#Lyrik

Schneefänger.

Georg Bydlinski

// Rezension von Helmuth Schönauer

Georg Bydlinski hat den gesamten Band seiner Frau gewidmet und die einzelnen Kapitel seinen vier Söhnen. Dies verleitet zur Spekulation, daß die Familienplanung des Autors einem lyrischen Konzept entspricht und umgekehrt. Der Band Schneefänger ist also in vier etwa gleich große Abschnitte zu je zwanzig bis fünfundzwanig Gedichten untergliedert, wobei sich gewisse „thematische Straßen“ ergeben, auf denen die Texte lustwandeln.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Freien, mit Wanderungen, Wintermonaten oder der Ostersonne. Der zweite Block hat die innere Zeit zum Thema: Das Reifen der Persönlichkeit, Veränderungen, Bekehrungsversuche oder der Traum eines Heranwachsenden sind hier markante Titel. Der dritte Teil, das „elementare Alphabet“ beherbergt Gedichte über Lautschrift, Poetik, Quellen oder den Dreiklang. Das Schlußkapitel schließlich ist dem Reisen gewidmet. „Fahrtwind“, „Kilometerbank“, „Bahnhof“, „Bushaltestelle“, „Unterwegs“, „Richtungen“ oder „Reisesegen“ heißen hier die wichtigsten Gedichte.

Die einzelnen Gedichte greifen jeweils eine durchaus konkrete Situation auf und bringen diese ziemlich abrupt auf den Punkt, die Texte sind entweder Aufrisse von Stimmungen, Notizen zu einer Begebenheit oder Fundamente zu einem Memorial an Szenen aus der Vergangenheit.

„Mein Großvater lebt / im Duft / frisch geschnittener Bretter“ (24) endet etwa das Gedicht „Von der Wanderung“, worin das lyrische Ich an einem Sägewerk vorbeikommt, das mit unvergeßlichen Geräuschen die Erinnerung an den Großvater evoziert.
Ähnlich berührend ist auch das „Memento“ (16), in diesem Gedicht löst ein Kieselstein vom Grab des Bruders Gedankenketten aus. Obwohl dieser Bruder nur einen Tag gelebt hat, wird er als der früher Geborene mit dem Titel „großer Bruder“ angesprochen, die Bilder zu seinem Leben bleiben jedoch Spekulation.
Das Schlüsselgedicht „Schneefänger“(21), das dem gesamten Band den Namen gegeben hat, ist schlitzohrig einem Buchkritiker gewidmet. Das anvisierte lyrische Du trägt eine Scheeflocke vom Freien ins Hausinnere, um deren Struktur zu untersuchen, aber die Enttäuschnung folgt auf dem Fuß: „Nur Wasser!“ – Ähnlich mag es der Lyrik ergehen, wenn sie vom Kritiker zur Untersuchung fortgetragen wird.

Die Texte Georg Bydlinskis sind das Ergebnis langer, geduldiger Beobachtungsarbeit, die Texte sind oft nur Nägel, an denen der Leser seine Bilder aufhängen soll. Der moralische Zeigefinger ist wohltuend eingeklappt, es sprechen die „unerhörten lyrischen Begebenheiten“.

Gedichte.
Wien: Edition Atelier, 2001.
93 S.; geb.
ISBN 3-85308-063-4.

Rezension vom 04.08.2001

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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