#Roman

Schleifen

Elias Hirschl

// Rezension von Alexandra Höfle

Geniestreich oder Gedankenkarussell?

In Schleifen treibt Elias Hirschl sein Spiel mit Sprache und Wissenschaft an die Grenze des Erträglichen. Der Roman ist ein aufwendig konstruiertes Experiment über die Macht der Worte, das sich zunehmend in seinen eigenen Gedankenkreisen verfängt.

Elias Hirschl hat sich mit seinen bisherigen Romanen als Autor profiliert, der aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreift. Während Salonfähig noch als Politsatire mit klarer narrativer Struktur lesbar war, zeigte sich Content bereits experimenteller. Mit Schleifen verabschiedet sich der Wiener Autor nun nicht nur von der Gegenwart, sondern auch von einer klassischen Handlung. Der neue Roman präsentiert sich als sprachlich verdichtetes, spielerisches Unterfangen.

Hirschls Vorliebe für Sprachexperimente mit absurden Effekten war schon zuvor unübersehbar. Bezeichnend waren etwa in Content die zahlreichen Listicles (kurze Listen-Beiträge). Dass Leser:innen diese Passagen vermutlich eher überfliegen, ist Teil der Satire: Wie im digitalen Raum oft nur flüchtig gelesen wird, skimmen wir auch hier repetitive Aufzählungen. Schleifen treibt diese Obsession mit Sprache und Form auf die Spitze. Der Titel ist Programm: Ein klares Ende oder eine stabile Wirklichkeit sucht man vergeblich.

Zwischen Konstruktion und Chaos

Ausgangspunkt ist die Frage, inwieweit Sprache Realität formt und unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit prägt. Der Autor führt uns leicht theatralisch vor Augen, dass Worte nicht harmlos sind: In Schleifen können sie Krankheiten hervorrufen und ganze Gruppen radikalisieren. Verhandelt wird dies am Beispiel der Protagonistin Franziska Denk, die im Umfeld des Wiener Kreises aufwächst und als Kind an einem merkwürdigen Phänomen leidet: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, spürt sie sofort körperlich. Später begegnet sie dem Mathematiker Otto Mandl, der ihr durch eine „jahrelange stille Freundschaft“ (S. 67) hilft, sich gegen ihre Krankheit zu schützen. Die beiden entwickeln eine zunehmende Besessenheit von Sprache und Begriffen und arbeiten an einer perfekten Universalsprache, die Wirklichkeit widerspruchsfrei beschreiben soll.

Die Figuren dienen dabei vor allem als Vehikel für ausgeklügelte Gedankenspiele. Primär ist Hirschl an sprachlichen und formalen Effekten interessiert. So entfaltet der Roman ein verzweigtes Geflecht aus angerissenen Themenfeldern: Medizin, Mathematik, Linguistik, Psychoanalyse und dystopische Motive stehen nebeneinander, ohne sich zu einem kohärenten Ganzen zu fügen. Handwerklich ist das dennoch souverän ausgeführt: Wortspiele, Anagramme, eine Fülle von Fremdwörtern werden ebenso virtuos vorgeführt wie echte und erfundene Zitate sowie ausufernde Fußnoten. Zweifelsohne demonstriert der Autor dabei auch eine ausgeprägte literarische Belesenheit. In seiner Konstruiertheit und seiner Freude an intertextuellen Verweisen schreibt sich Schleifen in eine postmoderne Tradition ein. Wiederholungen, Zirkelschlüsse und zahlreiche Erzählebenen erzeugen einen Text, der immer wieder auf sich selbst zurückverweist.

Postmoderne Grundhaltung

Ein kurioses Beispiel für Hirschls Spiel mit Metaebenen ist der Akademikerstreit rund um das Paar Denk und Mandl. Mit Franka Sendzik tritt eine fiktive Wissenschaftlerin auf, die als führende Expertin für Franziska Denks Persona und Werk gilt. Sie richtet ein hochkarätig besuchtes Symposium aus, das sich der brennenden Frage nach dem Liebesleben des Paares widmet. Der Titel – „Zur Frage von Eros und Libido als Voraussetzung der kontinuierlichen Kooperation in der kontemporären Literatur, Linguistik und Mathematik von Franziska Denk und Otto Mandl“ – parodiert genüsslich den akademischen Jargon. Aus aller Welt reisen Literaturwissenschaftler:innen an, um letztlich der Frage nachzugehen: „Haben die beiden jetzt gefickt oder nicht?“ (S. 148).

Zentral ist auch das Motiv der Plansprachen, in dem sich die Leitfrage bündelt: Kann Sprache die Welt tatsächlich ordnen? Im Roman sind solche Sprachutopien zum Scheitern verurteilt und kippen ins Groteske – etwa wenn sie in Richtung „Objektsprache“ abdriften oder in Form einer nonverbalen Sekte enden, die versucht, Sprache mithilfe von Medikamenten oder Terroranschlägen zu eliminieren. Hier zeigt sich die postmoderne Grundhaltung des Textes: Die Sehnsucht nach einer widerspruchslosen Klarheit schlägt unweigerlich in eine dystopische Ordnung um. Auch das bewährte Narrativ vom schmalen Grat zwischen Wissenschaft und Irrationalität wird reaktiviert: Mathematik und Sprachwissenschaft werden derart überhöht dargestellt, dass sie ins Mystische und Sektenhafte kippen. Dabei wird deutlich, wie leicht rationalistische Systeme in fanatische Ideologien umschlagen, sobald sie sich selbst als absolut und fehlerfrei begreifen.

Ein intellektuelles Rätsel ohne Lösung

Mit Schleifen vollbringt der Autor ein formales Kunststück, das sich über weite Strecken wie ein intellektuelles Rätsel liest, allerdings bis zum Schluss eher ermüdet als wirklich fasziniert. Die permanente Steigerung von Effekten erzeugt das Gefühl, einem sprachlichen Selbstversuch beizuwohnen, der kein Ende kennt. Jene, die Freude daran haben, sich in ausufernde Gedankenspiele über Plansprachen und Sprachutopien zu vertiefen, werden hier reichlich Anregung finden. Wer jedoch auf eine erzählerische Entwicklung hofft, bleibt im Dickicht aus Anspielungen und Konzepten mehr ratlos denn bereichert zurück. Am Ende bleibt vor allem die Demonstration einer These: Sprache schafft Wirklichkeit. Ob diese Einsicht eine über 400 Seiten währende Exerzierübung rechtfertigt, bleibt fraglich.

Alexandra Höfle, geboren in Bregenz, studierte Deutsche Philologie, Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien. Eine Ausbildung zur Kulturmanagerin absolvierte sie an der Universität für angewandte Kunst. Berufliche Stationen führten sie zur Edition Atelier, zur Buch Wien und zum Kultursommer Wien. Derzeit arbeitet sie an einer Buchreihe für das Medienhaus 1000things und ist außerdem als Redakteurin für das Magazin Buchkultur tätig.

Elias Hirschl Schleifen
Roman.
Wien: Zsolnay, 2026.
416 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-552-07588-7.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Homepage von Elias Hirschl

Rezension vom 25.02.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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