#Sachbuch

Poetik des Gegenwartsromans

Nadine J. Schmidt, Kalina Kupczynska

// Rezension von Veronika Schuchter

Die Poetik(en) einer bestimmten Epoche zu erfassen, das Typische, Musterhafte, ist nicht nur ein schwieriges Unterfangen, es ist auch ein höchst verantwortungsvolles, wenn nicht gar politisches: Man muss zwangsläufig selektieren, betonen und bewerten, wobei zeitliche Distanz hilft, sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Im distanzierten Blick werden Strukturen deutlicher und die persönliche Verortung liegt möglicherweise in Traditionslinien, denen man ohnehin nie entfliehen kann, doch man schaut von oben auf seinen Gegenstand und befindet sich nicht mittendrin. Eine Poetik des Gegenwartsromans vorzulegen ist nicht zuletzt deshalb eine große Herausforderung, der sich Nadine J. Schmidt und Kalina Kupczynska mit einem Sonderband bei Text + Kritik gestellt haben, und das, soviel vorweg, durchaus erfolgreich.

Die Herausgeberinnen erweisen sich bei der Zusammenstellung der Beiträge als sehr umsichtig und um verschiedene Perspektiven bemüht. Im ersten Teil des Bandes kommen in Form von Interviews mit Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyer und Clemens S. Setz zwei Vertreter der Gegenwartsliteratur selbst zu Wort. Während sich Beyer der Gegenwartsliteratur gegenüber durchaus kritisch zeigt und ihr einen unübersehbaren Hang zu „Privatismen, zur banalen Selbstbespiegelung und zum Ausblenden der Welt“ (S. 10) attestiert, wehrt sich Setz dagegen, als typischer Vertreter seiner Autorengeneration gelesen zu werden: „Das machen doch schon so viele. Man sieht ja vor lauter Stimmen-einer-Generation die Epoche schon gar nicht mehr.“ (S. 16). Norbert Otto Ekes Beitrag über Poetik-Vorlesungen und Dozenturen schlägt dann eine schöne Brücke zum Literaturbetrieb, der im nächsten Themenblock unter die Lupe genommen wird. Ulrike Brandes entwirft etwa sehr überzeugend eine (für die Zunft der Kritiker nicht unbedingt schmeichelhafte) Poetik der Gegenwartsromanrezeption – der Beitrag ist erfreulicherweise weniger sperrig als sein Titel.

Manches ist für den Kontext etwas zu exemplarisch geraten, etwa Julia Schölls Beitrag über den Garten als historiografisches Palimpsest in der Gegenwartsliteratur. Ob der Garten als Schauplatz und Motiv tatsächlich dazu taugt, poetologisch für den Gegenwartsroman fruchtbar gemacht zu werden, geht aus dem Beitrag, der sich mit Jenny Erpenbecks Heimsuchung, Thomas Hettches Pfaueninsel und Valerie Fritschs Winters Garten befasst, nicht hervor, auch wenn er für sich gelesen ausgesprochen spannend ist.

Neben dem klassischen Roman werden auch hybride Formen wie die Graphic Novel oder, am Beispiel von Alban Nikolai Herbst und Benjamin Stein, literarische Webblogs in den Blick genommen, die die Gattung öffnen und eine Verbindung zu den neuen Medien darstellen.  In einem letzten thematischen Block dienen Beiträge zu Felicitas Hoppe, Christoph Ransmayr, Daniel Kehlmann, Thomas von Steinaecker, Thomas Hettche und Herta Müller dazu, exemplarisch doch einige „romanpoetologische Tendenzen” (S. 7) herauszuarbeiten, die trotz der Heterogenität bis Unübersichtlichkeit der narrativen und ästhetischen Verfahren im Gegenwartsroman sichtbar werden, wozu unter anderem ein Hang zum mündlichen Erzählen und ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit gezählt werden kann.

Was fehlt, und das ist wohl der eingangs erwähnten zwangsläufig fehlenden historischen Distanz geschuldet, ist eine zeitliche Festlegung, wann denn nun die Gegenwart, also ein angenommener Jetzt-Zustand der Literatur, beginnt, oder zumindest eine Erläuterung, warum auf eine solche Einschränkung verzichtet wird. Das ist ein kleiner Wermutstropfen, denn selbsterklärend ist das nicht. Doren Wohlleben hält in seinem Beitrag Poetik als Praxis fest: „Zur Poetik des deutschsprachigen Gegenwartsromans zählt die Beteuerung, dass er keine Poetik habe. Daran ändern auch die zahlreichen poetologischen Schriften und von Schriftstellern gehaltenen Poetik-Vorlesungen nichts, eine in Deutschland seit mehr als einem halben Jahrhundert inzwischen an vielen Universitäten fest eingerichtete Institution an der Schaltstelle von Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft. Im Gegenteil. Es wird nach wie vor mit besonderem Eifer gegen eine alte Poetik-Konzeption polemisiert, die in frühaufklärerischer Tradition mit einer Regel-Poetik, einer Poetik, die normative Vorschriften und allgemeingültige Aussagen macht, verbunden ist.“ (S. 154) Zwar bleibt Wohlleben den Nachweis schuldig, wo denn anscheinend so heftig polemisiert wird, aber er hat natürlich recht mit der Feststellung, dass der Gegenwartsroman oder vielmehr das ihn umgebende, professionelle Rezeptionsumfeld durch eine Abwehrhaltung gegen eine dogmatische Regel-Poetik gekennzeichnet ist.

Björn Hayer warnt in seinem Beitrag zu Hybridität und Grenzüberschreitungen als Signaturen der Gegenwartsliteratur  eingangs davor, dass die Identifizierung von Poetiken der Gegenwartsliteratur „stets unter dem Vorbehalt des Tendenziösen” (S. 117) stünden. Es gehört zur Qualität dieses Bandes, dass die Herausgeberinnen solche Vorbehalte entkräften, indem sie versuchen, „die Pluralität der poetologischen Konzepte so zu präsentieren, dass sie nicht in einige wenige ‚Labels‘ hineingezwängt werden.“ (S. 8) Das ist ihnen gelungen. Der Band  zeigt die Vielfalt der Gegenwartsliteratur sowie der wissenschaftlichen und feuilletonistischen Zugänge auf, ohne sie auf einen Nenner bringen zu wollen. Sie betonen sowohl Gemeinsamkeiten als auch die Heterogenität und zeichnen damit ein umfassendes Bild des Gegenwartsromans. Ob dieses standhält, werden spätere Generationen überprüfen müssen.

Nadine J. Schmidt, Kalina Kupczynska Poetik des Gegenwartromans
Sonderband Text + Kritik.
München: edition text + kritik, 2016.
213 S.; brosch.
ISBN 978-3-86916-533-2.

Rezension vom 06.12.2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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