Der Roman changiert zwischen Politkrimi, Dystopie und satirischer Milieustudie. Im Kern steckt ein klassischer Thrillerplot: Eine Journalistin möchte etwas aufklären, begegnet dabei Hilfestellungen und Hindernissen, und nach und nach lässt sich ein immer größeres Ausmaß an skrupellosen Machenschaften erahnen.
Morag Oliphant, so der Name der Journalistin, ist allerdings traumatisiert und traut ihrem Gedächtnis nicht mehr so ganz, nachdem sie bei einem Überfall auf ihre Familie schwer verletzt worden ist. Der Anschlag dürfte ihrem Mann gegolten haben, einem bekannten Investigativjournalisten, er und die gemeinsame Tochter wurden dabei ermordet. Morag Oliphant hat nur knapp überlebt und versucht nun einen Neuanfang in der Smart City NEUDA, einer Planstadt ohne Kriminalität, ohne Müll und mit maximaler Sicherheit. Einen Job gibt es auch noch dazu, bei der örtlichen Zeitung, der Timeline. Da kann sie darüber berichten, wie Roboter die Straßen sauber halten und Elektrocaddys kostenlose Taxidienste leisten. Alle Wege sind kurz in NEUDA, und die Rettung sofort zur Stelle, wenn man sie braucht. Maximale Sicherheit durch Überblick und Kontrolle, die wohlbehüteten Bürger:innen tragen ihre Smartwatch rund um die Uhr.
NEUDA gilt als Pilotprojekt, das eine Lösung bieten könnte für das ganze Land: für das leidige Ausländerproblem und alles andere gleich dazu. Unter der pseudosauberen Oberfläche blühen allerdings Schwarzmarkt, Arbeitsstrich, Prostitution und Handel mit Müll. Die Smart City liegt unweit der Donau, verfügt über ein eigenes Kraftwerk und ist gänzlich klimaneutral. Zumindest dann, wenn man den Rußbach nicht mitrechnet, wo jene wohnen, die schwarz zum Arbeiten nach NEUDA kommen. Je nach Herkunft sind die Menschen eingeteilt in Staatsbürger A und Staatsbürger B; Ausländer haben in der Smart City gar nichts verloren, allenfalls als Touristen dürfen sie herein. Oder für gewisse Dienste. Angenehmer Nebeneffekt: Den Müll nehmen sie dann gleich mit. Was in der reichen Smart City weggeworfen wird, ist woanders noch etwas wert. Dort, wo die Leute nicht alles haben. In NEUDA wird darüber nicht geredet, wozu auch, wenn sowieso alle wissen, wie es läuft. Die Gesellschaft der Smart City tickt eben in vielem so ähnlich wie andere Orte auch: Es gibt Liebschaften und Eifersüchteleien, Karriereträume, Alkoholismus, Wurstigkeit … und dann gibt es noch eine echte oder vermeintliche Machtübernahme durch eine Frauenpartei – und sehr viele Anspielungen auf Zeitgeistiges und österreichische Innenpolitik.
Aber eines Tages erscheint doch ein Artikel über das, was unter der ach so sauberen Oberfläche geschieht. Ausgerechnet in der Timeline, der Lokalzeitung, die der örtliche Sicherheitschef als „geschützte Werkstätte für Sozialfälle“ (S. 268) betrachtet – und betreibt. Genau genommen wird so ziemlich alles von einer privaten Sicherheitsfirma betrieben, der wiederum ein gewisser Tilo Heuer vorsteht, ein Mann mit guten Beziehungen in den höchsten Kreisen. Die Sicherheitsfirma steht der Zentrumspartei nahe, und im Wahlkampf hält der Bundeskanzler höchstpersönlich in NEUDA eine Rede. Gegebenenfalls richtet man es sich schon, wie man es brauchen kann. Die einen mehr, die anderen weniger. Am Ende wird ohnehin nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, das gilt auch für die angebliche „Revolution der Frauen“, und so manche Spur verläuft im Nichts. Wer am Ende immer noch nicht spuren will, könnte auf der Strecke bleiben. Zu dumm, man hätte ja nur bisschen mitspielen müssen, dann hätte man es gutgehabt. Zumindest mit der richtigen Staatsbürgerschaft.
Der Roman ist in einer Montagetechnik erzählt, bei der Interviewprotokolle rund um das Erscheinen des ominösen Timeline-Artikels einerseits und das spätere Verschwinden der Journalistin Morag Oliphant andererseits sich mit der ansonsten großteils chronologisch erzählten Handlung abwechseln. Das, was geschieht, und das, woran die Leute sich erinnern (wollen), passt nicht immer ganz zusammen, und die Gegenüberstellung unterschiedlicher Perspektiven schafft immer wieder witzige oder spannende Kontraste: Jeder und jede sieht die Welt ein wenig anders – und das, was wirklich geschieht, liegt irgendwo auf diesem Spektrum.
Smart City bezieht seine Spannung nicht nur aus der Handlung selbst, sondern auch aus dieser ausgeklügelten Montage verschiedener Zeit- und Wahrnehmungsschichten und den so entstehenden Widersprüchen, den immer wieder etwas gedrehten Perspektiven und der gesamten Alltagskulisse rundherum. Stellenweise liest es sich witzig wie eine Satire und anspielungsreich wie ein Schlüsselroman, und immer wieder meint man Züge bekannter real existierender Personen zu erkennen. Solcherart Lokalkolorit ist allerdings nicht zentral. Viel wesentlicher sind die Mechanismen, die alles am Laufen halten, und die sind nicht lokal begrenzt. Vielmehr ist NEUDA die sprichwörtliche kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Und das Fazit daraus ist: Überwachung schreckt die Leute nicht ab. Die Einwohnerzahl von NEUDA wächst, die Leute ziehen ganz freiwillig hin – weil ihnen materieller Wohlstand wichtiger ist als Freiheit und Gerechtigkeit.
Und wie halten sie es mit der Demokratie?
Der Schein genügt.
Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schreibwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Universitätslektorin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied der GAV. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at
