#Roman

Rote Lackn.

Brita Steinwendtner

// Rezension von Petra Rainer

Die Kulturjournalistin Brita Steinwendtner legt mit Rote Lackn ein spätes Prosa-Debüt vor.
Der Roman ist ein Erinnerungsbuch, das in zahlreiche kürzere Abschnitte untergliedert ist, und diese sind in insgesamt sechs mit Nummern übertitelte Kapitel gereiht. Die 1942 geborene Autorin wendet ihre Aufmerksamkeit dem Zeitgeschehen ihrer Kindheit zu.

Ausgangspunkt der Handlung ist ein See am oberen Ende eines Gebirgstales. Die Rote Lackn ist kein Ort der Idylle, kein Ort der Kinderspiele, sondern finsterer Vollstreckungsort während mehrerer Kriege.
Die Ich-Erzählerin spürt mit den Lebensläufen der Talbewohner den Geschichten nach, die ihre Kindheit begleiteten. Das war keine glückliche Kindheit, sondern eine Kindheit voller Entbehrungen, gekennzeichnet durch Angst und zu frühes Abschiednehmen.

Die Erzählerin erinnert sich an eine Bäuerin, die sich zu Tode arbeitet, weil die anderen immer wichtiger sind als sie selbst, bis es schließlich zu spät ist; an eine Sennerin, die im „Narrenturm“ endet; eine ältere Dame, gepflegt und diszipliniert, die den ewigen Fragen des studierten Sohnes, warum sie ihm damals die „Napola“, eine der sogenannten „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ angetan habe, nichts entgegenzusetzen hat. Dann ist da noch eine Sportlerin aus der ehemaligen DDR, die die Flucht über die Grenze, eingezwängt in einen doppelten Boden unter einem PKW, zwar überlebt, innerlich aber völlig ausgebrannt ist. Und dazwischen Erinnerungen an die Eltern der Erzählerin und der leitmotivisch wiederkehrende Satz der Mutter: „Wann ist es endlich genug?“

Erinnerungsarbeit ist wichtig. Für alle Beteiligten und also aus jeder Perspektive. Dennoch kann man auch angesichts der Soldatentode und des Wahnsinnig-Werdens an den Ereignissen folgendes nicht vergessen: Die Entscheidung „zwischen Täter-Sein und Opfer-Werden“ (S. 64) stand vielen, egal wie alt sie waren, gar nicht zur Verfügung.

Und so hat das Erinnern in der Roten Lackn dort seine Grenzen, wo das Unbewußte die Wächter postiert, um den Blick in den Abgrund zu verhindern. Wenn zum Beispiel ein Schüler in die Napola „selektiert“ wurde und diesen das „bis heute verfolge“ (S. 88), so ist das ein Versuch, die wahren Verhältnisse zu verwischen. Die eigene Hilflosigkeit zu beschwören, den Opferstatus für sich zu reklamieren, das erleichtert den Blick zurück. Gleichzeitig verhindert es die kathartische Wirkung tiefer Trauer.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 1999.
126 S.; geb.
ISBN 3-85218-285-9.

Rezension vom 15.05.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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