#Lyrik
#Prosa

Rückwärts schweigt die Nacht.

Günther Kaip

// Rezension von Alexander Kluy

Es hat schon etwas tückisch Vertracktes, dieses Ding, geheißen literarischer Ruhm. Dem 1960 in Linz geborenen, seit 1980 in Wien ansässigen Günther Kaip, dessen Debüt 1991 ein Jugendbuch war, gefolgt von einem Roman („Andersland“, 1994), bevor er zu seinen eigentlichen Schreib-Formen fand, müsste literarischer Ruhm weithin zuwachsen. Müsste. Und zwar neidlos. Seit Jahren widmet er sich ausdauernd kürzeren und Kurz-Genres, dem Poem und dem, was mit sachter Unschärfe „Prosaminiatur“ genannt wird. Wobei es manchmal auch ein Prosagedicht ist, eine surreale Begebenheit, der Blick nach draußen, in den Garten, auf Bäume, auf einen Nachbarn, der am Zaun steht.

In Günther Kaips Band „Ankerplätze“ aus dem Jahr 2017 las man gleich zum Auftakt Sätze, die bei anderen programmatisch klängen, jedoch bei dem jedem einschnürenden Programm ausweichenden Kaip es dezidiert nicht waren. „Nur das und dies,“ hieß es da, „beschrieben mit flüchtigen Gesten, die über die Erinnerung streichen und sich in der Dämmerung verlieren“.
Kaips Zeit ist eine Zwischenzeit, ganz buchstäblich. Das Dazwischen interessiert ihn. Und darein pflanzt er seine fest und rhythmisch sorgfältig gearbeiteten Sätze, lässt sie surrealistische Blüten treiben.

Seit 2008 hat Kaip im die kleineren Formen favorisierenden und fördernden Klever Verlag einen sicheren, auch im literarischen Anspruch sicheren Verlagshafen gefunden.
In Rückwärts schweigt die Nacht sind generös einige skripturale künstlerische Arbeiten mit organischer Anmutung reproduziert, leider ohne technische Angaben. Sind es Tuschezeichnungen? Sind es Gouachen? Im Stil jedenfalls erinnern sie assoziativ ein wenig an den Franzosen Henri Michaux, auch an den klecksenden Justinus Kerner, auch ein literarischer Außenseiter des 19. Jahrhunderts, und gemahnen ebenfalls an den südwestdeutschen Künstler Julius Bissier (1893–1965), der nach 1945 immer konzentrierter, reduzierter, zen-artiger tuschte.

Die Wort- und Sprachszenerie Günther Kaips mutet weit entfernt von akuten Disputen, modischen Debatten oder medial gehetzten Diskursen an. Nicht ein einzelnes Notat ist länger als eine Seite. Nur selten erreichen sie die Länge eines Prosapoems. Und nie handelt es sich um auf einen Blitz-Effekt spekulierende Aphorismen.
Dafür taucht man ein in eine Welt der Sinne und der Sinnlichkeit. In einen Sprachkosmos des Aufruhrs im Detail und der Beruhigung im Ganzen, um einen Satz des französischen Dichters Francis Ponge aufzugreifen, einem jener Poeten der Hochmoderne, die die Natur im Wort bannen wollten und dabei ganz besonders die einzelnen Dinge. Bei Ponge waren das zum Beispiel ein einfacher Tisch, ein Kieselstein, ein Stück Seife. Dieser Autor hatte sich zum poetologischen Ziel gesetzt – dabei war er sich von vornherein bewusst, dass er dies Avisierte nie erreichen würde –, einen „Gegenstand“ oder die „Welt“ poetisch so zu erfassen, dass das Dingobjekt nur noch in der Sprache erstehe und zu verstehen sei. Eine linguistisch kosmogonische Konstruktion also.

In Günther Kaips Rückwärts schweigt die Nacht wechseln sich rhythmisch-melodisch Kurzprosa und Gedichte ab. Es ist ein All-Buch. Denn allüberall kann es aufgeschlagen und gelesen werden, können die Einträge studiert werden, können sie ihren Nachhall entfalten. Und dann kann man nach vorne blättern oder weiter nach hinten, nicht gebunden durch eine Logik der Chronologie oder der Zeit oder der Miniatur-Fülle en gros und en détail.
Einige Motive lassen sich herauspräparieren. Da gibt es Zerfall und Auflösung. Es gibt ausdauernde Fragilität und wehe Vergänglichkeit. Es gibt Sich-Verwandelndes, etwa wenn ein Staubtuch eine Metamorphose zum aufgespannten Horizont absolviert. Oder wenn es heißt: „ist das ein windzug sieben hoch zwei / plus Wurzel aus drei / oder nur das leise Klirren des Vorhängeschlosses / im blauen Himmel?“
Es gibt Selbstreflexion und Nachdenken über die „Sprachsteinbrüche“ und das Sich-selbst-Befragen des Aufschreibenden, der nicht weiß, ob die reale Schreib-Zeit tatsächlich nicht irreale, surreale, also überwirkliche und jenseits der Subjektivität verschobene Lebenszeit ist. Und immer wieder gibt es das verführerische Wunder der Sprache und die Mirakel gefundener Wortformulierungen und Sprachbilder. Kaip: „lassen wir die Zeichen ihre Metaphern suchen / und folgen der verwachsenen Logik der Träume / um die Ablagerungen in uns zu finden – Farnspiralen / die unsere Irrtümer zum Blühen bringen.“
Hier ist keine Zerstreuung zu finden. Vielmehr das Gegenteil: Ent-Streuung, Konzentration, Bündelung. Und das streuende, streunende Anschauen des Konkreten wie des Abstrakten. Und das Finden jener Worte, die diesem wie jenem zauberisch exakt und gegenwärtig poetisch entsprechen können.

Kurzprosa, Gedichte und Zeichungen.
Wien: Klever Verlag, 2022.
144 S.; geb.
ISBN 978-3-903110-86-1.

Rezension vom 06.12.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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