#Roman

Schattenkühle

Barbara Kadletz

// Rezension von Florian Dietmaier

Natur- bzw. Klimaschutz darf nicht ahistorisch sein. Das einmal Geschützte, vor dem Untergang bewahrte, kann früher oder später wieder des Schutzes bedürfen. In ihrem Roman Schattenkühle zeigt Barbara Kadletz dies auf unkonventionelle wie unterhaltsame Weise anhand einer vergangenen und einer gegenwärtigen Naturschutzbewegung im Wienerwald.

2022 wurden 150 Jahre Rettung des Wienerwaldes auf der Burg Perchtoldsdorf am Rand ebendieses Waldes gefeiert. [O]hne Wienerwald wäre es in Wien um 6 Grad heißer, sagte der Wiener Klimastadtrat beim Festakt. Fast genau ein Jahr zuvor wurde das Projekt Lobautunnel von der österreichischen Klimaschutz-Ministerin gestoppt. Der Wiener Bürgermeister gelobte, das Aus für den Tunnel zu bekämpfen. In den Monaten vor dem Entscheid der Ministerin stand der Wiener Klimastadtrat auf Parteilinie und betonte, dass mit der Untertunnelung kein einziger Bagger in die Lobau fahren würde. Den Entscheid hat er nicht kommentiert. Auch beim Festakt zur Rettung des Wienerwaldes nicht. Wird in 150 Jahren eine Wiener Klimastadträtin erneut die Rettung der Lobau feiern?

Barbara Kadletz blickt in ihrem neuen, lesenswerten Roman Schattenkühle nicht in diese mögliche Zukunft, sondern unter anderem in die Vergangenheit: zu Joseph Schöffel, dem „Retter des Wienerwaldes“. Schöffel wurde 1832 in eine böhmische Bergarbeiterfamilie geboren. Nach Karrieren als Soldat und Geologe war er ab den 1860ern auch journalistisch tätig. Ab 1870 trat er in seinen Artikeln für Tageszeitungen erfolgreich für die Erhaltung des Wienerwaldes ein, der damals vom Staat zum Verkauf und zur Abholzung freigegeben werden sollte. Mit der Kampagne wurde er bekannt und infolgedessen 1873 zum Bürgermeister von Mödling gewählt. In dieser Funktion setzte er sich für die Verschönerung und Verbesserung des Ortes ein, stiftete etwa eine Waisenanstalt, ließ Straßen mit Gehsteigen bauen und Sitzbänke aufstellen.

Daß die Wälder einen bedeutenden Einfluß auf das Klima ausüben, ist eine unbestrittene Tatsache. Ausgedehnte Wälder […] mildern […] auf dreifache Art, nämlich durch Schattenkühle, Verdunstung und Strahlung, die Hitze des Sommers, sowie sie im Winter durch Nebelbildung intensive Fröste verhindern. Wir leiden schon jetzt unter einem wahrhaft exzessiven Klima.“
Das schrieb Joseph Schöffel bereits im Jahr 1870, also am Beginn seiner Kampagne im Neuen Wiener Tagblatt. Kadletz stellt das Zitat als Motto ihrem Roman voran, der jedoch kein historischer ist, sondern raffiniert dieses geglückte, vergangene mit einem laufenden, gegenwärtigen Naturschutzprojekt im Wienerwald in Beziehung setzt.

Die Handlung beginnt in der Gegenwart, rund 150 Jahre nach der Rettung des Wienerwaldes, wo Kadletz von Josef Schöffel, Josef mit ‚f‘ statt ‚ph‘, erzählt. Der ist studierter Architekt und leitet als Kommunalpolitiker ein Bauprojekt für ein Bürogebäude am Rand des Wienerwaldes. Die Stadt, in der Josef arbeitet, nennt Kadletz nicht. Es könnte aber Purkersdorf sein, wo seit 1872 ein Denkmal für Joseph Schöffel auf der nach ihm benannten Schöffelwarte steht. Und zu dieser nimmt Josefs Großmutter Emma ihren Enkel einmal mit. Ein richtiger Held ist er gewesen (S. 84), der Joseph Schöffel, sagt Emma zu Josef. Deswegen sei er nach ihm benannt. Weil deine Eltern und ich ganz fest davon überzeugt sind, dass du, wenn du einmal groß bist, auch etwas mindestens genauso Wichtiges leisten wirst wie er. (S. 84)

Doch dieses Wichtige, das Bürogebäude, das erste Gebäude, das Josef designt hat und mit dem er die strenge Großmutter von sich überzeugen will, kann nicht gebaut werden: Dem Baufortschritt stehen nämlich die Umweltschützer:innen Hans und Renate Gruber entgegen, die auf der Baustelle ihr Zelt aufgestellt haben. Wieso konnten die nicht in der Lobau sein, fragt Josef sich, oder sich an irgendwelchen Verkehrsknotenpunkten ankleben, so wie all die anderen Umweltaktivisten, und gegen Straßen, Tunnel oder den Klimawandel an sich demonstrieren? (S. 12)
Die Besetzung der Baustelle wirkt jedenfalls. Renate und Hans lassen sich nicht vertreiben. Oder ist Josef nicht forsch genug? Davor, die Polizei zu holen, schreckt er etwa zurück. Und gleichzeitig hat er auch Angst vor Steff, dem Bürgermeister, den er seit der Volksschule kennt. Der trägt als Baubehörde die eigentliche Verantwortung, delegiert sie aber an Josef, um mit der Namensähnlichkeit Greenwashing für das Bürogebäude zu betreiben:
Der alte und der junge Schöffel. Das hatte sich der Bürgermeister ausgedacht. Denn wenn einer mit diesem Namen sich für ein Projekt einsetzt, dann kann das doch nur ein gutes sein, nicht wahr? So schnell hatte er gar nicht schauen können, da war er schon zum lokalen Maskottchen der Partei geworden. (S. 7)

Den alten Schöffel zeigt Kadletz im Jahr 1910, also vierzig Jahre nach seinem erfolgreichen Kampf um den Wienerwald, verwitwet und von seinen Mitbürger:innen vergessen. Zudem steht er kurz vor dem Rausschmiss aus seinem Haus, weil er bankrott ist. Ausgerechnet in das Waisenhaus soll er verfrachtet werden, das er der Gemeinde einst gestiftet hat. Dieses Schicksal will er aber nicht akzeptieren und macht sich auf die verzweifelte „Suche nach einem Schatz, den es vermutlich nicht gab“ (S. 22); und von dem hier nur so viel verraten werden soll, dass er ähnlich legendär wie Joseph ist und ihn eine mysteriöse Karte im Wienerwald verortet. Und zwar genau dort, wo mehr als hundert Jahre später Josef sein Bürogebäude errichten will oder eher soll.

Auf der Baustelle lässt Kadletz schließlich Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen: Joseph kriecht in eine Höhle, die ihn in die Gegenwart bringt, wo Josef ihn für einen zwar seltsam gekleideten, aber nicht aus der Vergangenheit kommenden Verbündeten von Renate und Hans hält.

Und Joseph erkennt nicht, dass er in der Zukunft ist. Beide Verwechslungen nutzt Kadletz gut. Denn weder hebt sie die Unwissenheit der Gegenwärtigen auf, dass also ein Zeitreisender in ihrer Mitte ist, noch die des in seine Zukunft gereisten Joseph. Dadurch kommt es nicht, wie oft in Zeitreisegeschichten, zur Parallelsetzung von Vergangenheit und Gegenwart, also etwa dem Aktionismus von Joseph und jenem der Umweltschützer:innen Renate und Hans. Vielmehr zeigt Kadletz, wie sich Natur- bzw. Umweltschutz auf lokaler Ebene mit der Politik misst und auch wer hinter dem Aktionismus und den Ämtern steht. Sie arbeitet ihre Charaktere und deren Beziehungen gut heraus. So zeigt sie wie sich die Generationen verbünden, wenn Joseph mit Hans auf der Baustelle und mit Josefs Großmutter bei Tee und Kuchen von der Vergangenheit schwärmen und nicht wissen, dass sie von verschiedenen Vergangenheiten sprechen.

Außerdem spickt Kadletz die Handlung mit einigen unvorhergesehenen Wendungen. Was hat es etwa mit Josephs Karte auf sich, wer hat sie gezeichnet? Und was verbindet Josef und Renate mit dem ehemaligen Gasthaus Zur Freude? Es lohnt sich jedenfalls, herauszufinden, ob der Wienerwald ein zweites Mal gerettet werden kann, und auch, ob Josef seinem Nachnamen doch noch gerecht werden wird. Und wenn ja, in wessen Augen.

 


Florian Dietmaier
wurde 1985 in Graz geboren und hat dort ein Germanistikstudium abgeschlossen. Literarische Publikationen in der Zeitschrift manuskripte, Rezensionen u. a. in der schreibkraft. manuskripte-Förderungspreis der Stadt Graz 2019. Im Frühjahr 2024 erschien sein Romandebüt Die Kompromisse im Grazer Droschl Verlag, das mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark 2024 ausgezeichnet wurde.

Barbara Kadletz Schattenkühle
Roman.
Wien: Edition Atelier, 2024.
232 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-99065-109-4

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 04.05.2024

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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