#Prosa

schon wieder noch nie

Herbert J. Wimmer

// Rezension von Marcus Neuert

Alles, was ist, kann auch anders sein

In seinem als romanevolution untertitelten neuen Werk schon wieder noch nie reflektiert Herbert J. Wimmer die Gegenwart en gros und en détail, das Leben, das Schreiben und die Verschrobenheiten des menschlichen Geistes.
Schlagen Sie, liebe Lesegemeinde, das Buch einfach irgendwo auf und lassen Sie sich in den unwiderstehlichen Strudel sprachspielerischer Welterkundung hineinziehen, die der Autor in dreizehn Abteilungen für Sie vorbereitet hat. Setzen Sie immer wieder neu an. Gehen Sie oder gehen Sie nicht über LOS, aber ziehen Sie stets Essenzielles für Ihre persönliche Erkenntnisfähigkeit dabei ein.

Herbert J. Wimmer ist ein Sprachversessener. Das Spiel mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Verbalen treibt den 1951 im niederösterreichischen Melk geborenen und im benachbarten Pöchlarn aufgewachsenen Autor immer wieder aufs Neue um. Wimmer, der nach einer kaufmännischen Lehre zunächst als Büroangestellter arbeitete, bevor er 1971 nach Wien übersiedelte und zwei Jahre später den Sprung in die Existenz eines freien Schriftstellers wagte, war und ist auch im fortschreitenden Alter ein neugieriger Mensch. Sicher nicht zuletzt deshalb schob der Autor, der konsequent die Kleinschreibung verwendet, ein „studium der deutschen philologie, theaterwissenschaft, publizistik- und kommunikationswissenschaft und vergleichende[n] sozialgeschichte der literatur” (Selbstauskunft auf literaturport.de) inklusive Sponsion zum Mag. Phil. in den 1990er Jahren nach.

Diese beiden Aussagen über ihn – dass er sprachverliebt und neugierig sei – mögen wie Gemeinplätze über die Voraussetzungen für schriftstellerisches Schaffen wirken. Im Falle Wimmers lassen sie sich aber unmittelbar aus seiner Literatur herauslesen: schon wieder noch nie heißt seine „romanevolution”, und beide, Titel wie Gattungsbezeichnung, korrespondieren bereits perfekt mit den erwähnten Zuschreibungen.

Das Buch selbst, so viel sei vorweggenommen, löst die damit verbundenen Erwartungshaltungen vollumfänglich ein. Freude an allen Facetten der Sprache und eine Wissbegier gegenüber den Ambivalenzen des Lebens sollte man schon mitbringen, wenn man sich auf diesen literarischen Parforceritt der Gegenwartsbeobachtung und -kommentierung begeben mag. Es will einem bei der Lektüre scheinen, sich immer genau an jener Engstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft zu befinden, die “das ewige Jetzt” markiert. Dass gerade dies als Voraussetzung für die Reflexion von Ich und Leben, Arbeit und Wissensbildung erscheint, macht das Besondere des Buches aus.

Fast scheint es, als habe Wimmer, den vom Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn 1973 an eine Lebensfreundschaft mit der neunzehn Jahre älteren Autorin Elfriede Gerstl bis zu deren Tod im Jahre 2009 verband, sich selbst und die verstorbene Geistespartnerin ausgelagert in jene fünf Figuren, die in schon immer noch nie als handelnde und miteinander kommunizierende Subjekte auftreten. Weniger gespreizt kann man es kaum formulieren, denn blaunsteiner, fromovic, feuer und haslaur, die Wimmers Lesegemeinde bereits aus seinem 2020 bei Sonderzahl erschienenen Roman klärwerk kennt, ergänzt um vera blaunsteinerin, sind kein herkömmliches, mit bestimmten körperlichen und charakterlichen Zuschreibungen ausgestattetes Romanpersonal, sondern eher fluide Stimmen, die mal den einen, mal den anderen Standpunkt, die eine oder andere Sichtweise auf das Geschehen um sie herum und im Netz widerspiegeln; sie wirken mehr wie auktoriale Ausstülpungen auf der Suche nach sich selbst. Dazu passt, dass sie, wie Wimmer ausführt,

“zeitweise miteinander arbeiten – in der agentur für alles – fundbüro für identitäten – und […] auch zu verschiedenen zeiten und in wechselnden kombinationen in gemeinsamen haushalten miteinander leben bzw. gelebt haben. die entwicklung ihrer bewusstseine und identitäten in einem schreib- und schreib-beobachtungsprozess über mehrere jahre hinweg / hindurch – ausschnittsweise – darzustellen ist der kern des projekts.” (S. 20)

Diese „projektbeschreibung” (S. 19) steht dem eigentlichen Geschehen nicht etwa programmatisch voran, sie ist nach der bereits erfolgten Einführung der Figuren in den Ablauf dergestalt eingearbeitet, dass feuer haslaur diesen Text mit der Frage zumailt: „ist das was für uns?” (ebd.). Wir befinden uns als Publikum mitten in diesem neuronalen Netz aus Figuren, die trotz der Tatsache, dass sie Kaffee trinken und ihre Computermaus bewegen, seltsam unkörperlich bleiben, selbst wenn sie offenbar gerade Sex miteinander gehabt haben: „blaunsteinerin kommt aus dem bagno ins kleine zimmer. die voneinander angezogenen kleiden sich an.” (S. 26)

In dreizehn Quartale, also einen Zeitraum von dreieinviertel Jahren, hat Herbert J. Wimmer sein Opus aufgeteilt, und es wird bald klar, dass es sich bei schon immer noch nie um eine Art von Tagebuchaufzeichnungen verschiedenster Art handelt. Innerhalb eines Quartals sind die Einträge stets mit einem Sternchen vom jeweils Vorhergehenden bzw. Nachfolgenden abgesetzt, im Schnitt etwa einer bis zwei pro Tag, jedoch ohne genaues Datum. Eine Handlungschronologie darf man über diese grobe zeitliche Orientierung hinaus jedoch nicht erwarten: wie ein bunter Quilt wirkt dieses Textkonvolut, das einmal mit schnoddriger Alltagssprache erlebte oder imaginierte Situationen und Handlungen beschreibt, dann wieder seitenlang komplizierte geistes- und naturwissenschaftliche Überlegungen zitiert und reflektiert oder in welches von den Protagonisten erarbeitete absurde Dialoge eingearbeitet werden. Auch lyrische Strukturen unterschiedlichster Art vom Haiku über das Sonett bis zum „sudoku poem” (S. 236 ff.) sind erkennbar.

Es gibt Ausflüge in die englische bzw. amerikanische Sprache und in den heimischen Dialekt, und verhandelt wird nicht weniger als der gesamte Kosmos der Gegenwart und ihrer echten und vermeintlichen Krisen und Problemfelder: Ich und Identität, künstliche Intelligenz, Genderfragen, das Klima und natürlich immer wieder Reflexionen über die Literatur und das Schreiben sind die wiederkehrenden Bezugspunkte. Dabei kennzeichnen den Text extreme thematische, stilistische und formale Sprünge, sodass man ihn durchaus nicht in der dargeboten Reihenfolge rezipieren muss. Viele Passagen stehen zunächst auch einfach für sich, geben sich erst im Rückblick als organische Teile eines Ganzen zu erkennen.

“ich bin kein zuendedenker, skypt blaunsteiner, weder mich noch andere werde ich jemals zuendegedacht haben.
das macht ja deinen charme aus. feuer lächelt. ich will auch nicht zuendegedacht werden, von niemand.” (S. 359)

Natürlich darf dabei auch die Coronazeit nicht fehlen; sie ist gleichermaßen Sujet wie Kulisse der entsprechenden Eintragungen. So werden etwa diejenigen Notate, die in die Zeit von behördlich angeordneten Ausgangs- und Kontaktsperren fallen, als „lockdowner” überschrieben, auch wenn sie sich inhaltlich gerade mit etwas ganz anderem befassen. An andere Stelle ist dagegen etwa vermerkt: „allein in der agentur, knurrt blaunsteinerin, dieser virus ist ein introvertierungsbooster, all die alten befangenheiten sind wieder zurück in mir, zurück in uns. zwischen uns.” (S. 224).

Immer jedoch setzen sich Wimmers spezifischer Wortwitz und jede Menge galliger Humor durch: „kalauer überleben jeden text.” (S. 164). Mehr noch, sie sind es, die dem Lesepublikum den Antrieb vermitteln, auch durch die nicht immer leicht verständlichen philosophischen, geistes- und naturwissenschaftlichen Einschübe dem Textfluss weiter zu folgen. Und manchmal transzendiert so etwas auch ins Aphoristische hinein: „FARCEBOOK // ein buchstabe eingefügt, schon ist die tagesarbeit getan.” (S. 161). Der Flachwitz als Initialzündung für den Geistesblitz – das ist, lässt man sich auf die Kunst Herbert J. Wimmers ein, nicht so abwegig, wie es aufs erste Ansehen scheinen mag. Denn er ist nicht selten das charmante Vehikel für die Erkenntnisse, die uns der Autor im Gespräch mit seinem Verleger Dieter Bandhauer am Schluss noch einmal komprimiert zuteil werden lässt:

“alles, was ist, kann auch anders sein […] dass wir bei alldem mit wiedererkennbarkeiten von formen und strukturen, inhalten, erzählungen, theorien und theoremen, werken aller art, mit denen wir andauernd spielen können, während sie mit uns spielen, rechnen dürfen, gehört für mich zu den grossen wundern der biologie wie des geisteslebens.” (S. 414)

Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.

Herbert J. Wimmer schon wieder noch nie
romanevolution
Wien: Sonderzahl Verlag, 2025.
424 Seiten, Büttenbroschur.
ISBN: 978-3-85449-688-5.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 26.11.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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