#Lyrik

Rückzug ist eine Trennung vom Ort

Marietta Böning

// Rezension von Günter Vallaster

Der Band beginnt schon fulminant: Ein Ich, nach Beckett „in einen Raum“ (S. 6, siehe auch Leseprobe) und auf die Bühne Welt geworfen, deren Bretter fünfzehn konzentrierte Zeilen sind, dem Scheinwerfer Sonne ausgeliefert, Rhizom-Wurzeln nach Deleuze und Guattari schlagend, die sich für das Ich schließlich als „Teppichfasern“ erweisen. Es ist ein „kleines Ich“ ähnlich wie das kleine bunte „Ich bin Ich“ von Mira Lobe, das aber der Welt schutzlos ausgeliefert ist und sich in lacanischen Spiegeln bricht. Vorgestellt wird es mit einem Stil, der an mythologische Überlieferungen erinnert, verwoben mit der flotten Schreibe des heutigen politischen Journalismus und unterhaltsam kontrastiert mit Elementen aus der Jugendsprache.

Mit „Tänze“ ist der so eingeleitete erste Abschnitt des Buches betitelt und mit den weiteren vier, „Betretene Territorien“, „Rückzugsgefechte“, „verrutschte Böden“ und „fragile aggregatzustände“, ist der thematische Bogen aufgespannt: Technik, Gewalt, Entfremdung, Krieg, Umweltverseuchung, das Verorten des Subjekts darin, das Zerbrechen des Subjekts daran, was philosophisch eingehend analysiert und mit eindrucksvollen Bildern zum Ausdruck gebracht wird. Das Ich, um noch im ersten Abschnitt zu bleiben, unternimmt erste und zweite Flugversuche, besser scheiternd, wie weiland Beckett meinte. Bei Böning „knickt“ es (S. 8) unter der Weltlast ein. Es folgen plastisch und drastisch beschriebene Griffe ins Leere, die Tänze werden zu Tänzen auf des Messers Schneide. Wörter wie Ich, Tanz, Griff, Messer/Säbel, Schablone schippern und scheppern als Dechiffrierungschiffren dann durch den gesamten Band.

Soziotope werden aus „dem Biotop geschnitten“ (S. 10), der „Dunst“ ist „zum Schneiden“ (ebd.), im „Tatü versiegt der Sauerstoff“ (ebd.), Entfremdung, die zur Erstickung führt. Der folgende Text, „Menschenfresser mit Messerterrain“ (S. 11) liest sich wie eine pointierte Kontrafaktur des Volksliedes „Im Märzen der Bauer“ Statt „herrlichem Schmaus“ wie am Schluss des Liedes gibt es jedoch „nur scharfe Knochensplitter“ (ebd.). Auch einigen anderen Texten des Bandes könnten zur Unterstreichung der Travestie Melodien oder Klänge unterlegt werden, als erste Anregungen seien genannt die Signations von Vorabend-Dokus oder -Serien aus den letzten Jahrzehnten wie „Paradiese der Tiere“, „Universum“ oder „Lindenstraße“, Signations von Weichspüler-Werbespots oder die Einstürzenden Neubauten. Die „Tänze“ steigern sich zum Ende des Kapitels hin zu einer Schöpfungsgeschichte, die sich als Erschöpfungsgeschichte präsentiert, mit einer „Begegnung mit der Sonne“ (S. 12 f.), die als „Helle“, „Hölle“, „Lichtblitz“ oder „Sichel“ (ebd.) scheint und erscheint, unter der der Mensch das ist, was er misst, mit der Pupille als „Schablone“ (ebd.). Im sehr starken, traumhaften und zugleich sehr realen „Bild mit Skorpion am Strand“ (S. 17), das das Bröckelnde der allzu planen Hochglanzbilder „Schaufel für Schaufel“ (ebd.) bloßlegt, zeigt sich somit die Sonne als ein „geometrischer, abrutschender Flecken“ (ebd.).

Apokalyptisch und mit Hammertexten geht es in „Betretene Territorien“ und „Rückzugsfechte“ weiter. Es wird industrialisiert, gebohrt, ausgesaugt, maximal „der Wecker ruft zum Aufstand“ (S. 22), nur scheinbaren Halt bietet die „Allerweltsschablone, dort wo man sagt, die Waagschale des Lebens steht auf dem sichersten der Böden“ (S. 23): „Brennende Ereignisse“, unter dieser Überschrift wird der schrillen Sprache der „Story des Tages“ ein schnell geschnittener, dichter Flüsterton entgegengehalten. Die Fetzen des Papiers, das „von den Fotografen Schreibern Machern“ (S. 22) nicht beschrieben sondern „angestachelt“ (ebd.) wird, sind poetisch hoch konzentriert arrangiert. Die „Stadtbetrachtung“ (S. 25) wirkt wie ein „Vater unser“, das aber mit „graugrüner Städtesumpf“ (ebd.) beginnt. Und wo sonst „Amen“ steht, steht assonant und schlagend „Ratten“. Im „unsichtbaren Gefängnis“ (S. 27) darf an den Seilen, die in Sicherheit wiegen, nur nicht gezogen werden. Und was von der Natur bleibt, wird in „Sehen ist kein Pastiche der Natur“ (S. 28 ff.) detailliert und „klack“ für „klack“ ins Visier genommen. Sie ist durchtechnisiert und motorisiert, analog dem Subjekt und seinen Beziehungen, der „Rahmen einer Inszenierung“ (S. 31) untermauert es: Die Zigarette der „sie“ wird großgestenreich vom „er“ wie ein Motorenzylinder in Zündung gebracht, beide schweben dann 2 x 7 Verse lang auf Wolke 14.

Doch halt: Ist „Gedicht“ die richtige Bezeichnung für diese Texte? Diese Frage könnte offen beantwortet werden: Einerseits liefert die äußere Form mit kurzen Zeilen, Zeilenbrüchen und strophenartigen Gruppierungen von Sätzen die – um ein in Bönings Band leitmotivisch verwendetes Wort zu verwenden – „Schablone“ für Lyrik, in der die Zeichen dicht, kontrast- und facettenreich gezeichnet werden, andererseits nähern sich die Sätze vielfach an die Sprache von genauen Beschreibungen oder klaren Meinungsäußerungen anhand von Argumenten an. Dadurch entsteht, um im Gedicht zu bleiben, so etwas wie Dokumentarlyrik beziehungsweise sprachlich avancierte politische und philosophische Lyrik. Aus der Perspektive der Prosa könnten die Texte als lyrisch verdichtete und wortfokussierte Zustandsbeschreibungen gesehen werden. Lyrische Prosa oder prosaische Lyrik, Prosagedicht oder Gedichtprosa – dieses Vexierbild erscheint als poetisches Kalkül, dem überhaupt die Auflösung respektive Verbindung dieser Gattungsschubladen inhärent ist.

„Rückzugsgefechte“: Hier findet zunächst weit- und tiefgehende Sprachreflexion statt, unter besonderer Berücksichtigung der datentechnischen Implikationen und Prometheus bleibt „an Zeichenketten geschmiedet“ (S. 34). Als adäquate lyrische Antwort auf Zeiten wie diese wird nur noch aufgezählt, „was noch schön sein könnte“ (S. 37). Was bleibt, ist ein von Ariadne gelächeltes „Lächeln im Kabelwerk“ (S. 39). Doch auch das verwischt, verfließt, bis zum Befehl „Neustart“. Unermüdlich wird der Welt- und Ich-Zerfall protokolliert: „immer zu Zeilenbrüchen bereit / immer das Ohr an der Wunde“ (S. 41). In „Verrutschte Böden“ tritt unter anderem ein „Engel“ als eine Art Todesgenius auf, statt einer gelöschten Fackel im Arm trägt er „eine Antenne auf dem Kopf“ (S. 48), eine Antenne für „Sinnempfang“ (S. 49). Der Charon fließt durch dieses Kapitel, aus dem Fall durch den Raum wird ein Fall „durch die Nacht“ (S. 51). Das eindimensional verkürzende der „Schablone“ wird noch einmal genau beschrieben als allzu behagliches und vereinfachendes „Gemeinplatzwort“ (S. 53) und „Allwort“ (ebd.) mit falscher Klarheit und Totalität „und der Dichtermensch steht da mit / offenen Augen, steht da mit offenem Mund, schaut wie die / Signifikanten fliegen durch die Luft, wie sie wieder und wieder / aufprallen, doch hebt er die nicht auf“ (S. 53). Marietta Böning hebt sie auf und führt sie vor Augen, vor die Schablonen.

Der letzte Teil des Bandes, „fragile aggregatzustände“, liegt, fliegt und schwebt zwischen den Dingen oder den Dingen dazwischen: „was für eine stütze zwischen den dingen, was für ein sturz“ (S. 62). Das eröffnet natürlich philosophische Betrachtungen des „Dings“ vom Kantischen „Ding an sich“ bis zur „chose“ von Lacan, nicht greifbar – oder doch? – stützend und stürzend und es füllt sich mit Aggregatzuständen vor allem des Wassers: zunächst mit Eis, das ja, wenn es mal da ist und die Bedingungen für sein Dasein hat, sehr hartnäckig fest ist. Kaskadisch abgestuft folgen dann der Schnee, der Matsch und ein „gerinnsel“ (S. 65) wie bei Blut, um schließlich zu den „Aggregaten des Geistes“ (S. 67) zu gelangen: eine wunderbare Kontrafaktur des Weihnachtsliedes „Leise rieselt der Schnee“: „Leise rieselt das Blut / Ruhe und Starre tun Wundheilung gut“ (S. 67). „Rückzug ist eine Trennung vom Ort“ – eine hervorragende poetische Antwort auf eine Zeit und Zivilisation, die den Planeten zu einer Düse macht, die immer wärmer wird.

Marietta Böning Rückzug ist eine Trennung vom Ort
Gedichte.
Wien: Das fröhliche Wohnzimmer, 2006.
70 S.; brosch.
ISBN 3-900956-83-9.

Rezension vom 15.01.2007

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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