Römische Reportagen.

Ingeborg Bachmann

// Rezension von Petra M. Rainer

Wie immer passen die Jahreszahlen: 45 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung und 25 Jahre nach dem Tod der Autorin werden die Auslandskorrespondenzen von Ingeborg Bachmann erstmals (nach)gedruckt. Daß die Schriftstellerin ein knappes Jahr unter dem Pseudonym Ruth Keller für die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ politische Beiträge aus Rom schrieb, ist schon länger bekannt. Daß sie darüberhinaus zur gleichen Zeit auch regelmäßige Italienkorrespondentin für Radio Bremen war, das ist eine Überraschung.

Eine Wiederentdeckung.

Die 34 Radio-Manuskripte und 8 Zeitungsartikel, die in der Zeit von Juli ’54 bis September ’55 entstanden und gesendet bzw. gedruckt worden sind, werden in dem Band Römische Reportagen mitsamt brauchbarem Personen- sowie Sachwortregister publiziert. Bachmann beschäftigte sich als Journalistin mit dem politischen Tagesgeschehen Italiens, und so halten wir einen taufrischen Splitter Zeitgeschichte in Händen: Der tödliche Getreidepilz „Sphacelia segetum“ eröffnet die italienischen Korrespondenzen, der mysteriöse Tod der schönen Römerin Wilma Montesi, in den einige angesehene Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft verstrickt scheinen, ist genauso Thema wie der neue Fiat „Popolare S 600“ und immer wieder die realistischenen Möglichkeiten der revolutionswilligen italienischen Kommunisten.

Entgegen der diesbezüglichen Information des Herausgebers, decken sich die Themen der Radiomeldungen mit jenen der Zeitungsartikel, nur werden sie dem Medium entsprechend unterschiedlich verfaßt. Interessant ist, daß die Radio-Manuskripte heutigen Vorstellungen von hörgerechtem Rundfunkjournalismus zuwiderlaufen: Die Leadzeile enthält nicht die Crux der Meldung, ist eher malerischer Einstieg ins Szenario, aus dem heraus – dramaturgisch hinausgezögert – die Kerninformation entwickelt wird. Also kein „Pyramiden-Prinzip“, das den Höhepunkt an den Anfang stellt, dem unterstützende Fakten folgen, um dann in interessante Details und weniger wichtige Einzelheiten auszuklingen. Ein Probelesen zeigt aber, daß der aus heutiger Sicht eigenwillige Meldungsaufbau dem Hörer durchaus spannend und hörgerecht erscheint.

Insgesamt ist das leider schlampig lektorierte Bändchen aus vielen Gründen lesenswert.
Für alle Bachmann-Leser ein interessantes Schanier zwischen „Der gestundeten Zeit“(1953) und „Die Anrufung des großen Bären“(1956), den Lyrikbänden, die am Beginn bzw. am Ende der italienischen Zeit der Autorin stehen, einer Zeit in der sich die junge Schriftstellerin sehr wesentlich entwickelte. „Römische Reportagen“ ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das auch als Beispiel für Nachrichtenübermittlung der Nachkriegszeit gelten kann.

Hrsg. und mit einem Nachwort von: Jörg-Dieter Kogel.
München: Piper, 1998.
123 S.; geb.
ISBN 3-492-04028-4.

Rezension vom 22.03.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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