#Lyrik

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Matthias Schönweger

// Rezension von Sigurd Paul Scheichl / Monika Kollmann

Matthias Schönweger ist im Buch wie in seinen Performances eine in ihrer Art einmalige Verbindung von Sprachexperiment und Satire gelungen. Sein intelligentes Spiel mit sprachlichem Gleichklang und sprachlicher Doppeldeutigkeit, mit Bild- und Wortzitat findet – im Deutschen (auch in der Südtiroler Mundart) wie im Italienischen – immer neue Anlässe, Anstöße, und die unendlichen Variationen seines Spielens werden nie endlos, so sehr sie einander zu gleichen scheinen.

Auch der neue Band – nicht nur ein brillantes, sondern auch ein schönes Buch – ist bei aller Konstanz der Verfahrensweise doch wiederum ein neuer Band, und nicht nur, weil Schönweger es fertig bringt, durch den Zusatz „Alle Rechte und Pflichten beim Autor“ noch die CIP-Einheitsaufnahme zu literarisieren und selbst ihre Regel zu unterlaufen. (Dafür ist dieses Buch – als sein erstes? – paginiert.) Und die Behauptung von der Konstanz der Verfahrensweisen ist gleich zu relativieren: Beispielsweise war Schönweger noch nie so fasziniert vom deutschen Kompositum wie diesmal, vor allem von der Möglichkeit, Grund- und Bestimmungswort zu vertauschen: „Menschen RASSE Menschen“ (S. 25, freilich grafisch ungenau zitiert).

Über die im Titel vorweggenommene Anordnung des Buches als Bibel-Kontrafaktur in Kapitel und Verse läßt sich streiten; schon das katholischen Kitsch zitierende Umschlagbild zeigt, daß der Autor die ihn umgebende Art von Religiosität zu einem Objekt seiner Satire macht, zu einem unter anderen. Neuartig ist die grafische Anordnung der Texte; sehr oft druckt Schönweger hier anders als in früheren Büchern mehrere Kurztexte auf einer Seite, was unterstreicht, daß es sich auch für ihn selbst mehr um sprachliche als um grafische Gebilde handelt; manche dieser Gebilde wirken so auch auf den Leser stärker aphoristisch als bisherige Texte des Autors.

Der grafische Aspekt des Buches, bis zur Wahl eines angenehm anzufühlenden grau getönten Papiers, ist dennoch für seine Wirkung sehr wichtig. Denn das größere Gewicht der Sprache in diesem Band hat Schönweger gleich durch ein Gegengewicht ausbalanciert: durch Bildzitate und Fotomontagen, die – wie der Umschlag, die ausgesparten Fahnen zwischen S. 96 und 97 und der „Bildteil“ gegen Ende – in diesem Buch besonderes Gewicht haben, dann doch wieder ebenso viel Gewicht wie die Sprache.

Und trotz der bzw. gegen die Einteilung in Kapitel bleibt das Buch so chaotisch wie seine Texte oder besser: so widersprüchlich, so anarchistisch wie diese. Man kann sich darauf verlassen, daß es „Der Bücher 2 von Matthias Schönweger“ nicht geben wird – aber hoffentlich erscheint bald wieder ein so provokantes wie amüsantes Buch des literarischen Anarchisten Schönweger, der so überhaupt nicht ins betuliche Meran paßt und doch nur dort schreiben kann. Lesen und anschauen sollte man ihn allerdings überall.

Lyrik.
Innsbruck: Haymon Verlag, 1998.
225 S.; geb.; m. Abb.
ISBN 3-85218-269-7.

Rezension vom 24.02.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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