Das Wiktionary definiert Poller als „kleine Pfeiler mit dem Zweck, einen Bereich für den Verkehr zu sperren“ (https://de.wiktionary.org/wiki/Poller). Ein Poller hindert an der Zufahrt, steht im Weg. Darf man daraus den Schluss ziehen, dass die Texte in Ann Cottens Poller. Idyllen quasi künstlerische und intellektuelle „Poller“ sind? Auf die ersten Seiten ihres Gedichtbands hat die 1982 in Iowa/USA geborene, nach eigener Aussage „lyrikskeptische“ Lyrikerin mit schwarzer Tusche eine Auswahl von Verkehrspollern hingescribbelt. Darunter findet sich etwa der klassische „90er Nostalgie soft Poller (eisern)“, ein schmales, rundes Exemplar mit angedeutetem Köpfchen, das schemenhaft auch auf dem Buchcover zu erkennen ist. Oder der nur Japan-Reisenden bekannte „Tokyoter High Class Schmiege-Poller“. Oder auch der kleine, mit Lichtquelle versehene und vor Einfamilienhäusern verbreitete „Fiese Ausfahr-Poller“, der im echten Leben schon so manche Fahrzeugunterbodenverkleidung ruiniert haben dürfte.
Zu diesen ‚Visualisierungen‘ passt, dass die translingual arbeitende und vielfach ausgezeichnete Cotten im Gedicht Insert pollard (S. 30) schreibt:
Ein Poller ist Schutzwerk gegen imaginierte Gefahren, zugleich aber ein Hindernis gegen die Annahme, man könnte einfach überall unsichtbare Grenzen überfahren. Du musst dich mit ihm auseinandersetzen.
Da Cotten zuvor geweckte Erwartungen jedoch gern unterläuft, regt sie in der nächsten Zeile gleich das genaue Gegenteil an:
Du musst dich mit ihm nicht auseinandersetzen. Bleib einfach in der Nähe und schau, was passiert.
Hier darf man widersprechen: Mit Cottens Werk muss man sich sehr intensiv auseinandersetzen. Nicht, weil es eine ‚Entschlüsselung‘ gäbe. Schon eine lineare Handlung lässt sich kaum nachvollziehen und fast jedes Element trügt. (Das englische Wort für Poller zum Beispiel ist „bollard“, nicht „pollard“.) Die Rezeption von Cottens Werk hat prozessualen Charakter. Es ist eine Einladung zur schöpferischen Dekonstruktion.
In poetologischen Kommentaren plädiert Cotten, hier zitiert nach dem Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, für eine komplexe „Gedankenlyrik“, mit der Möglichkeit, „Dinge auszuprobieren, um sich in einem sinnfreien oder zweckfreien Raum zu bewegen“. Eine unreflektierte „Befindlichkeitslyrik“, die danach strebe, „den Gefühlshaushalt des lyrischen Ichs möglichst präzise mithilfe von Metaphern zu bezeichnen, und sich dazu charakteristischerweise einer Reihe von Aussagesätzen bedient“, lehnt sie ab. In ihren Stefan-Zweig-Vorlesungen an der Universität Salzburg 2017 wies Cotten „unnötige Parteinahmen“ zurück. Folgerichtig widersetzt sie sich der Forderung, „der Text müsse eine Meinung repräsentieren“.
Immerhin kann man beim Gendern, das sie reichlich verwendet, ein wenig Klarheit schaffen. Cotten nutzt das (fiktive, von ihr selbst erfundene) „polnische Gendering“, bei dem, so sagt sie, „alle für alle Geschlechter nötigen Buchstaben in gefälliger Reihenfolge ans Wortende kommen“. Beispiele aus Poller sind „Streunernnnie“ (S. 14) oder „Touristnnnie“ (S. 20). Parallel verwendet sie das „Entgendern nach Phettberg“. Der 2024 verstorbene Fernsehmoderator kombinierte den sachlichen Artikel („das“) mit an das Substantiv angehängtem -y. Im Klappentext von Poller heißt es zum Beispiel: „Ann Cotten ist Schriftstelly, Übersetzy und Theorie-Fuzzy.“ Für Cotten kann es anscheinend nie genug Varianzen geben: In Poller kommt auch noch das gewöhnliche Gendern mit Unterstrich zum Zuge.
Wiederum im Klappentext parodiert Cotten Marketingformeln, zu denen auch die Erklärtexte der Buchindustrie neigen: „Die als Poller gelesenen Stehtexte stecken in einem Botaniksubstrat, das 2009 angelegt wurde: ein innovatives Verfahren im Textrecycling, das Standfestigkeit mit konzeptueller Fruchtbarkeit vereint.“ Übertragen auf das Seitenlayout bedeutet das: Auf Fußnotenhöhe läuft eine Art essayistischer Text durch den gesamten Band. Darüber sind die einzelnen Gedichte, die „Poller“, angeordnet. In welcher Beziehung die „Poller“ zu den im Untertitel annoncierten und im Buch nur sehr vage aufscheinenden „Idyllen“ stehen, bleibt mysteriös. In einem Interview mit der Wiener Stadtzeitun Falter vom Mai 2026 sagte Cotten jedoch: „Die Idylle täuscht, zugleich ist das Erleben von idyllischen Situationen etwas, was ich ernst nehme: Jedre braucht solche Momente, um Kraft für die nächsten Struggles zu schöpfen. Es geht bei der ‚guten‘ Idyllik nicht um die Absicherung von Idyllen gegen, sondern um deren Auffindung in der komplizierten und strukturell gewalttätigen Welt.“
Der essayistische Fußnotentext spielt mit umständlichem Satzbau und teils altertümlicher Lexik („kuehn“) auf philosophische Abhandlungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert an. Mit der Erwähnung von Namen wie Kant oder Goethe wird ein gelehrtes Namedropping simuliert. Aus dem mäandernden Textfluss, der jede Gattungsgrenze sprengt und kaum Kohärenz aufweist, ragen einzelne plötzliche Erkenntnisse und komische Wahrnehmungen heraus. So etwa: „… das ganze Leben dient der Verholzung“ (S. 12) oder „»Ich habe den neuen Tag gefunden. Er befindet sich draußen, unmittelbar vor meinem Fenster«“ (S. 35). Unvermittelt findet sich auch nicht-verfremdetes Sachwissen aus der Kulturgeschichte. Cotten spricht von Zeiten des „Mittelalters und der fruehen Neuzeit, wo wallende Männerlocken Frauenköpfen gegenueberstanden, deren Haare mit Tuechern umbunden, in Tueten gepackt und an den Rändern ausrasiert waren, um höhere Stirnen erstrahlen zu lassen“ (S. 78). Die wallenden Locken haben heute die Seite gewechselt, während Männerhaare in der Regel einer strengen Disziplin unterworfen werden.
In ihren Gedichten hat es Ann Cotten neben den Pollern auch die Religion angetan, allerdings in ihren säkularisierten Schwundformen. Geradezu Deix’sche Visionen steigen angesichts dieser Zeilen vor dem inneren Auge auf:
Eine Religion ist das Timing von Essen
[…]
Und wenn du, Schnitzel, einmal weichgeklopft,
paniert, herausgebacken und dann eingefroren,
am siebten Tag aus der Gefriertruhe geholt wirst
und in goldenem Bröckeln und Bröseln auferstehst,
wer heiligt Dich dann,
außer die motivierten Ausländernnnie? (S. 78)
Eher eine Verweigerung ist dieses Kurzgedicht:
Eine Religion ist die Mülltrennung
Dazu sag ich aber nix. (S. 79)
Ernst, beinahe aktivistisch und am Schluss gallig-sarkastisch wird Cotten beim Thema Tierrechte. Fast hört es sich so an, als würde sie für einen Moment aus ihrer Rolle als Schreibende heraustreten:
Ein Schwein braucht 0,75 m2 Lebensraum, nur trächtigen Zuchtsauen werden in der Bio-Haltung bis zu 6,5 m2 Raum zugestanden. Von Zeit zu Zeit wird die Sorge geäußert, dass wenn eine Sau mit ihrem Wurf zu viel Platz hat, sie sich versehentlich auf die Ferkel legen könnte. Diese Sorge ist nicht ganz unbegründet. Für die Ferkel dient das Stroh auch als Unterhaltungs- und Lehrmittel. (S. 106)
Offensichtlich hält Cotten die “Parteinahme“, die ihr sonst so widerstrebt, im Fall der ausgebeuteten Kreatur einfach für „nötig“.
Cotten experimentierte schon in der Vergangenheit immer wieder mit überkommenen Formen wie Sonett, Elegie und Ode. Vor allem aber arbeitet sie mit dem Instrumentarium von Dada, Konkreter Poesie und Wiener Gruppe. Das heißt, sie integriert nicht nur Nonsense, Protest und Mundart, sondern behandelt Wörter und Text auch wie visuelle Bausteine auf dem Papier. Zum Beispiel verdichtet sie ganze Kaskaden von Kanji, in der japanischen Schrifttradition verwendete Schriftzeichen chinesischen Ursprungs, zu schwarmartigen Formationen (S. 36) oder ruft mit Reihen wie „–˘˘–˘–˘–˘–˘–“ mehrfach Christian Morgensterns ikonisches Fisches Nachtgesang in Erinnerung.
Erst visueller und sprachlicher Ausdruck gemeinsam ergeben das komplette Bild. Dann erschließen sich – bei aller intellektuellen Vertracktheit – auch Humor und Spielcharakter von Cottens Kunst.
Judith Leister lebt in München. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften in München und Berlin ist sie heute als freie Journalistin vor allem für die Neue Zürcher Zeitung, den SWR und den Deutschlandfunk tätig.
