#Sachbuch

Paul Celan. Poetik der Fremdheit.

Jean Bollack

// Rezension von Daniela Strigl (Hrsg.)

Daß über Paul Celan noch lange nicht alles gesagt ist, daß über ihn nie alles gesagt sein wird, liegt in der Natur von Person und Werk.
Jean Bollacks große Studie, von Werner Wögerbauer fachkundig und mit schöner Klarheit ins Deutsche übersetzt, heißt im Original noch spröder „L’Ecrit. Une poétique dans la poésie de Celan“. Der Autor, als Elsässer Jude zweisprachig, gehörte zu Paul Celans Pariser Bekanntenkreis. Das Wagnis, das er hier eingeht, verdient jedenfalls Respekt: Denn wer traut sich heute noch zu behaupten, die eigene Interpretation sei im Grunde die einzig richtige und die meisten anderen Interpreten befänden sich auf dem Holzweg?

Bollacks Hauptzielscheibe ist dabei die Hermeneutik, die – mit Hans-Georg Gadamer als Galionsfigur – versucht, den Horizont des Kunstwerks mit dem Verständnishorizont des Lesers zu verschmelzen und dabei ohne biographische oder philologische Zusatzinformation auszukommen. Bekanntlich spricht Paul Celan in seinen Gedichten in Rätseln, die immer schwerer lösbar scheinen, je weiter das Werk voranschreitet. Jean Bollack sagt nun ohne mit der Wimper zu zucken: „Die Gedichte wurden geschrieben, damit sie entziffert werden. Sonst wäre es auch gar nicht möglich, sie zu entziffern. Es gelingt aber.“

Ein großes Wort, gewiß, und es ist gerade die Bescheidenheit der gängigen Celan-Interpretation, die ihn empört, ihr Sich-Bescheiden mit der Feststellung des Dunklen, das man so belassen will, indem man eine vielfältige Erhellung des „absolut Metaphorischen“ für zulässig erklärt – ein gebräuchliches Verfahren bei der Betrachtung moderner Literatur. Bollack wendet sich vehement dagegen, indem er Celan selbst als Kronzeugen gegen die „Lüge“ der Metapher, gegen ihre Beliebigkeit aufruft.
Als Altphilologe setzt Bollack die intentio des Autors, dieses Autors, über die freie Verfügbarkeit seines Werkes. Für ihn ist das Gedicht das Allerpersönlichste, Ausdruck einer „partikularen Wahrheit“. Um sie möglichst weitgehend zu dechiffrieren, muß sich der Interpret für Biographisches und Anekdotisches ebenso interessieren wie für Celans Lektüre. Denn Celans Werk ist Literatur aus Literatur. Doch vor allem gilt es, die lyrische Privatsprache Celans zu erlernen, in der etwa das Wort „hier“ auf Hiroshima verweisen kann, in der auch das, was uns vertraut anmutet und woran wir uns dankbar festhalten – Herz, Licht, Uhr, Stein – eine neue, mitunter dem Geläufigen entgegengesetzte Bedeutung hat.

Jean Bollack betrachtet Celans Lyrik esoterisch, d.h. ihren inneren Zusammenhängen und ihrem Geheimnis nachspürend. Esoterisch meint aber keineswegs theologisch. Vielmehr wirft Bollack jüdischen und christlichen Deutern und vor allem den Heideggerianern zu recht vor, Celans radikalen Bruch mit der Sprache, der deutschen Dichtersprache, und mit dem metaphysischen Trost nicht wahrhaben zu wollen, seine Lyrik gewaltsam in die Tradition einzugemeinden und in ihr eine diffuse Gläubigkeit festzumachen. Mit der Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, die als Subtext jedem Gedicht eingeschrieben ist, sind aber für Celan alle Brücken zum Abendland abgebrochen. Er ist der Geist, der stets verneint.

Bollack fordert, das Hermetische von Celans Texten als das unüberwindbar Fremde zu akzeptieren. In seinen Gedicht-Interpretationen führt er die widersprüchliche Annäherung zum Teil überzeugend vor, er mutet seinen Lesern aber auch einiges zu und setzt als Altphilologe und Celanist etliches voraus. Wenn im Gedicht eine „Phaläne“ und „Phylakterien“ vorkommen, wird nicht erklärt, was das ist. (Weiß man es nicht, findet man es auch nicht im Fremdwörterlexikon, erst das Griechischwörterbuch hilft.)
So faszinierend Bollacks gelehrte Hingabe an seinen Gegenstand ist, bedenklich scheint der Glaube an die alleinseligmachende Wahrheit doch. Es mag sein, daß Celan am Unverständnis seines Publikums verzweifelt ist – es kann aber dennoch verschiedene, freilich nicht unbegrenzt viele, Wege zum Verstehen geben.

In einem hat Bollack aber wohl recht: Wer Celan verstehen will, darf nicht immer wieder bei Null beginnen, er muß das ganze Werk studieren. Celan selbst gab einem ratlosen Leser den Rat: „Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verständnis kommt von selbst.“

Daniela Strigl
6. Dezember 2000

L’Ecrit. Une poétique dans la poésie de Celan.
Aus dem Französischen von Werner Wögerbauer.
Wien: Zsolnay, 2000.
376 S., geb.; öS 423.-.
ISBN 3-552-04976-2.

Rezension vom 06.12.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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