Bründl, 1996 in Steyr geboren, in Wien zur Komparatistin akademisch ausgebildet, die zudem Sprachkunst an der dortigen Universität für Angewandte Kunst studierte, erhielt 2025 den Förderpreis der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte und brachte 2023 in der Reihe „roughbooks“ des avancierten, sich in mehr als einem Vierteljahrhundert Existenz allen Experimenten aufgeschlossen zeigenden Schweizer Urs Engeler Verlags den Lyrikband MOTHER_S heraus.
Mit schilfern erweitert Bründl ihren Fokus auf alle Frauen. Der Band ist in 3 Sektionen unterteilt; Sommer, Herbst und Winter. Das Grundmotiv wird sogleich mit einem vorangesetzten Satz angestimmt, der einer Studie der Autonomen Frauenhäuser Österreich entnommen ist: „In Österreich ist beinahe jede dritte Frau ab dem Alter von 15 Jahren von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen, sowohl innerhalb als auch außerhalb von intimen Beziehungen.“ (S. 5)
Im Folgenden geht es in formal wie sprachlich enorm ambitionierter Art und Weise um Wahrnehmung von Leiblichkeit und Liebe, um Zuneigung wie Abnabelung, um die verbale Herabsetzung des weiblichen Körpers durch „nett“ gemeinte Komplimente der Männerwelt und um Erneuerung (man denke zurück an oben „die Hautzellen schilfern sich“). Es geht um das Finden und partielle Wiederfinden von Sprache:
du: ein gewässer, das mich umfängt, zu sich holt
und ich: ein sprechen, das seine zunge
verloren hat. (Nr. 4, S. 14)
Lyrisch wird das bis an die Grenze zur Hermetik hinausgezogen und gedehnt. Dann wieder finden sich Zeilen, die erst wie melodischer Gesang anmuten und an Ingeborg Bachmann gemahnen („die spuren gesichert, die wasser versehrt / und kind, dein dunkler blick“) (Nr. 5, S. 15), dann scharf kontrastiert werden mit individueller Gefährdung und globaler Gefahr: “es heißt, das ausgelaufene fett und der gelbe regen / sie könnten dich halten” (Nr. 5, S. 15).
Im Fortlauf werden Bezüge gesponnen und beschworen, etwa zu Lilith, „der dämon, der kinder / gebiert, und frisst / frisst, frisst“ (Nr. 7, S. 17).
Kommunikation wird ausdauernd zum Thema gemacht, das Ende emotional aufgeladener Kommunikation – „stopf mir die gurgel nun, liebe / damit ich verschweige, ich hab es satt, dich“ (Nr. 14, S. 25) – und einer Beziehung. Damit auch das Potenzial der Sprache, dem Ausdruck zu geben, was drängt und bedrängt: „ich schreibe dir nun wie spicer an lorca1, an einen toten, weil / ich nicht verstehen kann / du bist es nicht“ (Nr. 25, S. 40). Die Sprache soll verorten: „vielleicht so etwas wie vokabularium / die nebensächliche grausamkeit der vertrauten benennungen und / ein ort, der dir ins blut will“, heißt es einmal (Nr. 61 S. 83) Und dennoch: Hoffnungsvoll der Zukunft zugewandt endet der Text:
und das recht, dass ich lieben kann, radikal, vollumfänglich
in sicherheitschau, so schau nur
etwas sprießt“ (Nr. 61, S. 83)
Dass diese Lyrik streng durchkomponiert ist – die Textseiten in dem nicht paginierten Band sind von 1 bis 61 durchnummeriert –, hochbewusst und gleichermaßen belesen vor der Folie der Literatur der Moderne entstanden ist, darauf verweisen kursiv hervorgehobene Zitate, die entweder den Gedichten vorangesetzt sind oder in die jeweiligen Poeme einmontiert wurden und die im Finale, auf Seite 62, angeführt sind.
Da findet sich, unter den Ausklangs-Motti von Erich Fried und der US-amerikanischen Indie-Pop-Band The Magnetic Fields – deren Name wiederum dem Buch Les Champs magnétiques der französischen Surrealisten André Bréton und Philippe Soupault entlehnt ist –, eine Namensgalerie von Rang: Rosmarie Waldrop und Ingeborg Bachmann, Antonin Artaud, John Cage und Laurie Anderson, Anne Sexton, Yvan Goll und Barbara Köhler, Hans Arp, Italo Svevo sowie vier, die den Referenzrahmen stark erweitern, die Französin Gisèle Pelicot, die einen Aufsehen erregenden Vergewaltigungsprozess gegen ihren Ehemann gewann, den Deutschen Bernward Vesper, Sohn eines Nazi-Autors, zeitweiliger Lebensgefährte einer RAF-Terroristin und Autor des gewaltigen Romans Die Reise, den Filmschauspieler Humphrey Bogart und, noch am wenigsten überraschend, den Iren James Joyce. Von Letzterem führt Bründl auf Seite 55 einen für sie und für schilfern programmatischen Satz an: „Was klar und konzis ist, kann von Wirklichkeit nicht handeln.“
Den Text begleiten Grafiken von Valentin Aigner. Manchmal als dunkles Gewöll und angedeutete Höhlenformation daherkommend, manchmal an (verfremdete) Fotogramme László Moholy-Nagys und Floris Neusüss gemahnend, „schilfert“ es hier visuell.
Es ist sehr bemerkenswert, dass in kurzem Abstand mit Hannah K Bründls schilfern und Verena Stauffers Kiki Beach zwei literarisch anspruchsvolle Bände österreichischer Lyrikerinnen erschienen, die sich das Genre des Liebesgedichts auf aufregend zeitgenössische Weise vornehmen, es artistisch umkrempeln und von Grund auf modernisieren. Beide sind durchwirkt von Bildung. Und: In beiden Büchern rückt die typografische, reduzierte Seitengestaltung stark in den Blick, um in tänzerisch offener Gedichtform Kälte, Härte, Qual und Grausamkeit umso intensiver sprechen zu lassen, versehen mit einer Prise galligen Humors: „ab welchem punkt wird ansammlung zu zärtlichkeit?“ fragt Bründl in Nr. 60 (S. 82). Und fährt so fort:
hier bist du gewesen
deine worte ein nest
dein schritt klingendrahtzugerichtet zu werden
danach gibt es blumen.
1 After Lorca nannte der 1925 geborene US-amerikanische Lyriker Jack Spicer seine 1957 erschienene poetische Hommage an den 1936 von den Faschisten ermordeten spanischen Dichter Federico Garcia Lorca, in der der in San Francisco lebende Spicer in Dialog mit Lorca trat.
Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) sowie Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023). Im Herbst 2026 erscheint in der Wiener Edition Atelier Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte.
