#Biografie

Psychische Selbstbiographie

Hermann Broch

// Rezension von Petra M. Rainer

Diese Publikation umfaßt drei Schriften zur eigenen Person des Autors. Die „Autobiographie als Arbeitsprogramm“ (entstand 1941), die Psychische Selbstbiographie (1942) und der „Nachtrag zu meiner psychischen Selbstbiographie“ (1943).

Die „Autobiographie als Arbeitsprogramm“ ist insofern autobiografisch, als sie sich mit politisch-philosophischen Ideen beschäftigt, die Broch schon lange begleitet und in der damals aktuellen Ausprägung des Nationalsozialismus auch persönlich bedroht haben. Broch sah die Ereignisse im Sinne seiner in den „Schlafwandlern“ (Romantriologie 1930-32) dargelegten Essayfolge „Zerfall der Werte“. Und so widmet er sich dem „Problem des Relativismus, für den es keine absolute Wahrheit, keinen absoluten Wert und sohin auch keine absolute Ethik gibt“ (S. 83). Im „Arbeitsprogramm“ zeichnet Broch auf, wie er seine Theorien entwickelt hat, beginnend mit seiner Auseinandersetzung mit dem Neopositivismus des „Wiener Kreises“ um Carnap, Neurath usw., über die Entwicklung seiner Wertetheorie in den 20er Jahren und mündet in ein Traktat zu Fragen der Massenpsychologie. Es fällt auf, wie konsequent Broch in diesem Text die „Autobiographie“ auf geistige Ausführungen beschränkt, persönliche Lebensumstände werden ausgeblendet.

Nun enthält die vorliegende Publikation aber zwei weitere autobiografische Texte, die hier erstmalig publiziert werden, und die sind, gerade angesichts des „Arbeitsprogrammes“, absolut überraschend: Broch spricht in der „Psychischen Selbstbiographie“ vor allem über sein Verhältnis zu Frauen, deren neurotische Gespaltenheit in unberührbare Mutterfreundin und kleine Bettgenossin er schmerzlich empfindet. Insgesamt fühlt er sich einem enormen Leitstungsdruck ausgesetzt, den er auch biografisch im Sinne der Psychoanalyse (Freud) und der Individualpsychologie (Adler) erklärt. Broch scheut auch nicht davor zurück, seine Impotenzängste zu analysieren.

Der „Nachtrag zu meiner psychischen Selbstbiographie“ führt den Themenkreis der „Psychischen Selbstbiographie“ fort, allerdings wird die analytische Sicht auf die Vorkommnisse verstärkt, der Text ist eine Art Selbstanalyse an deren Ende untersucht wird, warum es für Broch unmöglich ist, die klassische Analyse bei einem Therapeuten wieder aufzunehmen.
Den Abschluß der vorliegenden Publikation bilden ein ausführliches Nachwort des Herausgebers P. M. Lützeler und zahlreiche Anmerkungen, die sehr informativ gestaltet sind.

Die hier erstmals publizierten Texte zur „Autobiographie“ Brochs sind menschlich berührend – aufgrund ihres Bemühens um Selbstaufdeckung bei gleichzeitiger neurotischer Verstricktheit. Sie offenbaren eine männliche Egozentrik, die heute sicher nicht gänzlich verschwunden ist, aber im intellektuellen Diskurs als obsolet beiseite gelegt wurde.

Hermann Broch Psychische Selbstbiographie
Biografie.
Hg.: Paul Michael Lützeler.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999.
214 S.; geb.
ISBN 3-518-41035-0.

Rezension vom 29.04.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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