#Roman

Polterabend.

Alfred Komarek

// Rezension von Anne M. Zauner

Ein toter Mann in einer Weinpresse, das hat was. Man stelle sich einen kalten Wintermorgen vor, ein verlassen gelegenes Presshaus und eine Leiche darin. Die bloße Haut ist ihr am Holz des Bottichs angefroren.

Ein vielversprechender Anfang – bei Alfred Komarek liegt allerdings die Latte hoch, muss er doch gegen die eigene Konkurrenz anschreiben. Er hat drei erfolgreiche Polt-Krimis im Nacken, die es wenn möglich noch zu übertreffen gilt. Mit ungebrochener, ja mörderischer Lust macht sich der Autor an die Aufgabe. Lange streift er um die Weinpresse, schildert sie bis ins Detail. Er fügt sogar eine Illustration bei. Doch auch ohne Zeichnung entsteht ein genaues Bild der Presse und man kann förmlich sehen, wie der Hengst, der große hölzerne Pressbalken, dem Toten den Schädel zerquetscht und Blut sich in die Traubenmaische mischt. Vier düstere, angegraute Männer stehen in aller Früh um den Presskorb, in dem der verstümmelte Tote liegt, darunter Simon Polt, der Gendarm, und Karl Fürnkranz, der Hauptverdächtige. Die Szenerie erinnert flüchtig an ein alttestamentarisches Gericht. Aug‘ um Aug‘, Tod um Tod, und niemand trauert. Denn Ferdinand Lutzer, der Tote, war im Leben ein sadistischer Misthund, ein Frauenheld der miesesten Sorte, der es gern hörte, wenn seine Opfer wimmerten. Gewimmert hat auch die Tochter von Karl Fürnkranz, als er sie einst aufs Brutalste vergewaltigte.

Eine Leiche, ein Verdächtiger und bald schon ein Mordmotiv, das Spiel kann beginnen. Langsam und bedächtig zieht Simon Polt seine Kreise. Er hört sich um, schnappt da und dort etwas auf, kombiniert ein wenig. Die Verdachtsmomente gegen Karl Fürnkranz verdichten sich. Polt gräbt tiefer.
Der Gendarm passt in das karge Dorf im Weinviertel nahe der tschechischen Grenze. Er ist wie die die Leute hier, knorrig, windzerzaust und zäh wie Leder. Er hat wie sie einen eigenwilligen, sturen Gerechtigkeitssinn entwickelt, der jenseits von Paragraphen weiß, was Recht ist. Dem Autor ist es übrigens sehr zu danken, dass er die Szenerien, vor denen sich das Drama abspielt, nicht verkitscht. Es wäre so einfach, Land und Leute ins Lächerliche zu ziehen. Doch die Dörfler können bei Komarek ungestraft im „Bauernbündler“ und im „Winzer“ blättern.

Am Ende löst Simon Polt den Fall. Das ist unvermeidlich. Doch sein sturer Gerechtigkeitssinn macht ihm diesmal einen Strich durch die Rechnung. Er liefert den Schuldigen nicht aus, der übrigens nicht der Hauptverdächtige ist. Mehr wird aber nicht verraten. Stattdessen nimmt Polt den Hut oder besser gesagt er nimmt die Gendarmenkappe ab. Er geht und lässt seinen neuen Vorgesetzten, einen großartigen Wichtigtuer, mit einer plausiblen, wenn auch falschen Lösung zurück.

Wolf Haas hat seinen Detektiv Brenner vor kurzem in die Ewigkeit geschickt. Nun kommt auch für Simon Polt das Aus. Für Krimileser ist das ein harter Schlag, denn die geradlinigen, schnörkellosen, atmosphärisch stimmigen Bücher von Alfred Komarek haben, wenn auch auf leiseren Sohlen, eine ebenso treue Fangemeinde gefunden wie die trashig-kultigen Bücher des Schriftstellerkollegen. Aber vielleicht kehrt wenigstens Simon Polt wieder, vielleicht als Privatdetektiv. Er könnte es sich vorstellen, hat Alfred Komarek in einem Interview gesagt. Man hört es gern.

Kriminalroman.
Innsbruck: Haymon, 2003.
191 S.; geb.
ISBN 3-85218-413-4.

Rezension vom 19.05.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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