#Roman

Selige Unruhe

Andreas Pavlic

// Rezension von Daniela Fürst

Wenn eine Jahrhunderte alte historische Frauenbewegung zum Role Model für zivilen Widerstand wird. Andreas Pavlic schließt in Selige Unruhe sechs Frauen zu einer ungewöhnlichen Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Willkommen zurück in Funkberg

Die Rückkehr der Historikerin Carla nach Funkberg, in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, ist für sie keine angenehme. Vor 25 Jahren hatte sie das Dorf verlassen, um der Enge endlich zu entfliehen. Freundinnen und die gemeinsamen Träume ließ sie dabei einfach zurück, nicht jedoch die Erinnerung daran und das schmerzliche Wissen um die Verletzung, die sie damit den Freundinnen zugefügt hat. Nur einmal hielt sie sich in den vergangenen Jahren kurze Zeit in Funkberg auf, um ihre Nachforschungen zum dortigen Ursulinenkloster voranzutreiben. Sie entdeckte damals die Geschichte der Ketzerin Agnes Remmkin und von ihr ausgehend eine Spur zu einem Beginenkonvent, den es dort gegeben haben könnte. Eine historische Sensation für die Wissenschafterin.

Das nunmehr leerstehende Kloster ist auch der Grund, weswegen ihre Freundinnen von früher sie bitten, ihre Expertise vor Ort in den Dienst einer wichtigen Sache zu stellen. Denn das Kloster – das legt ein anonymer Brief an die Frauen nahe – soll durch den Bürgermeister an eine Investorengruppe verkauft werden, damit an der Stelle ein hochlukratives Kongresscenter gebaut werden kann. Die sechs Frauen, die sich daraufhin zusammenfinden, sind sich darin einig, dass es nicht so weit kommen darf. Die Landschaft darf nicht verschandelt und das Kloster als wichtiges Kulturgut nicht dem Profit geopfert werden. Vielmehr soll es eine neue, dem Gemeinwohl der Funkenberger Bevölkerung dienende Funktion erhalten. Das gemeinsame Ziel scheint die recht unterschiedlichen Frauen tatsächlich zu einen. Doch reicht der Wunsch nach Integrität und einem Nutzen für die Gemeinschaft aus, um sich erfolgreich gegen Korruption und kapitalistische Ausbeutung zu wehren? Und welche Rolle spielen dabei die Geschichte von Agnes Remmkin und der geheimnisvolle Beginenkonvent, dessen Existenz nicht bewiesen ist?

Andreas Pavlics aktueller Roman überrascht im ersten Moment mit seinem Plot, da die Geschichte der Beginen eng mit Katholizismus und Gottesglaube verbunden ist und religiöse Verklärung, Mystik sowie katholische Lebensweise im ersten Moment so gar nicht zu einem Autor passen, dessen Bücher sich bisher vorwiegend mit sozialpolitischen Themen befassten. Auf den zweiten Blick, und natürlich während der Lektüre, wird jedoch schnell deutlich, wie viel Heutiges in der Geschichte der Beginen steckt. Die ersten Beginenhöfe entstanden im 12. Jahrhundert; damit zählen die Beginen zu den ersten großen Frauenbewegungen der Geschichte. Sie führten ein eheloses, frommes Leben in Hausgemeinschaften oder auf Wanderschaft und stellten sich und ihre Fähigkeiten ganz in den Dienst der Gemeinschaft. Und nicht zuletzt war eine Begine zu werden für viele Frauen der einzige Weg, größtmögliche Selbstbestimmtheit zu leben, den eigenen Überzeugungen geistig wie praktisch folgen zu können und sich von Reproduktion und sexueller Verfügbarkeit loszusagen. Im Buch sind sie als soziale Bewegung eine interessante faktische Grundlage, von der aus Pavlic in Funkberg von heute Themen wie ziviler Widerstand, Gemeinwohl, Solidarität und Freundinnenschaft verhandeln kann.

Geschichte in der Geschichte

Der Roman besteht aus zwei ineinander verschachtelten Erzählungen, zeitlich um etwa acht Jahrhunderte getrennt und recht unterschiedlich im Ton. Die gegenwärtige, im Präsens geschriebene Handlung rund um den Widerstand der Frauen gegen den Klosterverkauf wird chronologisch erzählt und zudem mit Hilfe von Überschriften in einzelne filmisch wirkende Szenen unterteilt. Dabei fungieren diese Überschriften wie Kurzzusammenfassungen der nachfolgenden Abschnitte, was den Eindruck eines Drehbuches noch verstärkt.

Unterbrochen wird die Kapitelabfolge durch die atmosphärisch völlig anders klingende historische Geschichte vom Leben der Textilhändlertochter und späteren Begine Agnes Remmkin, die in der Vergangenheitsform abgefasst ist. Dieser Teil, wenn auch letztendlich fiktiv, bezieht reale historische Figuren und Begebenheiten mit ein und wirkt wie eine Kulisse, vor deren Hintergrund die aktuellen Geschehnisse eine zusätzliche Bedeutung erhalten. Sie fungiert auch als ein Vergleichsbild, das trotz der Unterschiede erschreckende Übereinstimmungen mit der gegenwärtigen Situation aufweist. Noch heute werden Frauen diskriminiert, verunglimpft, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und nicht selten mit dem Tode bedroht. Aus dem einzigen Grund, weil sie nicht den ihnen von der patriarchalen Gesellschaft zugedachten Platz einnehmen wollen. So wie die Begine Agnes werden auch die fünf Frauen im gegenwärtigen Funkberg klar als Störenfriedinnen oder auch als vermeintlich romantische Utopistinnen empfunden, die sich der Vernunft des männlich konnotierten Fortschritts und des finanziellen Gewinns entgegenstellen.

Das „alte“ Dilemma und die „neuen“ Beginen

Durch die Konzentration auf die gruppendynamischen und zwischenmenschlichen Beziehungen bleiben die einzelnen Protagonistinnen psychologisch eher eindimensional. Manchmal wirkt es sogar, als würde der Autor mit ihnen, fast wie auf einem Schachbrett, die erzähltechnisch relevanten Züge ausführen. Damit verweist Andreas Pavlic aber recht anschaulich auf jenes Dilemma, welches oft in linken, antiautoritären oder antikapitalistischen Bewegungen auftritt. Nämlich wie und mit welchen Methoden gegen korruptes, kapitalistisches und unethisches Handeln vorgehen, ohne dabei selbst in genau dieses Fahrwasser zu gelangen, dennoch aber etwas wirksam entgegensetzen zu können. So muss sich auch die Frauengruppe nach den ersten Misserfolgen entscheiden, was sie als nächstes, „wirksameres“ Mittel gegen den Bürgermeister und seine Mitstreiter:innen einsetzen will, um den Verkauf des Klosters zu verhindern. Oder anders gesagt: Ob der Zweck die Mittel im wörtlichen Sinne „heiligt“.

Der eine oder die andere Leser:in (so wie ich) fühlt sich vielleicht auch schmerzlich an die aktuelle Situation des feministischen Diskurses erinnert. Dabei fungieren die einzelnen Frauenfiguren wie Repräsentantinnen unterschiedlicher Strömungen und Generationen. Ihre Probleme innerhalb der Gruppe verdeutlichen die Schwierigkeiten, die sich aus den persönlichen Zugängen, Perspektiven, aber auch Grenzen und Ängsten ergeben. Probleme, die oft in lähmender Ohnmacht oder in offener Konkurrenz und Konflikten enden. Was dem Patriarchat, wie im Roman auch dem Bürgermeister und seiner Investorengruppe, sehr gelegen kommt. Denn was ist nun mit den Frauen? „Alles unter Kontrolle. Die zerfleischen sich gerade gegenseitig.“ (S. 181)

Die Ursulinen-Schwester Angelika ist dabei jenes Gruppenmitglied, das man wohl als den Kopf bezeichnen könnte. Die Person, die erst für die „selige Unruhe“ sorgt und dann den anderen Frauen die ideologische Basis vermittelt, den Wert von Verbindungen und echten Beziehungen zueinander aufzeigt. Sie verhilft damit nicht nur Carla dazu, den wichtigen Schritt aus der eigenen, oft schmerzhaften Erfahrung herauszumachen und die eigene Perspektive um jene der anderen und der Gemeinschaft zu erweitern. Sie spricht auch von der „Zeit der starken Männer“ (S. 154) und wie wichtig es ihr ist, “Häresie zu betreiben”. Ketzerisches Handeln als Antwort auf die vorherrschenden Verhältnisse, geprägt von Eigeninteressen, Profitgier und Herrschsucht. In ihr wird das Erbe der Beginen auch am deutlichsten. Doch wenn man deren Grundsätze aus der religiösen Verankerung herauslöst, finden sich diese auch in Carla, Gerda, Margit, Amela und Bezé wieder. „Moderne“ Beginen also, die das Vermächtnis einer der ersten Frauenbewegungen der Geschichte auf ihre Art in der Jetztzeit weiterführen.

Selige Unruhe ist somit nicht zuletzt ein politischer Roman, der sich in einer biederen Dorfidylle mit katholischer Lokalgeschichte entfaltet, aber am Ende auf die großen Probleme des gesellschaftlichen Zusammenlebens und auf unsere Suche nach Zusammenhalt, Solidarität und Freund:innenschaft verweist.

 

Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.

Andreas Pavlic Selige Unruhe
Roman.
Wien: Edition Atelier, 2026.
248 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-99065-147-6.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Homepage von Andreas Pavlic

Rezension vom 11.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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