#Lyrik
#Prosa

Platzanweisung

Christina Böhm

// Rezension von Martina Wunderer

Schon zum 19. Mal trafen sich am 5. und 6. November Autoren und Leser, Lektoren und Agenten im Kulturzentrum Wabe am Prenzlauer Berg, um den Finalisten des Open Mike beim Lesen zuzuhören. Er gilt als der wichtigste Nachwuchswettbewerb der deutschsprachigen Literatur, zu den Autoren, die hier ihr Debüt feierten, gehören unter anderem Terézia Mora, Julia Franck und Kathrin Röggla. Bewerben darf sich jeder, der nicht älter als fünfunddreißig ist und noch keine eigenständige Buchveröffentlichung vorzuweisen hat. Gelesen wird im fünfzehn-Minuten-Takt, die Reihenfolge ist durch das Los bestimmt. Die Juroren – in diesem Jahr Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tilman Rammstedt – dürfen am Ende bis zu drei Preisträger küren, zweimal Prosa, einmal Lyrik. Der Preis ist mit 7.500 Euro dotiert.

Etwa siebenhundert Manuskripte werden jährlich eingesandt, die von sechs Lektoren renommierter deutschsprachiger Verlage im Vorfeld geprüft werden. Am Ende wählen sie gut zwanzig Finalisten aus, die im Herbst nach Berlin zum Wettlesen fahren. Der Publikumsandrang ist auch in diesem Jahr groß, Kein Platz, selbst am Sonntag 12 Uhr mittags sind alle Stühle besetzt, und wenn man sich so umsieht im Publikum könnte man meinen, dass es hier nicht um Literatur sondern um Fashionblogs oder Popkultur geht: Alle sind gefühlt um die dreißig, trinken Bionade und tragen Architektenbrille. Manchmal schreien Babys. In den Pausen wird geraucht.

Für mich hat der Open Mike etwas Anarchisches, das ist mir sympathisch. Ich wollte es einfach mal probieren“, sagte die Siegerin Christina Böhm im Anschluss an die Preisverleihung. Die Wienerin teilt sich den Preis für Prosa mit Joseph Felix Ernst (Nürnberg), der Lyrikpreis ging an Sebastian Unger (Berlin). Den Preis der taz-Publikumsjury erhielt ebenfalls Christina Böhm für ihren Text Platzanweisung, der die Jury durch „sein Tempo, (…) durch seinen Witz und vor allem durch seinen spielerischen Umgang mit höchst existenziellen Fragen“ überzeugte.
Während ihres Vortrags erntete die 35jährige studierte Juristin immer wieder befreites Gelächter – kein Wunder nach 45 Minuten verschwurbelt hermetischer Lyrik -, doch spätestens beim Wiederlesen schimmern unter dem bissigen Humor der tiefe Ernst der Thematik und die große Verzweiflung der Ich-Erzählerin hervor. In einem erregten Monolog schildert eine gescheiterte Jungautorin ungeschönt und mitleidlos auch gegen sich selbst die prekäre Situation nicht nur des Literaturbetriebs, sondern einer ganzen Generation – der Generation der dreißigjährigen, bionadetrinkenden, freischaffenden Akademiker, die trotz bester Ausbildung und beeindruckender Lebensläufe kein gesichertes Auskommen mehr finden.
Kein Platz. „Die Jungen sind zu viele und die Alten werden zu alt.“
Als ich aus dem Büro der Dramaturgin kam und mir die Dramaturgin gesagt hatte, dass sie mein Stück nicht wolle, einfach nicht wolle“, beginnt Böhms Erzählerin ihre wütende Suada, „da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich in eine Schleife gerate, so eine Möbius-Schliefe, eine Unendlichkeitsschleife.“ Ihr Text sei allzu well-made, zu plot-driven, zu linear, zu kausal, zu psychologisch, zu motiviert. „Das Fragmentarische fehlt mir bei Ihnen, ich sehe das nicht bei Ihnen“, erklärt die Dramaturgin mit der Architektenbrille, und wünscht sich etwas weniger Kleist und etwas mehr Helene Hegemann, das sei es, was die Presse wolle, und „ohne Presse kein Vertrieb. Ohne Vertrieb kein Buchhandel, ohne Buchhandel keine Literatur.“ „Lern die Regeln.“
Kein Platz
. Nicht im Zugabteil, nicht in der Kita, kein Ausbildungsplatz, kein Platz im Wohnheim, kein Praktikumsplatz, kein Arbeitsplatz, „und studieren darfst du nur in Graz“. Wir sind zu viele, „stehen einander im Weg, nehmen einander die Jobs weg und die Aufenthaltsbewilligung und die Sitzplätze und die Stückaufträge“. So lautet die bittere Bestandsaufnahme, und das Perfideste daran: „Wir denken immer, es liegt an uns. (…) während die Welt uns vor vollendete Tatsachen stellt.“
„So kann man nicht leben, ökonomisch nicht und psychologisch auch nicht.“
Als Ausweg bleibt allein die Einbildungskraft,
„die Vorstellung, die man beim Springen hat, die ist ja, dass man fliegen wird.“ Sie birgt die Möglichkeit eines anderen Lebens, eines anderen Ichs, und so steigert sich die Erzählerin in ihrem Monolog in Tötungsphantasien hinein, wird zu Clint Eastwood und Don Corleone und Wyatt Earp, um einmal die Welt zu verändern, „auf die einfache Art. In ein Lokal spazieren und die Feinde erledigen und die Welt ist geändert“. Mit Gewalt den Platz erobern, der einem zusteht, „aber wahrscheinlich steht hier niemandem gar nichts zu.“ Es ist wie Reise nach Jerusalem. Ein Stuhl ist immer zu wenig, einer scheidet immer aus.

Kein Platz. „Wie viel Platz wird Dir Dein Alltag für Liebeskummer lassen? Für die Pubertät? Für den Aufstand?“, schrieb Henning Sußebach vor kurzem in der Zeit in einem Brief an seine Tochter Marie. „Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt es. Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! Mich zu irren. Fehler zu machen. In eine Sackgasse zu laufen und wieder zurückzugehen. Mach auch mal Fehler, Marie!“

Machen Sie doch einfach mal, was Sie wollen“, forderte auch Felicitas Hoppe bei der Preisverleihung. Die Jury habe sich ganz bewusst für Werke entschieden, die nicht mit erschreckender Professionalität gemacht sind, um in den Rahmen allgemeiner Gefälligkeit zu passen. „Brechen Sie da ruhig mal aus!“, riet sie den Nachwuchstalenten, und „versuchen Sie niemals, sich vorzustellen, was im Kopf eines Lektors vorgeht, der eines Tages Ihren Text lesen könnte. Da fängt das Problem eigentlich an.“ Welche Ironie, dass ausgerechnet die preisgekrönte Erzählung von Christina Böhm beschreibt, was Apiranten blüht, die an den Erwartungen der Lektoren und Dramaturgen vorbeischreiben. Der Platzverweis.

Christina Böhm Platzanweisung
19. open mike.
Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik.
Hg.: Literaturwerkstatt Berlin, 2011.
200 S.; brosch.
ISBN 978-3-86906-224-2.

Rezension vom 14.11.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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