#Roman

Philomena Ellenhub

Johannes Freumbichler

// Rezension von Silvia Sand

Ein Salzburger Bauernroman.

Johannes Freumbichler, der für die Kindheit und Jugend seines Enkels Thomas Bernhard eine wichtige Leitfigur war, erfährt mit der Wiederauflage seines Romans Philomena Ellenhub – anlässlich seines 60. und Thomas Bernhards 20. Todestages, welch seltsame Fügung! – eine späte Würdigung. Eine Würdigung mit gewissen Einschränkungen, geht es doch darum „in jenen Lebens-und Schreibkontext einzutauchen, aus dem das Schreiben und Leben des Thomas Bernhard sich entfaltete“. Der 1937 mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnete Roman wird von zwei Artikeln von Thomas Bernhard, einem ausführlichen Glossar, einer Zeittafel und einer Erläuterung des Freumbichler-Biographen Bernhard Judex ergänzt und man freut sich an der rundum informativen Taschenbuchausgabe.

 

Die Handlung des Salzburger Bauernromans, die Johannes Freumbichler um 1850 angesiedelt hat, lässt sich kurz zusammenfassen: Philomena, Tochter einer ehrwürdigen Bauernfamilie, wird nach dem frühen Tod der Eltern ebenso wie ihre Geschwister in den Dienst zu Fremden geschickt. Alle haben einen harten Lebensweg vor sich, aber alle bestehen, außer dem ältesten Bruder, der den Hof übernommen hat und diesen –  da er nicht durch die harte Schule des Lebens gegangen ist – durch Geiz und Vergnügungssucht verliert. Philomena (Mena) dagegen arbeitet sich vom „Kleinmensch“ zur „Großdirn“ hoch. Obwohl zeitweilig als „Hure“ verschrien, entscheidet sie sich gegen eine Heirat, geht durch ihre Vernunftbegabtheit schlechten Einflüssen aus dem Weg und erlangt den Respekt der Dorfbewohner. Am Ende ihres arbeitsamen Lebens kann sie sich auf einen Altersabend in bescheidenem Wohlstand und in aller Unabhängigkeit freuen.

Was wenig spektakulär klingt, macht der Autor zu einem fesselnd erzählten Einzelschicksal inmitten von farbigen und seelenvollen Bildern bäuerlichen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Hierbei spart er nicht mit dramatischen Höhepunkten wie Festen, Krankheiten und Tod, katholischen und „schwarzen“ Messen, einer Feuersbrunst, dem Ausbruch des Krieges und der Revolution gegen den Kaiser, die die Zerbrechlichkeit der starren bäuerlichen Gesellschaftsordnung gewahr werden lässt. Die Romanfiguren entsprechen dieser Ordnung in den stolzen Großbauern, dem reichen Bräu, dem weisen Ähnl, dem ausgedienten Wichtelweib, dem schneidigen Wilderer oder dem närrischen Studierten, und es gelingt Freumbichler, jeden Einzelnen in seiner menschlichen Originalität zu zeichnen. Von allen ist „die Mena“ die Schönste, Stolzeste, Gescheiteste, Arbeitsamste,  Sparsamste, Lustigste und Begehrteste. Diese etwas zu dick aufgetragene Idealisierung wird durch die Direktheit, mit der Freumbichler auf Menschen und Dinge schaut, wie er sie benennt und in ihrem Wesen erkennt, relativiert. Sein durchdringender Blick macht aus jedem Typus einen lebendigen Menschen und er erzählt von jahrhundertelang tradierten Lebensformen, wie etwa dem Umgang mit den Alten und Hilfsbedürftigen, die in gesellschaftlichen Nischen eine Mindestsicherung ihres Lebens erfahren, von der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau, die über Feste und übers „Fensterln“ reguliert wird, von der Macht der Religion, die nicht nur der Pfarrer, sondern auch Sektierer ausnützen, und von der politischen Unbedarftheit, die den Krieg als reinigende Kraft und Abenteuer für die jungen Burschen sieht.

Johannes Freumbichler, der 1871 in Henndorf in Salzburg geboren wurde, entstammte zwar einer bäuerlichen Familie, verweigerte jedoch das Erbe und führte ein unstetes Leben zwischen Salzburg, München, Südtirol, der Schweiz und Wien, wo er sich nach erfolglosen Versuchen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, nur mehr dem Schreiben widmete. Dass er aus der Distanz des Städters in Wien einen Bauernroman schrieb, entspricht der typischen Sehnsucht des Heimatliteraturschreibers nach dem „verlorenen Paradies“. Während in dieser Zeit Bestseller wie die Heimatromane eines Ludwig Ganghofer durch Trivialität bestachen und später Karl Heinrich Waggerl, Josef Friedrich Perkonig und Maria Grengg – allesamt Träger des Literatur-Staatspreises in den 1930er-Jahren – nicht nur literarische, sondern auch nationalsozialistische Heimatverbundenheit demonstrierten, strebte Freumbichler nach höheren Zielen. „Ich will ein Beispiel aufstellen, wie ein Mensch bei größten Widerständen sein Ziel dennoch erreicht.“ und meinte damit vielleicht sich selbst. (Anhang S. 562)

Sein Erzählton ist originell, „vollkommen unliterarisch und vollkommen dichterisch“, wie sein Fürsprecher Carl Zuckmayer sich ausdrückte (Anhang S. 565). Leider lässt sich dennoch der Zeitgeist der „Blut-und Bodenliteratur“ des Dritten Reiches nicht wegleugnen: immer wieder ist vom „Blut“ die Rede, das sich in vielen Handlungen sein Recht sucht, und der Autor singt ein nicht endendes Loblied auf die Arbeit am Acker. Schade ist auch, dass er das starke Frauenbild Menas in die Nähe des gängigen nationalsozialistischen Klischees rückt: „In ihrem Lächeln war etwas Fröhliches, heimlich Triumphierendes, das besagte, daß sie für nichts wirkliches Interesse hatte als für Liebe, Muttertum und Lebenssicherheit.“ (S. 422) Dabei ist „die Mena“ ein innerlich ungewöhnlich freier Mensch: weder heiratet sie, um den Ellenhuber’schen Hof zu retten, noch um dadurch im Ansehen der Dorfgemeinschaft zu steigen, und schon gar nicht, um sich vor männlichen Angriffen zu schützen. Sie fügt sich einerseits fraglos in die vorgegebene Gesellschaftsordnung ein und behält sich andererseits „Selbstverwirklichung“ vor: keiner der Bewerber kann ihren Stolz auf die gesellschaftliche Unabhängigkeit überbieten.

Philomena Ellenhub ist Freumbichlers Mutter gewidmet und ein Denkmal für die Lebenstüchtigkeit der Frauen. Es war seine Gefährtin Anna Bernhard, die den Mut hatte, das auf etwa 1000 Seiten ausufernde Manuskript an den renommierten Autor Carl Zuckmayer zu schicken und dessen Frau Alice straffte das Werk auf lesbare 500 Seiten. Auf diese Weise erlangte der mit beständiger Existenznot kämpfende Autor die ersehnte Anerkennung. Während er den materiellen Lebenskampf auf seine Mutter, seine Lebensgefährtin und seine Tochter abwälzte, nahm er selbst „den Kampf (…) mit dem Unmöglichen, mit der totalen Aussichtslosigkeit der Schriftstellerei“ auf sich – so Thomas Bernhard in „Die Ursache“ (Anhang S. 556). Aus heutiger Sicht hat Freumbichler diesen literarischen Kampf gewonnen – nicht nur als „Großvater von Thomas Bernhard“.

Johannes Freumbichler Philomena Ellenhub
Roman.
Mit zwei Artikeln von Thomas Bernhard.
Leipzig: Insel Taschenbuch, 2009.
588 S.; brosch.
ISBN 978-3-458-35060-6.

Rezension vom 10.03.2009

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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