#Prosa

Ruby lebt.

Werner Schandor

// Rezension von Emily Walton

Dieses Buch hätte auch „Jesus lebt“ heißen können. Wäre der Protagonist der ersten Kurzgeschichte etwas mehr bei der Sache gewesen. Hätte er im Vorbeigehen den Aufkleber „Jesus lebt“ richtig gelesen. Stattdessen aber werden für ihn die Buchstaben auf dem Pickerl rund. Sie verschwimmen. Und er liest Ruby lebt. Schon hat die Kurzgeschichte einen Namen. Und das Buch ebenso.

Die Verwechslung wäre nicht weiter erwähnenswert, tauchte nicht gerade da ein Mädchen Namens Ruby auf. Der abergläubische Protagonist, ein junger Mann, ist von so viel Zufall gebeutelt. Er flirtet mit einer Frau – eine „Sphinx“: halb Amerikanerin, halb Ägypterin – die sich dann als Ruby vorstellt. Es folgt: Eine Geschichte über das Lieben der beiden. Nicht über die Liebe, denn sie haben bloß eine kurze Affäre.

Ruby lebt ist nur eine von insgesamt 11 Erzählungen in diesem Buch. Gemeinsam haben die Texte, dass es immer wieder um Missverständnisse geht, um Menschen, die „einen Schuss weg haben, was Beziehungen betrifft“ (S.18). Es sind Figuren, die nach Abwechslung, vielleicht auch nach einer Pointe im Leben suchen, wie etwa in der letzten Geschichte dieses 184-Seiten-Buchs – „Post Skriptum“. Hier will zunächst ein Mann eine Frau verführen, ihr aber ist zu kalt, er erzählt ihr eine Geschichte.

Das war die Geschichte?
Ja, das war die Geschichte?
Und wo bleibt die Pointe?
Welche Pointe? Hat dein Leben Pointen? Meins nicht. Es ist gleichförmig und pointenlos. Das zu ertragen ist der Witz an der Sache.

(S. 172)

Auf keinen Fall sind die Helden in diesen Erzählungen alltäglich, auch handeln sie nicht zwangsläufig so, wie man es von „Normalen“ erwarten würde. Sie beobachten Ufos und führen Tagebuch darüber. Oder sie versuchen ein Buch – ja, ein BUCH! – zu überfallen. (In diesem Text heißt der Protagonist übrigens „Schandor“.) Andernorts geht es um ein Pärchen, das durch eine Anzeige ein anderes Liebespaar zum „swingen“ findet.
Einige Texte bilden den (nicht) ganz normalen Alltag ab, andere wiederum schildern „Was-wäre-wenn“-Szenarien – zum Beispiel eine Begegnung mit Kurt Cobain an seinem Sterbebett.

Schandors Sprache ist leichtfüßig, er zieht den Leser in die Geschichte hinein. Manchmal ist die Schreibe auch derb – allerdings nur wenn es zur Handlung passt. Wer sich daran stößt sollte trotzdem weiterlesen, denn Schandor liefert einige humorvolle Passagen und setzt gute Sprachspielereien ein. Das Buch beinhaltet zudem auch bewegende Stellen. In „Die Möwe“ schildert der Autor, Jahrgang 1967, den Versuch, eine kranke Möwe zu retten. Diese Geschichte siedelt der Grazer, der übrigens auch Herausgeber des Feuilleton-Magazins „Schreibkraft“ ist, an der kroatischen Küste an. Die Texte variieren demnach in ihren Handlungsorten – spielen mal in der steirischen Provinz, mal im Ausland.

Werner Schandor-Leser werden dem Helden Peter Sterner wieder begegnen. Dieser stand schon im Zentrum von Schandors Comicband „Peter Sterner – Das Geheimnis seines Erfolges“ – auch in der Edition Kürbis erschienen.

Kurze Geschichten.
Wies: Edition Kürbis, 2012.
184 S.; brosch.
ISBN 978-3-900965-44-0.

Rezension vom 20.08.2012

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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