#Lyrik

Pu pille.

Christian Loidl

// Rezension von Helmuth Schönauer

Wer Christian Loidl einmal mit seinen Zaubersprüchen über die Landschaft hat rasen hören, vernimmt auch in seinen kleinsten Zweiwort-Gedichten den Odem gewaltiger Magie.
Die Pupille als Teil des Auges dient üblicherweise als Türwächter der Betrachtung. Die Pupille gilt auch als das Organ der Assimilation schlechthin, schließlich hat sie nichts anderes im Sinn, als die Sehschärfe jeweils willenlos nachzujustieren. So ist es auch kein Wunder, daß in unserem Land der Amtsarzt als der oberste Kontrolleur der Pupille fungiert. Wer nämlich den Pupillenstand unter Kontrolle hat, der hat auch die Bilder unter Kontrolle. Wenn der Staat also nächtens durch seine Patrouillen die Pupillen seiner Insassen kontrolliert, hat er mit einem Pupillenschlag auch die Bewohner und deren Eindrücke im Griff.

Bei Christian Loidl ist die Pupille schon am Buchumschlag prophylaktisch zerbrochen. Pu pille wird so leicht zu einem Befehl oder wie Pu, der Bär, zu einer eindringlichen Story. Tatsächlich geht es um zerbrochene Optik, geätzte Sehweisen und verdeckte Schrägstellungen, die den üblichen Blick auf die Welt verändern.

Wenn Rasterfahndung und Pupillenbruch zusammenkommen, entstehen so klare Formeln wie „DNA : AND : DNA : AND : (S. 67). Das ist der Stoff, aus dem unsere Lebenszellen aufgebaut sind. Und auch für Gefühlsknoten läßt sich diese Methode anwenden: „RESTMONSTER : STERNENSTROM“.
Manchen Gedichten ist ein Flugzeug vorangestellt, um das Gedicht in luftige Höhen zu bringen. Und immer wieder geraten die Gedichte zu konkreten Empfehlungen für diverse Lebenslagen. „grüne knochen mußt du dir bewahren / willst du mit dem krokodilzug / schlafen fahren“ (S. 84).

Die Pupille kann es sich eben nicht aussuchen, was gerade „sehenswert“ ist. Alles kann Inhalt eines Pupillen-Gedichtes werden, und oft besteht die Botschaft aus einem raschen Blickwechsel.
Wo sich althergebrachte Lyrik vielleicht nicht mehr ganz bewährt, wird sie durch Aussparungen antiquierter Wörter aktualisiert. Besonders bemerkenswert sind die rasanten Neufassungen der Novalis-Hymnen, die durch Aussparungen einen bislang unentdeckten Hintersinn zu Tage fördern.
Loidls Texte sind selbstverständlich auch als Partitur für eine Performance zu lesen. Denn die Magie beginnt erst zu wirken, wenn sie der Magier Loidl mit der richtigen Intonation in die verstockte Welt hinausruft.

Die im Textbuch Pu pille auf eine lineare Darstellung des Dramaturgiebündels reduzierte Sehweise gibt dem Leser eine erste Ahnung vom Loidlschen Zauber-Kosmos. Und er wird durch die Texte selbst ermuntert, in seiner Vorstellung die Wörter armdick aufzutragen!

Gedichte.
Wien: edition selene, 1998.
94 S.; brosch.
ISBN 3-85266-088-2.

Rezension vom 17.03.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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