macht, was er immer macht, wenn er in einer brenzligen Situation ist: Er verschlechtert seine Lage, indem er seine Augen schließt und sich vorstellt, dass (…)“.

In seiner phantastischen Gedankenwelt erweist sich der fettleibige Magnus als gar nicht träge; er ist ein Hans Wurst, der von einem Akt zum nächsten stolpert. Lustvoll fabuliert er über die Geheimbündler der Rosenträger, die sich das dornige Gewächs gerne in den Hintern stecken, oder über einen gewissen Nebochant, jüngst verstorbener „51-Prozent-Eigentümer und Herausgeber der Zeitung DIE ZEITUNG“, dessen Grab, samt ehrenwerten Trauergästen, vom Pöbel zugeschissen wird.
Diese comichaften Einschübe entspringen dem kreativen Hirn Magnus‘, der sich der Unvereinbarkeit seiner Flausen mit der realen Welt schmerzlich bewusst ist: „Mit solchen Einfällen leb‘ ich seit fast fünfzig Jahren“, denkt Amen. „Auf alle Fälle vierzig. Vierzig Jahre Einfälle. Tagtäglich. 40 Jahre Zurückhaltung.“

Seine Erfindungsgabe erweist sich auch als Flucht vor einer kalten Welt, in der man niemals so werden will „WIE DIE MEHRHEIT DER ERWACHSENEN“. Allein seine Kindheitsliebe Gabi, mittlerweile verheiratet und ebenfalls wie ein Germteig aufgegangen (man muss sich eben eine dicke Schutzschicht zulegen), scheint seine Gedankensphären teilen zu können – immerhin holt sie sogar die von Magnus erschaffenen Romanwelten in das hier und jetzt: „Glücklicherweise hat Amen den Roman, den Gabi nachspielt, selbst geschrieben und weiß, wo es langgeht.“ Als sich die beiden in Rom treffen und sich ihre Liebe gestehen, stört, außer den gelegentlichen Unterbrechungen durch Autogrammjäger, die den Magnus mit dem Depardieu verwechseln, nichts mehr das gemeinsame Glück.

Schließlich ruft ein Todesfall den Steirer in seine alte Heimat, und er folgt dem Ruf ins schöne Eisenerz. Amen, der nach Wien ausgewanderte Landflüchtige, der, wenn er am braunen Erzberg geblieben, wohl an seinen „Komplexen und Ansichten erstickt wär“, befindet sich nun wieder an seinem verhassten Geburtsort, der von kleinkarierten Politikern bevölkert ist. Der Eisenerz-Polemik (die immer auch eine Österreich-Polemik ist) ist nun kein Einhalt mehr geboten: Rückblenden auf die Jagdherrenkoalition zwischen der Brombeerpartei und der Bemmerlpartei; Scheinheiligkeit und Korruption; die Fremdenfeindlichkeit des Ortes, die sich zwischen Ignoranz und Dummheit bewegt.
Doch letztendlich gibt es auch für Magnus kein Entkommen: Der ausgepumpte Schriftsteller kann sich den Fängen der obersteiermärkischen Bestechlichkeit nicht entziehen: Sein Märchen „Sofort verhaften“ wird zum Weltkulturerbe erklärt, er lässt sich auf anstößige Spekulationsgeschäfte ein und ist nur noch an seinem persönlichen Gewinn interessiert. Seine Landsleute lassen ihn, ungeachtet aller Inhalte, hochleben: So etwas wie Moral existiert in der heutigen Welt längst nicht mehr.

In Sofort verhaften! führt der in Wien lebende Lyriker, Theaterschreiber und Romanautor Eibel Erzberg nicht nur sein Alter Ego vor, der Autor demonstriert auch pausenlos seine unerschöpfliche Vorstellungskraft. Auch wenn es den wahnwitzigen Geistesblüten an manchen Stellen an einer ebenso originellen Sprache fehlt, erzeugt diese doch einen ungeschlachten Unterton, der den grellen Aufruf zum Anarchismus provoziert. Der Erzberg ist eben nicht mehr heilig.

Stephan Eibel Erzberg Sofort verhaften
Romanzo anarchico.
Wien: Edition Milo im Lehner Verlag, 2008.
176 S.; geb.
ISBN 978-3901749735.

Rezension vom 10.12.2008

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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